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Cover "Tödliche Ruhr" von Ralf Weißkamp     Leseprobe "Tödliche Ruhr"

von Ralf Weißkamp

Taschenbuch, 200 Seiten, ISBN: 978-3-96050-152-7 

1


Thomzyk bewegte sich mühsam die Rampe hoch und Wilfried achtete darauf, auf dem feuchten Beton nicht aus-zurutschen.
»Dieses verdammte Rheuma«, fluchte er und hielt sich die Hüfte.
Die Krankheit machte es immer schwerer, seinen Hof zu bewirtschaften. Seine Frau war ihm keine große Hilfe, ihr ging es kaum besser. Sie guckte den »Tatort«, das flackernde Licht des Fernsehers reichte bis auf den Hof. Ächzend erreichte er die Wand des Güllesilos. Wann hatte er es zum letzten Mal geschafft, die wenigen Sprossen bis zum Rand hinaufzusteigen und einen Blick reinzuwerfen? Seufzend nahm er den Teleskopstiel aus der Tasche und befestigte den Spiegel daran. 
»Man muss sich nur zu helfen wissen«, lächelte er und reckte Stiel und Spiegel in die Luft. Im Licht der Dämmerung konnte er so eben noch erkennen, wie hoch das Silo bereits gefüllt war. »Muss bald was passieren«, nuschelte er. Dann spürte er, wie ihn jemand von hinten packte, an den Ärmeln, an der Jacke, links und rechts. 
»He, was soll das, wer sind Sie?«, rief er, doch die Männer antworteten nicht. Schweigend schoben sie Wilfried Thomzyk die Rampe hoch zur Leiter. Er hörte sie schnaufen, als er sich wehrte, gegen den Druck stemmte, versuchte, die Schmerzen zu ignorieren und mit seinen Gummistiefeln Halt zu finden. Doch sie schoben ihn brutal weiter nach vorn. 
»Was soll der Mist, hört auf damit, ich hab doch nichts!«, schrie er. Aber die Männer hatten die Leiter erreicht und rissen ihn hoch. Links und rechts stiegen sie die Sprossen hinauf und zerrten ihn mit. Stöhnend versuchte er, sich an die Leiter zu klammern, Halt zu finden. Aber die Männer zogen ihn weiter die Leiter empor, Sprosse für Sprosse. Dann legten sie ihn oben auf den Rand. 
Wilfried Thomzyk spürte, die das Aluminium ihm in den Bauch drückte. Er versuchte zu schreien, aber er hatte keine Luft. Sein brauner Cordhut klatschte auf die flüssige Gülle. Er hörte noch, wie einer der Männer »Fette Sau!« fluchte, dann rissen sie noch einmal an ihm, die letzten, die ent-scheidenden Zentimeter. 
Willi Thomzyk begrub seinen Cordhut unter sich, als er in die stinkende Flüssigkeit eintauchte. Sie schlug über ihm zusammen, lief in seine Stiefel, seine Jacke. Er konnte nichts mehr sehen, nicht mehr atmen. Voller Panik ruderte er mit den Armen, aber es nutzte nichts. Hilflos, panisch nach Luft schnappend und Gülle saufend, sank Willi Thomzyk auf den Boden seines Silos.


2

»Guten Tag, Detektei Flöz Vier, Robert Werner am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?«
»Kennen Sie sich mit Wasser aus? Oder mit Chemie?«
Wasser …, schoss es ihm durch den Kopf. Was fiel ihm zu Wasser ein? Waschen, mehr nicht. Schwimmen konnte er zwar, war aber seit Jahren in keinem Becken mehr gewesen. Wasser trinken? Nein, dafür gab es Besseres.
»Es kommt darauf an, was Sie darüber wissen wollen. Unsere Stärke ist die Recherche, egal zu welchem Thema. Mit wem habe ich es denn bitte zu tun?«
»Oder mit Mord? Haben Sie Erfahrung mit Morden?«
Robert Werner straffte sich, sein Blutdruck ging hoch und seine Gedanken kreisten eine Spur schneller.
»Mit Morden? Selbstverständlich kenne ich mich mit Morden aus. Allein in unseren letzten beiden Fällen sind so viele Leute ums Leben gekommen … Das reicht für ...«
»Gut, dann komme ich gleich bei Ihnen vorbei.«
Das Knacken in der Leitung war ein untrügliches Anzeichen dafür, dass sein Gesprächspartner das Telefonat been-det hatte. Merkwürdiger Vogel, dachte er. Was wollte der von mir? Wasser, Chemie, Morde – was sollte das? Egal, er wür-de es gleich erfahren. Und es roch nach einem interessanten Fall. Und nach Geld. Sein gequältes Konto lechzte danach. Der Fall vor einigen Wochen hatte ihnen nicht viel einge-bracht. Sah man mal vom Ärger mit der Polizei ab. Die stumpfsinnigen Beobachtungen im Kaufhaus reichten gera-de für die Miete und die Krankenkasse. Wenn Sylvia ihn nicht unterstützen würde, gäbe es die Detektei nicht mehr.
Gut zwanzig Minuten später stand der mögliche neue Klient vor der Tür. Etwas kleiner als er, gedrungene Figur, ein Gesicht, dem man ansah, dass es viel an der frischen Luft war, wulstige Lippen, nur noch wenige kurze graue Haare, aber sehr wache Augen, die ihn taxierten. Robert kam es vor, als würde er gescannt. Dann hob der Mann langsam seine rechte Hand und reichte sie ihm, so, als wäre er mit dem Ergebnis seiner Begutachtung zufrieden. 
»Meier, Thomas Meier.«
»Werner. Bitte, kommen Sie herein.« Robert machte den Weg zu seinem kleinen Büro frei, das er sich an der Berg-mannstraße in Gelsenkirchen-Ückendorf angemietet hatte. »Sie sprachen vorhin von Wasser, Chemie und Mord, Herr Meier. Was meinten Sie damit?«
Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und beobachtete, wie der Mann vor ihm sich in den Besucherstuhl quetschte.
»Ich meinte genau das, was ich sagte.« 
»Nun, geht es vielleicht etwas konkreter?« Robert gab sich keine Mühe, seine aufkommende Ungeduld zu verbergen.
»Vor wenigen Jahren wurde ich zu Unrecht beschuldigt, verseuchtes Abwasser in die Ruhr geleitet zu haben, ich und noch andere Landwirte. Jetzt, nach einem endgültigen Urteil, soll ich Schadenersatz zahlen. Aber das werde ich nicht, verdammt noch mal, keinen Cent kriegen die Schweine!«
»Bislang können wir die Begriffe Wasser und Chemie abhaken. Aber wo bleibt der Mord?«
Der Besucher straffte sich und holte tief Luft. 
»Zwei meiner Kollegen sind in den letzten Monaten ums Leben gekommen, angeblich Unfälle. Aber das kann nicht sein. Der eine ist in einem Güllebecken ertrunken, dabei hatte der so schlimmes Rheuma, der wäre alleine nie bis zum Rand des Beckens gekommen. Das liegt etwas höher. Der andere soll betrunken sein Auto vor einen Baum gesetzt haben, dabei habe ich den noch nie etwas trinken sehen. Und der Baum ist weit und breit der einzige.«
Was nichts heißen muss, dachte Robert. Viele Leute saufen heimlich. 
»Was möchten Sie konkret von mir? Was kann ich für Sie tun?«
»Na, ermitteln, verdammt. Die Polizei macht nichts weiter, für die sind die Fälle abgehakt. Aber ich habe keine Lust, der nächste zu sein, der ins Gras beißt, verstehen Sie das?«
Den leicht sarkastischen Unterton schenkte sich Robert. »Wen vermuten Sie hinter diesen beiden Todesfällen? Wer könnte einen Vorteil daraus ziehen?«
»Ist doch klar! Diejenigen, die tatsächlich diesen ganzen Mist in die Ruhr geleitet haben. Die wollen nicht, dass wir die ganze Geschichte wieder aufrollen. Da, habe ich Ihnen mitgebracht«, schloss er und ließ eine dünne Mappe, die er aus seiner Jacke zog, auf Roberts Schreibtisch fallen. »Mein Vorschlag: Sie lesen sich das alles durch, entscheiden dann, ob Sie den Fall übernehmen, und machen mir dann ein An-gebot. Aber nicht zu hoch, das Honorar, sonst suche ich mir einen anderen.«
Robert nickte. Selbstverständlich würde er den Auftrag übernehmen. Er entschied nicht nach Aktenlage, sondern nach Kontostand. 
»Machen wir so«, bestätigte er, als sein Gegenüber auf-stand. »Sie hören spätestens morgen von mir.« Dann brachte er seinen Gast zur Tür, stellte die Kaffeemaschine an und schnappte sich die Akte.


