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Cover "Auf leeren Seiten" von Melanie Bottke     Leseprobe "Auf leeren Seiten"

von Melanie Bottke

Mystery-Thriller, 318 Seiten, ISBN: 978-3-96050-143-5 

Inhalt

Prolog
Montag: Das rasende Roman-Roulette
Dienstag: Neuanschlüsse und Nachtgespräche
Mittwoch: Textinterna und Theo
Donnerstag: Verschwörungstheorien
Freitag: Sinn und Unsinn
Samstag: Impuls und Neugier
Sonntag: Wahrheit und Abschied
Epilog
Skizze: Würfelbelegung im Camp

Prolog

»Die Geburt bringt nur das Sein zur Welt;
die Person wird im Leben erschaffen.«
Théodore Simon Jouffroy

Die blonde Frau brüllte, als wäre der Teufel persönlich in sie gefahren und grübe sich, mit gezücktem Dreizack voran, den Weg durch ein Nadelöhr zurück aus ihr heraus.
»Atmen Sie. Sie müssen ganz tief und ruhig atmen«, wies die Krankenschwester hektisch an und tätschelte der Leidenden die Schweißperlen besetzte Stirn.
»Freu dich auf das Wunder des Lebens«, hatte Mutter ihr noch zwei Tage zuvor gesagt.
Die blonde Frau wusste nicht, wen sie gerade mehr hasste – ihre heuchlerische Mutter oder die inkompetente Krankenschwester mit ihrem falschen Grinsen. Sollten sie doch alle zur Hölle fahren.
Moment, zumindest die Krankenschwester und sie selbst waren ja bereits dort, dachte sie, gerade als die nächste Wehe einsetze. Es zerriss sie fast und sie konnte nicht glauben, dass diesen Schmerz schon undenkbar viele Frauen vor ihr erlebt und sich trotzdem für mehr als ein Kind entschieden hatten. Wie masochistisch waren diese verrückten Weiber? Und welches Ungetüm konnte, obwohl es noch so klein war, solch enorme Schmerzen verursachen? Zu welchem Unheil mochte es fähig sein, wenn es größer war?
Sie verfluchte die Männerwelt, den Sex und das Leben selbst.
Wieder schrie sie auf. Salzige Tropfen rannen ihr in die blutunterlaufenen Augen und brannten wie Feuer.
Die Krankenschwester rief nach einer Kollegin. »Hol‘ Doktor Dorn. Es gibt wohl …«, sie unterbrach sich selbst und rang um Worte, um die Gebärende nicht durch ein falsches Signal weiter zu beunruhigen. »… Komplikationen«, beendete sie ihren Satz schließlich ungeschickt.
Die blonde Frau sah an sich herab. Ein weißes, feucht-kaltes Nachthemd klebte an ihr und das Laken war befleckt von Blut, Urin und anderen Flüssigkeiten, die sie nicht identifizieren konnte. Sie schämte sich. Es war der entwürdigendste und schmerzhafteste Moment ihres ganzen Lebens.
Nur Augenblicke später kam der Arzt herein. Doktor Dorn war jung, Mitte dreißig, schätze sie, und lächelte höflich. Doch seine trüben Augen spiegelten die Sorge, die er tatsächlich empfand, als er den Stand der Geburt untersuchte. Das Medizinchinesisch, das er der Schwester in knappem Befehlston zurief, welche bereits durch den Raum flitzte und Schubladen durchforstete, verstand die Blonde nicht. Sie hatte nur noch Angst. Todesangst.
Dann spürte sie einen kurzen Stich und die streichelnde Krankenquälerin beugte sich wieder über sie. Sie war schlank, hatte aber dicke Hamsterbacken und große runde Augen. Wie ein Alien, fand die werdende Mutter.
»Das wird schon«, flüsterte die Schwester, doch ihre leeren Floskeln verschwammen bereits. Die nächste Wehe rollte heran und bevor Schmerz und Schlaf den Kampf um ihr Bewusstsein gänzlich entschieden, fragte sich die Blonde, wie sie ein Wesen, das sie schon vom ersten Moment an derart quälte, jemals lieben sollte.
Schlagartig gewann der Schlaf die Schlacht und Dunkelheit legte sich wie ein Knock-out über ihr Bewusstsein.