3

»Bis gleich, Schatz, in einer Stunde bin ich bei dir.« Robert drückte die rote Taste auf seinem Handy, steckte es in die Tasche und schnappte sich Jacke und Autoschlüssel. Als er seine Wohnung abschloss, begegnete er in dem kleinen Flur, der zum Hof des Hauses führte, dem jungen Nachbarn. Der war erst vor wenigen Wochen mit seiner Freundin und dem kleinen Baby hier eingezogen, nachdem die Vormieter, zwei sehr alte Leute, kurz nacheinander verstorben waren.
»Wegen neulich, tut mir leid, kommt nicht wieder vor«, versprach der korpulente und stets gut gelaunte Mann im Vorbeigehen.
Robert schätzte ihn auf Anfang zwanzig, seine Freundin noch etwas jünger. Er hatte seinen Nachbarn angezählt, weil er sich bei dem Versuch, die Mülltonne vom Hof zu bringen, fast einen Hexenschuss geholt hatte. Später hatte sich herausgestellt, dass der Nachbar das Getriebe seines alten BMWs darin entsorgt hatte.
»Schon in Ordnung«, nuschelte Robert und machte, dass er an ihm vorbeikam. Er schloss seinen alten Golf auf, der überraschend vor wenigen Tagen doch noch einmal die TÜV-Plakette bekommen hatte. Dann ließ er sich in den Sitz fallen und atmete hörbar aus. Die Akte, die der Mann ihm dagelassen hatte, war hochinteressant, aber nicht leicht zu verdauen. Doch jetzt freute er sich auf Sylvia, seine Geliebte und Freundin. Und auch seine Chefin. Sie hatte die Gründung der Detektei angeregt und ihm die erste Zeit ein Gehalt gezahlt. Das war jetzt nicht mehr nötig, trotzdem fand er auf seinem Konto noch Geldeingänge von ihr. Ihr Geschäft »Bäderwelten Behnke« lief gut. Sie hatte es gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann aufgebaut. Im Zuge der Ermittlungen um seinen Tod hatte er sie kennengelernt, einige Zeit später waren sie ein Paar geworden. 
Robert freute sich auf die Fahrt nach Iserlohn, der Winter hatte sich verabschiedet und das erste Grün spross aus den Büschen und Bäumen. Die Luft war mild, obwohl es bereits dämmerte. Er drehte sich vier Zigaretten für die Fahrt, dieses Laster hatte er sich noch nicht abgewöhnen können. In Sylvias Haus rauchte er nicht, sie vertrug den Rauch nicht, also ließ er es. Lediglich am offenen Schlafzimmerfenster, wenn sie sich geliebt hatten, steckte er sich eine an.
Er startete den Motor und fuhr durch Ückendorf und Wattenscheid zur A40. Staus waren keine gemeldet und so bog er nach kurzer Zeit in Bochum auf die Autobahn ab. Die Strecke kannte er mittlerweile im Schlaf. Er genoss die Vorfreude auf Sylvia. 
Als er in Schwerte von der A45 abbog und die letzten Kilometer über die Landstraße fuhr, verabschiedete sich die Sonne endgültig hinter den Hügeln des Sauerlandes und tauchte die Felder und Wälder in ein letztes warmes Licht. Robert liebte diesen Anblick. Iserlohn war ihm vertraut ge-worden. Obwohl Ruhri durch und durch, fühlte er sich hier sehr wohl. Nicht nur wegen Sylvia. 
Sie erwartete ihn schon, gab ihm an der Haustür einen Kuss und zog ihn in den Flur.
»Du hast es aber eilig, hast du mich so vermisst?«, lächelte er und zog sie an sich. Liebevoll betrachtete er ihre langen braunen Haare, die auf ihre schlanken Schultern fielen, und ihre ebenfalls braunen Augen, die makellose Nase und die Grübchen an ihren Mundwinkeln, die er so liebte. 
»Dich und den leckeren Braten, der gerade eben fertig geworden ist. Los, ab in die Küche, alter Lüstling.« Der verführerische Augenaufschlag gab ihm das sichere Gefühl, heute Abend mit ihr nicht nur über den neuen Fall zu sprechen.

Robert steckte sich die Zigarette an und lehnte sich weit aus dem offenen Schlafzimmerfenster. Er staunte immer wieder darüber, dass die Nächte hier so viel kälter als in Gelsenkirchen waren. Er fröstelte, aber es war nicht unangenehm nach der Wärme und Hitze, die sie vorhin gespürt hatten.
»Woran denkst du?« Ihre Frage klang, als ob sie den Kampf mit dem Schlaf schon bald verlieren wollte.
»An dich. Und daran, wie sehr ich dich liebe, mein Schatz.«
»Lügner.«
Robert lächelte. Sie konnte in ihn hineinsehen und wusste, dass seine Gedanken jetzt bei dem neuen Fall waren. 
»Nein, wirklich. Morgen, beim Kaffee, bevor ich zurück nach Gelsenkirchen fahre, erzähle ich dir mehr davon.« Er schnippte die Kippe in den Garten, schloss das Fenster und kroch unter die warme Bettdecke.
»Du stinkst nach Rauch«, hörte er sie noch verschlafen murmeln.
Robert schwieg. Er liebte sie.

»Das ist wirklich ungeheuerlich. Ich dachte, unser Trinkwasser würde strengstens überwacht und nach dem neuesten Stand der Technik gereinigt. Und dann so etwas.« Schockiert legte Sylvia die Zusammenfassung der Akte, die Robert gestern noch geschrieben hatte, neben die Tasse mit dem dampfenden Kaffee. »Das heißt, dass für die meisten Menschen im Ruhrgebiet das Wasser nicht so gereinigt wird, wie es möglich wäre und auch sein müsste?«, fragte sie ihn fassungslos.
»Sieht so aus. Das Wasser wird nur von den optischen Verunreinigungen befreit. Kacke und Konsorten haben keine Chance, der Rest, die ganze Chemie, darf ungehindert passieren. So steht es zumindest in diesem Bericht.« Wie zur Bekräftigung tippte er mit dem Zeigefinger auf das oberste Blatt. »Für den Bau und Betrieb der Kläranlagen im Bereich der Ruhr ist seit vielen Jahrzehnten der ›Ruhr Verein‹ zuständig. Und dessen kommunalen Anlagen können die Abwässer von Industrieunternehmen nicht reinigen.«
»Das heißt, dass ...«
»... dass industrielle Schadstoffe locker und fröhlich die mehr als achtzig Kläranlagen passieren und in die Ruhr ge-langen. Darunter auch das hochgiftige und krebserregende PFT. Und andere Stoffe wie Röntgenkontrastmittel, Antibiotika, Phosphorsäure, Diclofenac und Benzotriazol. Aber vor allem PFT, die perfluorierten Tenside, um die es hier geht.« Robert wunderte sich, wie flüssig er diese Worte, die er gestern noch gar nicht gekannt hatte, aussprechen konnte.
»Aber technisch wäre es möglich, wenn ich das richtig verstanden habe?«
»Ja, die Stadt Mülheim beispielsweise zeigt es. Deren Ver-sorger knackt in der ersten Stufe mit Ozionisierung alle chemischen, im Rohwasser enthaltenen Verbindungen und in der zweiten Stufe deren Fragmente über sogenannte Festbett-Aktivkohlefilter. Es gibt noch andere Verfahren, aber die sind auch besser als das des größten Versorgers, der ›Felsenwasser-AG‹.«
»Wegen der Einleitung dieser PFT wurde dein Klient also angeklagt«, fragte Sylvia zur Klarstellung.
»Ja, er und noch viele andere. Sie hatten nichts anderes gemacht, als sogenannten biologischen Dünger auf ihren Feldern auszubringen.«
»Biologischen Dünger? Mit PFT?« Sylvia war aufgebracht. »So dumm konnten die doch gar nicht sein!«
Robert lehnte sich zurück und spielte mit seiner Zigarette, die er sich vor einigen Minuten gedreht hatte. 
»Diesen angeblich biologischen Dünger haben sie von der FV-Umwelt bekommen, einer Gesellschaft, die Dünger mit PFT-haltigem Sondermüll aus Holland und Belgien ver-mischt haben soll. Der wurde dann von hunderten von Landwirten auf den Feldern ausgebracht. Die hatten doch keine Ahnung, was da alles drin war. Aber das eigentlich perfide an dem Prozess war, dass ...«
»... diese Landwirte überhaupt nicht diejenigen waren, die die Hauptverursacher der PFT-Vergiftung waren. Das sind, wenn ich es richtig verstanden habe, etliche Dutzend Betriebe der Galvanik und der metallverarbeitenden Industrie. Die pumpen die Abwässer in die Ruhr.«
Robert nickte. »Und die Kläranlagen des Ruhr Vereins können den Dreck nicht herausfiltern. Oder wollen es nicht, weil es zu teuer wäre.«
»Also ist es wie so oft«, schloss Sylvia resignierend die Augen. »Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man lau-fen.«
»Auf den Gedanken könnte man kommen«, nickte Robert und schaute auf die Uhr. Zeit, nach Gelsenkirchen zu fahren. Ein spannender Fall wartete auf ihn.
»Wirst du den Auftrag übernehmen?«
Er nickte nur stumm.
»Das dachte ich mir, und es wird gut für dich sein«, sagte sie ernst und nahm seine Hände. »Das sieht nach einem Fall aus, der dich wirklich fordert. Und wenn du deshalb nicht mehr so oft nach Iserlohn kommen kannst, komme ich häufiger zu dir.«
Robert dachte mit Schrecken an den Zustand seiner Woh-nung im Flöz Sonnenschein.
»Keine Angst, ich melde mich rechtzeitig an«, lächelte sie.