Als sie erwachte, wartete die hamsterbackige Krankenschwester schon auf sie. Mit einem Arm voller Handtücher stand sie an ihrem Bett und strahlte über das ganze dümmlich grinsende Gesicht.
»Ein wunderhübscher Junge«, säuselte sie und legte der Blonden ihr Kind in den Arm. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass in dem Handtuchhaufen auch Leben wohnte.
Sie sah hinab auf den kleinen Jungen und er zu ihr herauf.
»Er hat kaum geschrien, als wir ihn rausgeholt haben. Das wird gewiss ein braves Kindchen«, begeisterte sich die Krankenschwester euphorisch in einer verniedlichenden Sprache, die die Blonde erschaudern ließ. Sie empfand jedes Wort dieser Pflegerin wie die Konversationen in einer Nachmittagstalkshow – geistlos, banal und überflüssig.
Die Augen des Babys fixierten seine Mutter schweigend. Er war niedlich. Das war es also, das Wunder des Lebens. Es stimmte, die neue Mutter war verwundert. Und da war Leben. Doch alles, was sie empfand, war Erschöpfung. Sie bemühte sich, ihren Sohn anzulächeln, doch er starrte nur weiter, wie ein Bündel aus Stille. Dann ertappte sie sich dabei, wie sie in den dicken Tüchern, die das Kind umhüllten, nach den kleinen Spitzen des teuflischen Dreizacks Ausschau hielt, die in ihrem Innern so gepiesackt und gepeinigt hatten. Sie fand nichts und auch die Nägel des Kleinen waren zu kurz und weich dafür. Dann schüttelte sie den Kopf, um diese furchtbaren, irrationalen Gedanken wieder zu verbannen. Was war sie bloß für eine Mutter? Sollte sie nicht überglücklich sein?
»Wir zwei also«, flüsterte sie dem Kleinen zu. Beharrlich regloses Starren war seine wiederholte Antwort, als verstünde er nichts und wüsste doch alles. Es war fast unheimlich.
»Zauberhaft«, gluckste die Schwester und setzte zu einem hysterischen Kurzmonolog an: »Sein Leben wird einmal Geschichte schreiben! So ein zuckersüßer kleiner Superheld. Was hat er nicht schon alles durchgemacht an seinem ersten Tag!«
Es reichte der Mutter. Die Luft zu protestieren hatte der Schmerz der Geburt ihr genommen, doch jetzt war die Puste wieder da.
»Diesen abgedroschenen Blödsinn erzählen Sie bitte wem anders. Wissen Sie, was ich hier gerade durchgemacht habe? Halten Sie endlich die Klappe, ja?«, keifte die Blonde, ihre letzten Kraftreserven zusammenklaubend. Und das war der erste Moment der Liebe. Sie wollte den Jungen, ihren Jungen, vor dieser schrecklichen »Sonnenschein und Trallala«-Frau beschützen. Und sie würde ihn lieben, komme, was wolle, das nahm sie sich fest vor.

Montag
Das rasende Roman-Roulette

»Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.«
Johann Wolfgang von Goethe