Wieder zuhause in Gelsenkirchen, rief er seine Freunde Manni und Jan an. Die beiden gehörten zum Team und hat-ten alle bisherigen Fälle mit ihm gelöst. Manche sogar unter Einsatz ihres Lebens. Der letzte hatte in Iserlohn auf einer Autobahnbrücke geendet, mit einem irren religiösen Fanati-ker, einem durchgeknallten Metzger, der entführten Inhaberin des Esoterik-Institutes »WISENT« und einem SEK.
Sie verabredeten sich für zwanzig Uhr in ihrer Stamm-kneipe in der Altstadt. Jan, Besitzer der Schwulenkneipe »Achter Deck«, hatte heute seinen freien Tag und freute sich auf das Treffen mit seinen Freunden. Manni, der Taxifahrer und alte Studienkumpel, fuhr diese Woche tagsüber. Robert wusste, wie der Abend enden würde, und nahm sich deshalb für den nächsten Vormittag nichts vor.

»Inge, noch zwei Halbe und ein Wasser.« Routiniert streckte Manni drei Finger in die Höhe und erntete ein bestätigendes Nicken von der dicken Wirtin. Dann seufzte er, schnappte sich Stift und Block mit der Bemerkung: »Okay, ich mache heute Protokoll.«
Jan nickte, nachdem diese lästige und zeitraubende Klei-nigkeit geklärt war.
»Prima, ging ja problemlos heute Abend. Also steht der nächste Fall der Detektei Flöz Vier auf dem Plan. Ein dicker Bauer, der Angst hat, ermordet zu werden, weil er vergiftete Gülle auf seinen Feldern ausgebracht und somit zur Verunreinigung der Ruhr beigetragen hat«, fasste er zusammen.
»Noch ’n Grund mehr, kein Wasser zu trinken«, murmelte Manni und hob den halben Liter zum Mund.
»Und womit ist das Zeug gebraut, das deinen Bauch mehr und mehr anwachsen lässt?«, fragte Jan mit einem süffisant-verächtlichen Blick auf den Körperumfang seines Kompagnons.
»Sauerländer Wasser, die haben sowatt nich«, entschied Manni nach einem großen Schluck aus seinem Glas.
»Irrtum, Kollege«, mischte sich Robert ein. »Von der mit PFT-Dünger vergifteten Fläche rund um Brilon, für die an-dere Bauern verantwortlich sind, die von FV-Umwelt belie-fert wurden, flossen tatsächlich nur etwa zwanzig Gramm PFT täglich in die Ruhr. Ohne, dass sie es wussten. Im weiteren Verlauf des Flusses sind es zwischen zweihundertfünfzig und dreihundert Gramm pro Tag!«
»Also ist Sauerländer Bier gesünder als die Plörre, die ab Dortmund verzapft wird.«
»Hast gewonnen.« Resigniert gab Robert der Simpel-Logik seines Kumpels recht. »Aber ihr habt verstanden, worum es geht?«
»Sind ja nicht blöd«, knurrte Jan und streckte seinen mus-kulösen Oberkörper.
Robert sah auf die lockigen blonden Haare und die blauen Augen, die ihm an seinem Freund und kurzzeitigem Lieb-haber so gefielen.
»Das weiß ich, Jan, und guck mich nicht so sauer an. Aber bislang hatten wir es mit merkwürdigen Schützenbrüdern, einer doofen Motorradgang und debilen mörderischen Bürgern zu tun. Eine Umweltsauerei im großen Kaliber mit möglichen Mordopfern ist eine ganz andere Nummer. Trauen wir uns das zu?«
In die kurze einsetzende Pause nuschelte Manni nur »Ich traue mir alles zu« und nahm noch einen kräftigen Schluck. Jan zuckte mit den Schultern. 
»Klingt doch wirklich interessant, der erste große Fall für Flöz Vier, was gibt es da zu überlegen?«
Ja, was gibt es da zu überlegen?, fragte sich Robert, nippte an seinem Bier und wippte mit dem Kopf. Der Entschluss war klar, der Fall noch lange nicht. Egal wie betrunken er heute Abend noch werden würde, in jedem Fall würde er dem Bauern heute noch ein Angebot mit seinem Honorar rausschicken. Er bestellte noch zwei Bier und ein Wasser für Jan und hob feierlich das Glas, als Inge ihnen die Getränke reichte.
»Auf unseren neuen Fall!«, prostete er Manni und Jan fei-erlich zu. »Wir ermitteln wieder, gemeinsam.«
»Oh Gott, das kann ja was geben«, nuschelte Manni lächelnd und hob sein Glas nochmals. »Prost, Detektive!«


4

»Sind Sie besoffen? Warum schicken Sie mir eine Mail mit dem Betreff ›Ich liebe dich‹?«
Robert wusste nicht, wer ihn da am Telefon so anbrüllte. Er hatte genug damit zu tun, seine Übelkeit zu bekämpfen und das Zittern seiner Seele zu beruhigen. Scheinbar war es gestern noch spät geworden, sehr spät. Er erinnerte sich, dass er mit Manni, Arm in Arm mit einem aufblasbaren schwarzen Gorilla, nach einem Taxi gesucht und stattdessen eine Bude gefunden hatte, die noch Bier verkaufte.
»Da muss was auf dem Server schiefgelaufen sein, ich melde mich gleich wieder«, beschied er den Anrufer, der nur der Bauer sein konnte. Hatte er ihm tatsächlich geschrieben, dass er ihn liebte? Ihn mit Sylvia verwechselt? Er startete seinen Rechner und rief das Mail-Programm auf. Tatsächlich, er hatte das Angebot gestern noch verschickt, korrekt geschrieben, aber eben leider mit dem Betreff »Ich liebe dich«.
»Scheiße«, nuschelte er und griff zum Telefon. »Tut mir leid, da ist was schiefgelaufen, der Betreff war natürlich für meine Partnerin gedacht. Aber das Angebot ... Prima, dann fange ich heute noch mit den Ermittlungen an ... Und falls Sie nicht auf dem Hof sind, berichte ich Ihrer Frau, geht klar. Auf Wiedersehen, und nochmals Entschuldigung.« Erleichtert beendete er das Gespräch. Die Kuh war vom Eis und der Bauer am Haken.
Ins Büro würde er heute nicht gehen, Internetrecherche stand auf dem Programm. Das konnte er mit Kaffee und Kippen auch zuhause erledigen.
Robert sah sich die Seiten von Felsenwasser und den anderen Unternehmen an, die Berichte über die damaligen Prozesse und alles, was er zu diesem Thema finden konnte. Die wichtigsten Informationen kopierte er und druckte sie aus. Dann schickte er die Ergebnisse per Mail an Manni und Jan. Es schien tatsächlich zu stimmen, dass die großen Einleiter bei dem Prozess gar nicht angeklagt worden waren. Dennoch war ihm nicht klar, warum einer der Beteiligten die betroffenen Landwirte, die armen Schweine, über die Klinge springen lassen wollte. Warum? Was wäre das Motiv? Er beschloss, sich diesen Ruhr Verein näher anzusehen, dort schienen einige Fäden zusammenzulaufen.

Robert staunte nicht schlecht, die Ergebnisse seiner Recherchen waren höchst interessant. Der Verein war für den Bau und Betrieb der Kläranlagen im Bereich der Ruhr zuständig. Gegründet worden war er schon 1903, war also verdammt alt. Und scheinbar bestens verzahnt im gesamten Ruhrgebiet. Aber nicht nur da, auch im Soester Bereich und in Teilen des Sauerlandes mischte der Verein kräftig mit. Und die Zusammensetzung war bunt, bunt und mit viel Potenzial für kriminelle Energie. Denn es ging um Macht und Geld. Mehr als fünfhundert Verbandsunternehmen waren dabei, Gemeinden, selbstständige Wasserversorgungsunternehmen, Wasserentnehmer – und den Löwenanteil bildeten die gewerblichen Unternehmen mit fast vierhundert Vertretern. Dass die nicht das Wohl des Vereins oder der Kommunen im Blick hatten, war logisch. Robert blieb nichts anderes übrig, als sich die komplette Mitgliederliste zu besorgen und zu recherchieren, ob eines dieser Unternehmen in dem PFT-Prozess gegen die Landwirte eine herausragende Rolle gespielt hatte. Zur Sicherheit rief er vorher noch Bauer Meier an, vielleicht konnte der ihm einen Tipp geben und ihm so einige mühevolle Kleinarbeit ersparen.
Konnte er nicht, wie sich nur wenige Minuten später herausstellte. Seufzend kopierte Robert die Mitgliederliste und druckte sie aus. Die Namen der meisten Unternehmen hatte er noch nie gehört.
Nach gefühlten drei Stunden lehnte er sich zurück und drehte sich eine Zigarette. Dann nahm er sich ein Bier aus der Küche, ging auf den kleinen Hof und setzte sich auf eine der drei Treppenstufen, die zu dem Vorbau mit der Eingangstür führten. Er genoss das kalte Bier und zog den Rauch der Selbstgedrehten tief ein. Gleich würde er sich noch die Berichte über den Prozess durchlesen, die er im Internet gefunden hatte. Und morgen würde er sich den Hof seines Klienten im Bochumer Süden ansehen. Auf einem Bauernhof war er zuletzt in seiner Kindheit gewesen. Ob die heute noch genauso aussehen wie früher? Mit Hühnern, Kühen und ’nem Hund?