1. Kapitel

»Das rasende Roman-Roulette«, kritzele ich bewusst unleserlich auf meinen Block. Es hat etwas von einer Selbsthilfegruppe, wie wir im Kreis sitzen, uns einander vorstellen und Namensschilder basteln.
»Hallo, mein Name ist Bianka und ich bin anonyme Legasthenikerin.« Zu schade, dass mir das erst jetzt einfällt. Leider habe ich das »Vorstellknäuel« bereits abgespielt. Ich erweitere meine Notizen um: »Sie nötigen uns, mit Wollknäulen aufeinander zu werfen. Damit sollen wir uns gegenseitig zum Sprechen zwingen.«
Vielleicht findet irgendjemand diese letzten Aufzeichnun-gen später Mal. Nur für den Fall, dass ich diesen irren Kin-dergarten nie mehr heil verlassen werde. In Wirklichkeit habe ich gesagt: »Hi, ich bin Bianka Steinkamp aus Berlin. Ostseitig geboren. Zweiunddreißig und Social Media Managerin.«
»Was macht man da so?« Ein blonder, junger Mann, ich vermute einige Jahre jünger als ich, hat sekundenschnell die Hand gehoben, wie in der Schule, aber nicht darauf gewartet, dass man ihm das Wort erteilt. Er nahm es sich.
»Hauptsächlich betreue ich Chatrooms auf Websites. Kommunikative und administrative Tätigkeiten. Ein bisschen Konfliktmanagement. Ansonsten Mädchen für alles, von Kuchen holen bis Abrechnungen machen. In unserer Agentur geht es recht familiär zu. Keine zehn Leute.«
Ich werfe das »Sprachzwangknäuel« dem Jungen zu, der offensichtlich danach lechzt, sich mitzuteilen. Er ist der klassische Typ Surferboy und Alleinunterhalter. Lukas heißt er, verrät sein Namensschild.
»Moin, ihr Lieben, ich bin der Lukas aus Hamburg, sechsundzwanzig und Schauspieler von Beruf. Mein Herz schlägt im Takt der Elbwellen und ich schreibe vor allem Gedichte und Drehbücher. ›Küstensand‹ war jetzt mein erster Romanversuch.« Er hält einen dicken Stapel Manuskriptseiten hoch, während er mit der anderen Hand das Knäuel dem Nächsten zuwirft.
Vielleicht hätte ich auch etwas über mein Manuskript sagen sollen? Aber dafür ist noch eine ganze Woche Zeit. Wir alle haben unseren unglücklichen Erstling dabei. »Nachwuchstalente« nennen uns die Organisatoren dieses illustren Spektakels. Wir alle sind Gewinner. Zehn vielversprechende Autoren, die ihre Manuskripte zur Veröffentlichung eingereicht haben. Aber um ehrlich zu sein: zehn Gescheiterte. Den Mut jedoch will man uns nicht nehmen, deshalb hat man uns zu diesem einwöchigen Seminar eingeladen. Wir haben Potenzial. Genug Potenzial offenbar, um eine Literaturagentur dazu zu bringen, uns eine Woche Kost, Logis und Seminare zu spendieren, damit doch noch etwas aus uns wird in der Literaturbranche.
Nun spricht Romy. Sie ist die einzige, deren Name mir et-was sagt. Als ich die Teilnehmerliste zugemailt bekam, fiel sie mir auf. Romy Wocko, einundzwanzig, Braunschweig, Erzieherin. Gesehen habe ich sie noch nie, aber sie hat in einigen Anthologien veröffentlicht, in denen auch ich im letzten Jahr zu finden war. Kleinverlage, die sich darüber finanzieren, dass halbwegs lesbare Autörchen sich in einem Themenband abgedruckt sehen, eingezwängt in Massen Gleichgesinnter. Ich kann mir kaum vorstellen, dass mehr als Oma, Tante und diverse andere Verwandte der Mitautoren diese Ausgaben je zu Gesicht bekommen. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für den stolzen Journalistenpapa. Fünfzig Autoren mit je zehn interessierten Verwandten macht immerhin schon eine lohnenswerte Familienauflage von fünfhundert Exemplaren. Das ist für einen darauf spezialisierten Kleinverlag womöglich gar nicht übel.