Polizeiwagen hatten in seiner Kindheit jedenfalls nicht vor einem Bauernhof gestanden. Und ein solcher versperrte ihm den Weg, die Zufahrt war dicht. Einfach zu Fuß weitergehen? Angesichts der Warnung vor dem bissigen Hund verzichtete er darauf. Dann sah er in einiger Entfernung einen Polizisten stehen und winkte ihm. Er setzte sich in Bewegung und ging am Zaun entlang zu dem Beamten.
»Guten Tag, Werner mein Name, ich wollte zu Herrn Meier. Können Sie mich durchlassen?«
Der junge schlanke Bursche schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, geht nicht, ich darf keinen reinlassen.«
»Was ist denn passiert? Ich muss Herrn Meier sprechen, dringend. Er wartet auf Informationen von mir, sehr wichtige. Um nicht zu sagen, fast lebenswichtig«, log er.
Wieder schüttelte der Beamte den Kopf. »Ich darf Sie nicht reinlassen und ich darf Ihnen auch keine Auskunft geben. Aber für Herrn Meier ist nichts mehr wichtig, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Robert nickte mechanisch. Das konnte nur bedeuten, dass sein Klient tot war. Aber wie? Hatte er mit seiner Angst recht gehabt? Dass ihn jemand aus dem Weg räumen wollte, so wie die beiden anderen? Er überlegte hin und her, aber ihm wurde klar, dass er bis morgen warten musste, auf einen Bericht in der Bochumer Tageszeitung. Oder sollte er noch Frau Meier anrufen? Das schien ihm pietätlos. Andererseits, sie wusste ja gar nicht, dass er hier und informiert war. Unsicher nickte er dem Polizisten zu und ging zurück zu seinem Auto. Hinter dem Steuer blieb er ruhig sitzen und dachte nach. Nie hätte er damit gerechnet, dass Bauer Meier wirklich in Gefahr war. Er dachte, das wäre einer derjenigen, die Verschwörungstheorien spannen. Vor allem, weil er vom Alter her deutlich in der zweiten Halbzeit spielte. Robert schätzte ihn auf Anfang sechzig. 
Er setzte sich in Bewegung, fuhr zurück nach Gelsenkir-chen und rief von seinem Büro aus Frau Meier an.
»Schönen guten Tag, Frau Meier, Werner hier. Ich weiß nicht, ob Ihr Mann Ihnen von mir und meinem Auftrag erzählt ....« Das leise Schluchzen ließ ihn innehalten und sich mies fühlen. »Ist etwas passiert? Kann ich Ihnen helfen?« Er hörte, wie sie am anderen Ende der Leitung versuchte, ihre Fassung wiederzugewinnen.
»Es ... es tut mir leid, Herr Werner, ich kann nicht lange sprechen. Die Polizei ist im Haus, mein Mann hatte einen Unfall. Er ... er wurde von seinem eigenen Traktor erdrückt. Mein Mann ist tot, Herr Werner.«
»Um Gottes Willen, das ist ja furchtbar.« Robert erschrak über sich, als er feststellte, mit welcher Aufrichtigkeit er heuchelte. »Wie ist das denn passiert?«
»Tut mir leid, Herr Werner, aber ich kann jetzt nicht, ich rufe Sie an.«
Damit war das Gespräch beendet. Bauer Meier tot, vom eigenen Traktor überrollt. Nein, »erdrückt« hatte sie gesagt. Das war die Gewissheit. Und da es nach einem Unfall aussah, würde die Akte schnell geschlossen werden. Wieder ein Stück Arbeit vom Schreibtisch der Polizei. War es ein Unfall gewesen? Oder hatte der Landwirt recht gehabt mit seiner Paranoia? Und war es überhaupt noch sein Fall? Sollte er weiter ermitteln, auch wenn die frischgebackene Witwe ihn nicht engagierte? Er musste Jan und Manni informieren. Und Sylvia, natürlich. Welche Schicht hatte Manni? Egal, jetzt, am Mittag, würde er ihn sicher erreichen.
»Ich stehe mir am Stand die Reifen platt, kannst ruhig loslegen«, gähnte Manni.
»Der Bauer ist tot, alter Kumpel, vom eigenen Traktor erdrückt, sagt die Witwe. Muss heute Morgen passiert sein, glaube ich.«
»Glauben ist in deinem Job ganz schlecht, Kollege, du brauchst Informationen. Ist ja ein merkwürdiger Zufall, diese Geschichte. Meinst du, der wurde wie seine Kollegen tatsächlich um die Ecke gebracht?«
»Mutmaßungen sind in meinem Job ganz schlecht, Kollege. Aber es klingt schon merkwürdig. Was meinst du, bleiben wir dran? Eventuell auch ohne Bezahlung?«
»Ohne Bezahlung ist scheiße. Andererseits, welche hoch dotierten Aufträge hast du sonst noch auf dem Schreibtisch?«
Wie so oft hatte Manni die Lage kurz und knapp erfasst. Es stimmte, außer gelegentlichen Kaufhausjobs stand zur Zeit nichts im Terminkalender.
»Alles klar, Manni, ich rufe jetzt noch Sylvia und Jan an. Der Witwe schicke ich eine Beileidskarte, auch als kleine Erinnerung, dass wir ihr vielleicht helfen könnten. Mach’s gut, Kollege, und noch viele Fahrten.« 
Seit Manni selbstständig war, kam ihm jede Fahrt recht. Er hatte den Schritt nach ihrem zweiten Fall gewagt. Die Taxibranche steckte in der Krise und so war das Risiko für seinen Freund und ehemaligen Studienkollegen nicht gerade gering. Bei Jan hatte sich die Lage verbessert. Auch er musste eine schwere Zeit durchmachen, hatte sogar daran gedacht, seinen Laden, das »Achter Deck«, zu schließen. Aber das hätte ihm das Herz gebrochen, er hing an seiner Bar. Mittlerweile konnte er auch wieder Aushilfen beschäftigen, das verschaffte ihm etwas freie Zeit.
Jan reagierte, wie Robert es bei ihm und Sylvia erwartet hatte: mit Sorge um ihn. Er solle bloß auf sich aufpassen, falls da tatsächlich ein Mörder sein Unwesen trieb. Robert sah sich nicht wirklich in Gefahr. Schon gar nicht, weil er überhaupt noch nichts unternommen hatte. 
Der Anruf der Witwe erreichte ihn, als er gerade sein Büro verlassen und nach Hause gehen wollte. Er war erstaunt, als sie sich meldete. Er war überhaupt erstaunt, als das Telefon schellte. Wie an vielen anderen Tagen auch war es an diesem Tag still geblieben. 
»Herr Werner, mein Mann hat mir natürlich von Ihnen erzählt. Schließlich haben wir die Sache zusammen besprochen und entschieden«, kam sie sofort zur Sache. »Und ich möchte, dass Sie weiter recherchieren. Die Polizei geht von einem Unfall aus, haben sie gesagt. Sie müssen erst noch den Traktor untersuchen, aber es sähe alles danach aus.«
»Sie scheinen offensichtlich anderer Meinung zu sein.«
»Ja, denn Thomas war immer sehr vorsichtig, niemals leichtsinnig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich ohne entsprechende Sicherung zwischen die Mauer und den Traktor gestellt hätte, niemals!«
»Wenn es Ihnen recht ist, komme ich morgen Vormittag vorbei und sehe mir alles an.«
»Aber nur kurz, ich habe nicht viel Zeit.«
»Das kann ich mir vorstellen, Frau Meier.«
»Und bringen Sie den Vertrag mit.«

Thomas Meier, Wilfried Thomzyk und Hubertus Wildenhagen – das waren die Namen der Männer, die in kurzer Zeit nacheinander gestorben waren. Robert hatte sie sich bei sei-nem Gespräch mit der Witwe Maria Meier notiert. 
Sie hatte ihn überrascht. Sie sah völlig anders aus, als er sich die Frau eines ungefähr sechzigjährigen vierschrötigen Bauern vorgestellt hatte. Sehr schlank, um Haltung und Distanz bemüht, »aristokratisch«, das war der Begriff, der ihm zu ihr einfiel. Die grauen Haare streng gescheitelt, die gepflegten Finger ineinander gefaltet – seine Vorstellung einer Landwirtin sah anders aus. Und war offensichtlich überholungsbedürftig. Jedenfalls hatte sie ihn mit Informationen versorgt, über die bisherigen Opfer, über ihren Mann – und warum sie dachte, dass das alles nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Sie vermutete Mord, in drei Fällen. 
»Wie gehen wir weiter vor?« Robert hatte für seine Freunde eine Kleinigkeit vorbereitet. Sie saßen in seiner Küche an dem runden Holztisch und aßen die Apfelwaffeln.
»Haben die drei irgendwelche Gemeinsamkeiten?«, fragte Manni kauend.
»Sie waren selbstständige Landwirte und sind jetzt tot.«
»Schlaumeier. Bist du schon auf Verbindungen gestoßen, vielleicht auf eine Firma, einen Namen, mit denen dem die drei häufig zu tun hatten?«
»Nein, Jan, bis jetzt nicht. Aufgefallen ist mir beim Abgleich der Mitgliedsliste des Ruhr Vereins nur eine Gesell-schaft. Deren Name, Teslen, tauchte in den Berichten über den Skandal häufig auf. Offensichtlich hat diese Firma zahlreiche Pressemitteilungen über den Prozess und die Hintergründe herausgegeben.«
»Seltsam«, nuschelte Manni. »Sollten die nicht eher be-müht sein, die ganze Geschichte unter der Decke zu halten?«
»Stimmt«, pflichtete ihm Jan bei, »klingt schon merkwürdig. War das eine gemeinsame Linie mit dem Ruhr Verein? Oder sind die ausgeschert?«
»Kann ich nicht sagen. Allerdings ist mir kein anderes Unternehmen oder eine Kommune aufgefallen, die dermaßen die Öffentlichkeit gesucht haben. Klar, die Städte haben natürlich immer wieder betont, wie wichtig ihnen der Prozess und die Aufklärung des Skandals ist.«
»Und die Gesundheit ihrer Bürger«, schob Manni hinter-her, der die letzten Reste der Waffel mit einem Schluck Wasser hinunterspülte. »War lecker, kannste öfter machen«, feixte er, als er sich zurücklehnte und die Hände über seinen Bauch faltete.
»Leute, ich hab’s eilig, Sylvia kommt gleich und ich muss noch etwas aufräumen.«
»Etwas?«
Robert entging nicht der Blick, den ihm Jan mit einem fei-nen Lächeln zuwarf. Leicht genervt überhörte er die Bemerkung.
»Also, wie gehen wir vor, liebe Mit-Detektive?«
»Arbeitsteilung«, grummelte Manni in seinen Bart und fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare, in die sich immer mehr Grau mischte. »Wir beide«, er deutete auf Jan, »recherchieren über diesen Ruhr Verein und Teslen und du kümmerst dich um die Toten, wer sie waren, ob sie Gemein-samkeiten, die gleichen Bekannten hatten oder in den gleichen Puff gegangen sind«, stellte er klar. »Und in drei Tagen treffen wir uns wieder hier. Wäre prima, wenn Sylvia auch dabei wäre.«
Völlig verdutzt nickte Robert. Manni hatte sich verändert, nachdem er sich von Maria getrennt hatte. Diese klaren Anweisungen überraschten ihn dennoch.
»Machen wir so«, entschied Jan, als er sich von seinem Stuhl erhob. »Los, Manni, fangen wir am besten sofort an.«
»Zu mir oder zu dir?«, gab der breit grinsend zurück.
»Zu dir?«, fragten Robert und Jan im Chor. »Seit wann hast du denn einen Computer und Internet?«
»Ich bin Unternehmer, Leute«, gab der gnädig zurück, als er sich erhob. »Natürlich nur vom Feinsten, die Marke mit dem Obst.«
»Ist klar, du Vorstandsvorsitzender, dann lass uns mal deinen Nobelrechner anwerfen«, grinste Jan, als die beiden die Wohnung verließen.
Immer noch verstört schloss Robert die Tür. Worüber sollte er sich mehr wundern? Über Mannis Entschlossenheit oder darüber, wie gut Jan und Manni sich seit einiger Zeit verstanden? Egal, ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass er sich beeilen musste. 
Zuerst räumte er das benutzte Geschirr in die Spüle und ärgerte sich wieder einmal, dass er in seiner kleinen Küche keinen Platz für einen Geschirrspüler hatte. Dann schnappte er sich den Staubsauger und machte den Teppich im Wohnzimmer sauber. Außer seinem altmodischen schwarzen Ledersofa, einem kleinen Glastisch, dem Fernseher und der Stereoanlage hatte er keine weiteren Möbel hier. Nur den Zeitungsstapel neben dem Sofa ordnete er noch. Danach folgte das Bad. Zuerst tauschte er den pinkfarbenen Badewannenvorleger aus, Sylvia hasste ihn. Dann machte er das Waschbecken und die Ablage sauber. Beim Anblick ihrer Haarbürste und ihrer Cremes hielt er inne. Seine Gedanken und Vorstellungen schweiften ab, er konnte ihren schlanken und makellosen Körper fast spüren, riechen, den Geruch ihrer Haare atmen und ihre festen Brüste liebkosen, während er ihre eleganten Hände streichelte. Das Schlafzimmer! Er musste noch das Schlafzimmer aufräumen. Hastig beendete er seine Arbeit im Bad und ging ins Schlafzimmer. Zu spät. Er hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss seiner Wohnungstür drehte.
»Hallo Robert.« Mit einem strahlenden Lächeln betrat sie seine Wohnküche, stellte ihre Reisetasche auf den Boden und zog die Jacke aus, die sie über den Stuhl legte. Dann kam sie zu ihm, stellte sich auf die Zehenspitzen, nahm sei-nen Kopf in ihre Hände und gab ihm einen Kuss. »Schön, wieder hier zu sein«. Ihre Hände wanderten auf seine Schultern. »Bist du gerade beim Aufräumen? Ist doch in Ordnung so.«
»Ich wollte nur noch im Schlafzimmer etwas Ordnung schaffen, dann bin ich fertig.«
»Und ich hätte wahnsinnige Lust, dort noch mehr Unord-nung zu schaffen. Jetzt, sofort«, flüsterte sie ihm ins Ohr und nahm ihn an die Hand.