Ich beobachte Romy. Sie spricht auffällig lang. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren, was sie sagt. Alles, was mir auffällt, ist, wie sie in regelmäßigen Abständen ihr in perfekten Wellen fallendes Haar zurückwirft und sich mit der Zun-ge über die Lippen fährt. Ich habe zur Vorbereitung zwei Kurzgeschichten von ihr gelesen.
»Herzflimmerpfade« hat mich sehr beeindruckt. Sie erzählt die Geschichte einer jungen Kunststudentin, die eine Affäre mit einem kaltschnäuzigen Metzger beginnt. Sehr roh und sehr sexuell. Ich wage nicht zu sagen »erotisch«, dafür sind die Passagen über den Geruch des frisch geschlachteten Fleisches, zwischen dem sie es treiben, definitiv zu ausführlich. Die Studentin beginnt wie im Wahn, Gemälde von Schweineherzen anzufertigen. Dann reflektiert sie in einigen Monologen die Veränderung ihres eigenen Herzens und erleidet schließlich unter dem psychischen Druck der brutalen Liebesbeziehung einen Infarkt während des Koitus. Und das in ihrem jungen Alter. Der Fleischer hängt zu ihrem Andenken die Bilder in seinem Verkaufsraum auf. Die Metzgerei geht Pleite, er wird vegan und versagt fortan der Fleischeslust in jeglicher Hinsicht.
Die zweite Geschichte, »Seelenbrecher«, ist im Grunde genommen einfach nur Sex. Auf sieben Seiten geht es um das Kopfkino eines emodramatischen Teenagerjungen, der sich hoffnungslos in seine Lehrerin verliebt. Pubertäre Fantasien en masse. Das war mir zu viel.
Da sitzt sie nun vor mir, die selbsternannte »Miss Sex«, mit nur einundzwanzig Lenzen. Ich fühle mich merkwürdig bedroht von ihrer offensichtlichen Laszivität.
Mein Blick wandert zu Lukas zurück. Romy hat den Fisch am Haken. Der Junge hängt an ihren Lippen und lehnt sich auf seinem Tisch aufmerksam vor, während er sich auf seinen Ellenbogen abstützt. Wie ein Löwe, der den Gazellenpo ins Visier nimmt, bekommt sein Blick etwas Gieriges.
Eine Woche, fünf Frauen und fünf Männer in Internatsatmosphäre. Dass da irgendwo ein Knisterflämmchen zu einem Buschbrand wird, ist vorprogrammiert. Und der erste Kandidat hat sich soeben gefunden. Ich notiere: »Romy + Lukas?«
Als ich wieder aufschaue, herrscht Stille. Meine Augen suchen nach dem Verbleib des roten Knäuels. Es liegt auf dem Tisch eines brünetten männlichen Mitstreiters. Entspannt sitzt er in seinem Stuhl zurückgelehnt, ein Bein überschlagen, Fußknöchel am Knie. Der freie Fuß wippt seicht. Auch er wirft einen Blick in die Runde. Abschätzig lässt er ihn über sieben auf Input wartende Köpfe schweifen. Zwei Leute kritzeln in ihren Unterlagen herum. Zum einen ist das Lukas, der womöglich an ersten Anmachsprüchen für Rotlicht-Romy feilt. In Gedanken ziehe ich ihr einladend eine mit rosa Plüsch und Lederspielzeugen ausstaffierte Schublade auf. Zum anderen ist da ein in Gedanken versunkener Mann – sehr groß und breit, mit wuscheligem Bart und zerzaustem Haar. Er hat sich bisher noch nicht vorgestellt. Eifrig fegt sein Kuli über ein Blatt Papier, nicht als würde er schreiben, dazu bewegt sich sein Handgelenk zu rund und zu konzentriert auf eine Stelle. Offenbar skizziert er. Erst als auch dieser junge Künstler, von der Stille irritiert, aufblickt, spricht der Knäuelhüter schließlich. Seine Stimme klingt warm, seine Worte fließen zäh wie Honig und wohlbetont spricht er:

»Rosenroter Farbentod.
Erdrosselt, blutrot umgebracht.
Totensüße Farbenpracht.«

Erst jetzt begreife ich, dass er nicht erzählt, sondern ein Ge-dicht rezitiert. Er liest es nicht ab. Er sieht den Mitautoren in die Augen. Er spricht zu uns.

»Ist Liebesfarbe gleich der des Schmerzes,
denn leidend schön allein das Herz ist.
Roter Liebestaumelreigen,
Tot ersinnend, Herz aufschneiden.«

Ich frage mich, ob es von ihm ist. Höchstwahrscheinlich. Warum auch sollte er hier Goethe aufsagen wie ein Kind an Weihnachten, das sein Geschenk ergattern will.

»Bluten, tropfen, lecken, triefen,
Lebenssäfte machtvoll fließen 
durch den Muskel, der uns blind macht.
Kontrahiert, als wenn ein Kind lacht.
Pochend, kichernd, leicht, kaum merklich.
Mein Pulsschlag trägt mich. Wie unsterblich.«

Lange Pause. Das Gedicht ist vorbei. Ich höre mich selber at-men.
Malte Viefhues, unser Tutor, Knäuelpapa und Anstifter zu dies¬em spaßigen Kennenlernspiel, dreht sich von seinem Ausguck am Fenster weg und schaut zu uns. Auch er spricht kein Wort, aber ich meine, im Augenwinkel ein dünnes Lächeln zu sehen, das sich unter seinem Schnauzbart versteckt. Die Ge¬sich¬ter der anderen zeigen eine Bandbreite von Emotionen. Lukas schnaubt verächtlich. Ich sehe über seinem Kopf eine enorme Denkblase »Angeber« schreien, bis sie vor zu vielen sich ausbreitenden Ausrufezeichen zerplatzt. Zwei Mädchen tuscheln leise. Ihr Blick ist anerkennend. Romy wechselt den Überschlag ihrer Beine und sitzt dem Poeten nun zugewandt. Sie wirft ihr Haar zurück und dreht den Bleistift zwischen zwei Fingern. Ihre Augen sind nur noch Schlitze unter den geschwungenen, schwarz getuschten Wimpern. Doch er sieht sie nicht einmal an. Ob Romy eine Frau ist, die das reizt? Gewiss hat sie es bei den Männern leicht. Vielleicht wecken die unnahbaren, einsamen Wölfe eher ihr Interesse als die smarten Surferboys.
Der Haarige beginnt wieder zu kritzeln und als das Woll-knäuel auf eines der tuschelnden Mädchen zufliegt, schreibe ich: »Lukas =>Romy => X?«
Auf dem Namensschild des Geheimnisvollen steht lediglich »Rate: MfG Nes Din«. Auch das notiere ich. Ein Rätsel also. Das gefällt mir. Der Groß- und Kleinschreibung entnehme ich, dass er »Mit freundlichen Grüßen« startet. »Nes Din«. Ich lese es rückwärts. Nid Sen. Nidsen. Das ergibt keinen Sinn. Aber schwer kann es nicht sein, des Rätsels Lösung zu finden, bei nur sechs Buchstaben. Ich tippe auf ein Anagramm und schreibe noch einmal alle Buchstaben für sich auf. N E S D I N. Indesn. Nein. Deinsn. Immerhin fast ein Wort. Senidn. Eindeutig ein Rückschritt. Ich schaue zu seinem Platz hinüber und fixiere das Namensschild. Seine Schrift ist klein und wirkt angestrengt. Wahrscheinlich schreibt er lieber am Laptop. Nes Din, Nes Din. Ich lege den Kopf schräg und schon schlägt es ein wie ein Geistesblitz: Dennis! Natürlich, ich Trottel. Für einen Moment lege ich heroisch meinen Stift beiseite. Da fällt mir auf, dass ein Augenpaar mir folgt und mir anerkennend zunickt. Ich habe die Buchstaben großgeschrieben, obwohl ich mir vorher vorgenommen hatte, alle Notizen klein und krakelig zu machen, damit niemand lesen kann, was ich gedenke, für mich festzuhalten. Dennis‘ Augen sind dunkelbraun. Ich habe keine Ahnung, warum dies das Erste ist, was mir im Detail an ihm auffällt. Ich frage mich, ob er mich mit seiner Reaktion nur aufziehen will. Hätte das Dummerchen das nicht im Kopf lösen können? Manchmal wäre Gedankenlesen eine erstrebenswerte Fähigkeit.
Mein Magen knurrt und meine Konzentration lässt nach. Ich lausche den anderen Vorstellungen, habe aber bereits auf Durchzug geschaltet. Die Namen versuche ich mir zu merken und notiere hier und da eine Eselsbrücke auf meinen Block wie »Helden-Helge«, weil er fantastische Geschichten und Fortsetzungen alter Superman-Storys schreibt. Oder »Tilda und Lucy, die zwei minderjährigen Chipettes«. Die beiden Mädchen kennen sich aus Schreibschullehrgängen, haben einen Platz nebeneinander gesucht und deshalb auch über Dennis‘ Gedicht sofort zu tuscheln begonnen. Tatsächlich sind sie nicht minderjährig, sehen aber so aus und erinnern mich an diese weibliche Hörnchentruppe neben Alvin und den Chipmunks. Die große, dürre Blaue und die kleine Mopsige in Grün. Würde man Romy dazustellen, wäre das Trio passend und komplett.
Nachdem alle ein paar Sätze gesagt haben und das Wollknäuel von den Tischen verschwindet, gibt Malte – er will als Tutor eine lauschige Atmosphäre schaffen, in der auch wir ihn duzen, obwohl er deutlich jenseits der fünfzig liegt – uns die Aufgabe, eine halbe Seite zum Thema »Was mir das Schreiben bedeutet« zu füllen. Wer will, kann vorlesen. Dann ist Mittag. Endlich.


2. Kapitel

»Was für ein Vollspast.«
»Wer?«
Die Mensa ist normalerweise auf mehrere Berufsschulklas-sen ausgelegt. Derzeit sind wir die einzigen, die sich in dem Internatskomplex aufhalten. Die meisten rotten sich zum Mittagessen an einem langen Tisch zusammen. Fühlt man sich allein unter Fremden, hilft oft nur die Flucht in die Gruppe. Wer möchte schon gleich am ersten Tag zum Außenseiter degradiert werden? Ich setze mich zu den anderen.
An einem einzelnen Tisch sitzt nur Tutor Malte, zusammen mit dem haarigen Wolfgang, unserem stillen Kritzelbären, der sich mit dieser ersten Tischnachbarswahl in der Gruppe sicher keinen Gefallen tut. Dennis ist komplett verschwunden und taucht gar nicht erst in der Mensa auf. Er hält seinen Mysterienstatus aufrecht. Das Chipettespärchen Lucy und Tilda setzt sich gerade kichernd an unseren Tisch.
»Na, dieser Blutige-Herzen-Typ. Was soll die Scheiße? Fühlt der sich zu geil, um einfach seinen Namen zu sagen und was er so macht? Schreiben können wir alle, sonst wären wir nicht hier. Da muss man doch echt nicht so arrogant auf die Kacke hauen, oder was?«
Niemand erwidert etwas. Die Fanbase des Individualpoeten ist offenbar schon jetzt größer, als der schimpfende Lukas geahnt hat. Auf der Suche nach Gleichgesinnten blickt er die Tafel rauf und runter, doch die Leute stochern nur unbeteiligt auf ihren Tellern.
»Dennis.«
»Was?«
Erst als Lukas mich fragend ansieht, realisiere ich so richtig, dass ich es war, die gesprochen hat. Wenn aus Gedanken Worte werden.
»Sein Name ist Dennis«, füge ich hinzu.
Ganz offensichtlich ist das nicht die Art von Reaktion, die der aufgebrachte Lukas sich gewünscht hat. Seine Augen sind schmale Schlitze, als er mich ansieht und abwägt, ob ich gleich mit auf seine Abschussliste komme. Er wendet sich schließlich ab und murmelt etwas wie: »So eine Pfeife.«
Ich denke, das gilt Dennis und nicht mir.
Dann wird es still am Tisch. Tilda tuschelt, worauf Lucy verlegen kichert. Ich bin mir nicht sicher, ob sie von Dennis schwärmen oder sich über Lukas‘ Ausraster lustig machen.
Helden-Helge hört beim Essen Musik. Dicke, braune Star-Wars-Ohrmuscheln im Stil von Prinzessin Leias Flecht-Schnecken-Zöpfen zieren seine Ohren. Es sieht absolut albern aus. Helge wippt entspannt im Takt seiner eigenen Realität. Unbefangen grinst er. Ich bewundere ihn im Stillen. Er sitzt da in seiner kaputten Jeans und dem lässigen X-Men Fan-T-Shirt, trägt diese nerdigen Kopfhörer auf dem lockigen Wuschelkopf und fällt doch niemandem negativ auf. Er ist wie ein Kind. Man sieht ihn an, schüttelt kurz den Kopf und grinst. Fertig. Vielleicht hat er als unser Jüngster auch lediglich Welpenschutz, schwer zu sagen.
»Ist bei dir noch frei?«
Neben mir steht ein brünettes Mädchen und lächelt unsicher. Ihr Name fällt mir nicht sofort wieder ein, aber ich zerre zügig meine Tasche vom Stuhl zu meiner Linken.
»Klar.«
Sie setzt sich. Da fällt er mir wieder ein. Ihr Name ist Elén. Sie hat sich als Letzte vorgestellt. Meine Aufmerksamkeitsspanne ging da bereits gegen Null und ich bin froh, dass ich zumindest ihren Namen wieder auf dem Schirm habe. Schweigend beginnt sie zu essen.
Aufgrund der wenigen Leute bietet die Internatsküche nur zwei Gerichte an: Penne in einer roten Soße mit Fleischbällchen oder Lachs mit Petersilienkartoffeln. Vegetarier können entweder nur die Kartoffeln oder einen Salat essen, der sepa-rat bereitsteht. Ich esse den Fisch. Er ist nahezu nicht gesalzen und schmeckt genauso fade wie die Kartoffeln. Ich überlege kurz, ob Lachse im Süßwasser leben, und glaube ja. Das erklärt den natürlichen Salzmangel, den auf dem Tisch erklärt es aber nicht. Nirgends entdecke ich Salz- oder Pfefferstreuer, auch an der Essensausgabe nicht, als ich einen Blick hinüberwerfe.