Bewundernd und neidisch betrachtete er ihren perfekten Körper, ihre Rundungen, ihre sanfte Haut, ihre wunder-schönen Haare. Sie hatte sich auf die Seite gelegt, ihre leich-ten, flachen Atemzüge verrieten ihm, dass sie eingeschlafen war. Jedes Mal, wenn er sie betrachtete, wurde er sich seiner Makel bewusst: der kleine Bauchansatz, sein blasser Körper, der durchaus etwas mehr Muskeln vertragen könnte. Was ihn am meisten wunderte war, dass sie ihn tatsächlich liebte. 
Durch seine Blicke geweckt, drehte sie sich zu ihm um und lächelte ihn an.
»Du bist so unglaublich schön«, flüsterte er.
»Danke, mein Schatz. Und unglaublich hungrig. Meinst du, wir können in deinem Kühlschrank noch etwas zu essen finden?«
»Ich habe zwar, seitdem ich häufig bei dir in Iserlohn bin, meine Vorräte auf länger haltbare Produkte reduziert, aber selbstverständlich habe ich uns etwas Leckeres vorbereitet, mein Schatz.«
»Länger haltbar? Sag bloß, du isst immer noch diese Do-sen-Ravioli?« 
Der leichte Ekel in ihrer Stimme ließ ihn breit grinsen. »Nur noch selten. Und wenn, verfeinere ich sie mit Gewür-zen.«
»Igitt. Ich geh jetzt ins Bad und bin mal gespannt, was nachher auf dem Tisch steht.«
Robert genoss die Eleganz in ihren Bewegungen, als sie sich aus dem Bett schwang. Seufzend stand er ebenfalls auf. Obwohl erst sechsundvierzig, wollte er seine Bewegungen und das Wort »Anmut« nicht in einem Gedanken nennen. 
Er zog seine Hose an und ging barfuß in die kleine Küche. Eigentlich war es nur eine Kochnische mit Kühlschrank, Spüle, Herd und einem kleinen Vorratsraum, die sich an seine Wohnküche drückte. Er ging zum Kühlschrank und holte den Braten heraus, den er vorbereitet hatte. Ein Ent-recôte à la moutarde. Das Rezept hatte er zufällig in einer Zeitschrift gefunden. Es klang weder schwer noch aufwändig, aber dafür sehr lecker. Jetzt musste er nur noch darauf achten, die teure Rinderlende nicht in der Pfanne zu ruinieren. Und die Sahnesenfsauce versprach einen wahren Gau-mengenuss. Als Vorspeise hatte er eine Gemüsesuppe vorbereitet, für den Nachtisch hatte er keine Zeit mehr gehabt. Eine gute Flasche Rotwein musste reichen.
»Riecht das gut.«, bemerkte Sylvia, als sie aus dem Bad kam und sich die Haare trocken rubbelte. »Hast dir wirklich Mühe gegeben, Kompliment.« 
Er spürte, wie sie neugierig über seine Schulter schaute.
»Danke. Das Fleisch ist gleich gar, könntest du dich um die Sauce kümmern? Dann mache ich mich in der Zeit frisch.«
»Gerne«, meinte sie voller Vorfreude, als sie zurück ins Bad ging.
Nur wenig später kam sie in einem engen sandfarbenen Kleid zurück.
»Versau es dir nicht«, warnte er sie mit einem Nicken auf das Kleid, das ihre Figur noch betonte. 
»Hast du eine Schürze?«
Robert schüttelte stumm den Kopf.
»Dann nehme ich den Bademantel. Und du sieh zu, dass du unter die Dusche kommst, der Braten wartet.«

»War das gut. Robert, damit hast du dich selbst übertroffen. Dir ist klar, dass meine Erwartungen an dich in der Küche ab sofort gestiegen sind?«, lächelte sie ihn über den Rand ihres Weinglases an.
»Ich würde mich gerne übertreffen«, prostete er ihr zu, »allerdings weiß ich nicht, ob ich in der nächsten Zeit Gelegenheit haben werde, Rezepte auszuprobieren. Die Frau des Bauern hat uns engagiert und ich denke, die Recherchen werden ziemlich komplex. Zumindest dann, wenn dieser Ruhr Verein tatsächlich mit drinhängt.«
»Das ist ja eine tolle Nachricht. Und eine tolle Chance.« Die leichte Müdigkeit nach dem Essen war verflogen, Sylvia strahlte. »Wenn du in dem Fall erfolgreich bist, kann dir das viele Türen öffnen, Robert, sehr viele. Dann musst du dich nicht mehr in einem Kaufhaus rumdrücken.«
»Ja, mit Sicherheit eine große Chance. Aber auch ein gro-ßes Risiko.« Er wiegte sein leeres Glas in der Hand. »Der Ruhr Verein scheint sehr mächtig und einflussreich zu sein. Dem ans Rad zu pinkeln, könnte auch nach hinten losge-hen.«
»Ach was! Wie viele Mitglieder haben die, sagst du? Mehr als vierhundert? Dann gibt es unter denen auch jede Menge unterschiedliche Interessen, Machtspiele, Intrigen. Nein, Robert, das ist eine große Chance, kein Risiko.«
Nachdenklich füllte er die Gläser nach. Sie hatte recht. Er durfte nicht das Risiko sehen.
»Bin mal gespannt, was Jan und Manni dazu sagen.«

+++ +++ +++

Textprobe: Ralf Weißkamp

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