»Das schmeckt ja furchtbar.« Elén rümpft die Nase über ihren Nudeln.
»Auch kein Salz?«, frage ich.
»Salz? Doch schon. Aber der Zimt ...«
»Da ist Zimt an den Nudeln?«
»Offenbar.«
Mit angewidertem Blick schiebt sie mir ihren Teller zum Probieren zu. Ich spieße eine Nudel auf und koste. Tatsächlich. Zimt in der Tomatensoße, und zwar nicht zu knapp.
»Das ist wirklich seltsam. Gib es zurück und hol dir Fisch. Der schmeckt nicht annähernd so merkwürdig, schmeckt nämlich nach gar nichts.«
Elén zieht den Teller wieder zu sich heran. »Pfui nein, ich hasse Fisch. Alles, was aus dem Meer kommt, ist irgendwie so schwabbelig. Und von Salat allein werde ich bestimmt nicht satt. Ist doch bald Weihnachten, dann halt Zimtnudeln. Hab ewig keinen Zimt mehr gegessen. Komische Kombi, aber der Hunger treibt’s schon rein.«
Sie schiebt sich eine weitere Nudel in den Mund und das Unterdrücken ihres Würgereflexes ist nicht zu übersehen.
»Vanille, Alter!« Helge spuckt seine Nudeln ganz unheldenhaft quer über den Tisch. Alle Blicke kleben an ihm.
»Sag mal, spinnst du!« Romys Bluse hat Soßenspritzer abbekommen. Der Salat vor ihr scheint unversehrt. Niemals trifft es den Salat, immer die weißen Blusen. Romy hat bisher die Mittagspause damit verbracht, unentwegt auf ihrem Smartphone herumzutippen. Facebook, WhatsApp, Twitter. Diverse Instant Messanger. Noch bevor sie sich setzte, knipste sie ein Instagram Foto ihres Salates. Social Networking par excellence. Es scheint nur wenige Social Media Seiten zu geben, bei denen sie nicht angemeldet ist. Diese gesammelt beim Mittagessen auf dem Laufenden zu halten, scheint mir eine anstrengende Pflicht zu sein, der sie aber mit Hingabe nachgeht.
Helge reißt sich die Prinzessin-Leia-Zöpfe von den Ohren.
»Ey sorry, aber das is‘ echt abartig. Die Nudeln, oder?« Er schaut abwechselnd zu Elén und Lukas hinüber, die sich ebenfalls für die Penne entschieden haben.
Elén neben mir nickt zustimmend. »Zimt. Voll widerlich.«
»Echt? Meine sind irgendwie … schokoladig. Find‘ ich aber eigentlich ganz lecker«, antwortet Lukas und isst genüsslich weiter, während Helge aufspringt und mit seinem Teller zum Tresen der Küchenfeen hüpft. Der Junge muss ein Leistungssportler sein. Seine Gangart ist die eines jungen Rehs und sein Körper lässt unter dem ablenkenden Comic-Shirt den eines schmächtigen, aber wohltrainierten Male-Models erkennen. Er diskutiert mit der Küchenhilfe, woraufhin diese ungläubig den Kopf schüttelt. Kurz verschwindet sie im Hinterzimmer und kommt dann mit einem großen Topf zurück. Vor Helges Augen probiert sie das Nudelgericht darin und zuckt die Schultern. Auch er lässt seine Gabel in dem Topf verschwinden und kostet daraus. Die Dame füllt ihm einen neuen Teller auf, behält seinen alten da und er kommt zurück zum Tisch.
Sein Kommentar zum ersten Bissen folgt umgehend: »Hackfleisch, Tomate, salzfrei. Jetz‘ is‘ es normales Mensafutter.« Daraufhin setzt er die Kopfhörer wieder auf, zieht einen Comic aus der Tasche und blättert darin, während er sich die Nudeln in den Mund schaufelt wie ein Verhungernder.
Lukas bleibt unbeeindruckt sitzen und isst seinen Teller mit Schokoladenaromanudeln weiter. Elén steht auf. Eine gute Entscheidung, denke ich in Erinnerung an die Zimtnudelkombi, die mein geschmackloser Fisch noch nicht ganz tilgen konnte.
Kurz darauf dröhnt ein lautes Scheppern durch den Saal. Ich schaue mich suchend um. Lucy hat sich bereits wogend in Bewegung gesetzt. Das dicke Mädchen kniet neben einer am Boden liegenden Elén. Der Teller ist zersprungen und Pasta liegt in Eléns brünetten langen Haaren verteilt. Auch Malte Viefhues hechtet hoch, das Handy bereits in der Hand, um einen Arzt anzufordern. Niemand weiß, was passiert ist. Elén ist bewusstlos.

»Eine Zimtallergie? Ernsthaft? Gibt es so was?«
»Scheinbar. Elén hat bisher wohl selbst nichts davon gewusst. Die Ärzte haben sie durchgecheckt. Es geht ihr schon besser, sie ist nur noch etwas wackelig auf den Beinen und es hat sich ein fieser Ausschlag gebildet. Jetzt kratzt sie sich höchstens zu Tode. Ansonsten kommt sie durch, sagt Malte Viefhues.«
»Aber warum Zimt in Nudeln?«
»Das weiß ebenfalls keiner. Die Küchenfeen schwören Stein und Bein, sie hätten nichts gemacht. Im Nudelbottich war keine Spur davon zu finden, weder Zimt noch Schoko- oder Vanillearoma. Eléns, Lukas‘ und Helges Pastaportionen waren aber eindeutig … nachgewürzt.«
»Verrückt.«
»Du sagst es.«
An Tilda und Lucy geht kein Tratsch vorbei.

Elén kommt nicht zurück. Es sind nur Gerüchte, aber ihre Begeisterung für den Workshop hatte schlagartig ein Ende, als sie einen Fuß in ein Krankenhaus setzen musste. Womöglich hat sie nun andere Sorgen. Vielleicht fehlte ihr aber schon auch von Anfang an die Lust auf das Ganze.
Ich bin in meinem Internatszimmer. Während ich meine Schreibtischschublade einräume, sehe ich aus dem Fenster. Niemand ist draußen. Das leere Gelände ist grün und grau zugleich, während der Herbstwind über den Rasen weht. Man sieht ihn nicht, nur was er bewegt. Wie die Liebe. Wind, eine erstaunliche Kraft. Ich sollte mir den Gedanken notieren. Wo ist mein Notizbuch?
Gerade habe ich meine Sachen eingeräumt – zumindest ein paar Klamotten in den modrigen Holzschrank sowie Manuskript, Kulis und ein Päckchen Bonbons in die Schublade des Schreibtischs vorm Fenster. Darin ist das Notizbuch nicht. Ich grüble. Ich habe es doch von der letzten Stunde wieder mitgebracht, oder?
Das Zimmer ist gerade groß genug, dass man es mit zwei großen Schritten durchmessen kann. Ziemlich kleine Butze. Ohne Toilette. Nur Bett, Schrank und Schreibtisch. Leselam-pe, Deckenlicht und Mülleimer. Es ist kalt. Die Heizung gibt bereits alles und summt angestrengt.
Ich durchwühle meine Tasche, die ich direkt neben der Eingangstür habe fallen lassen, aber auch dort ist von meinem Notizbuch keine Spur. Mist. Ich schnappe mir meine Jacke. Hoffentlich ist der Sitzungssaal noch offen und der Viefhues hat nach der letzten Workshopstunde noch nicht abgeschlossen.

+++ +++ +++

Textprobe: Melanie Bottke

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