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 Leseprobe "Grazie Roma@ schön, dass es E-Mails gibt"

von Claudio Gallo

Taschenbuch, 267 Seiten, ISBN: 978-3-96050-134-3

Inhalt

GRAZIE ROMA
Leseprobe des zweiten Teils

GRAZIE ROMA

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Salve, Balduino, ti mando quelle pagine della mia ricerca sugli 3 amici dal passato. Ah, scusa, sono in fretta oggi – ich habe es eilig – ich wollte ja deutsch schreiben – allora – bin voll im Stress. Meine Abschlussarbeit, wie du weißt … Lorenzo beklagt sich auch schon. J Vielleicht kannst du mit dem folgenden Text etwas anfangen und findest damit einen Zusammenhang zu unseren bisherigen Recherchen. Ich denke, diese Seiten könnten hilfreich sein. Sieh sie dir einfach an. L’altra volta di più – das nächste Mal mehr. Weißt du schon, wann du nach Rom kommst? Ah sì, certamente – lies erst einmal! Du hast ja auch zu tun.  

Allora, alla prossima volta! Bis zum nächsten Mal! Ciao, Balduino, du hörst wieder von mir.

Zussana

Amore mio, io esaudirò ogni del tuoi desideri. Meine Liebe, ich werde dir jeden Wunsch erfüllen. Mit diesem schwärmerischen Gedanken fahre ich den Laptop herunter und schalte ihn aus.

Zussana! ... Zufrieden lächelnd bleibe ich sitzen. Seufzend lehne ich mich zurück, schließe die Augen und träume.

Ja, Zussana, das Mädchen aus Rom. Das Mädchen meiner Träume. Wie könnte ich nicht an sie denken – die schöne Rothaarige – die bezaubernd aussieht und mit der man sich auch vortrefflich unterhalten kann.

Ihre liebenswerte, herzliche Art hat mich sofort gefangen genommen, als wir uns das erste Mal trafen. Faszinierend, einfach liebenswert. Unsere Interessen liegen auch nahe beieinander und somit hatten wir von Beginn an eine gute Basis, in Kontakt zu bleiben und diesen zu pflegen.

Die Auszüge von alten Papierrollen, die für meine Arbeit auch interessant sein könnten, schickte sie mir, und wir tauschten unsere Gedanken darüber aus. Wir sprachen darüber und klärten gemeinsam die nicht so einfach verständlichen Zusammenhänge von dem entsprechenden Zeit-Wirrwarr. Sprechen – über das Netz natürlich meistens nur. So bleiben wir in Verbindung und können auch gewissermaßen einen Erfahrungsaustausch über unsere Tätigkeit führen. Zussana studiert Germanistik und Kunstgeschichte und dazu noch mehrere Sprachen. Ich weiß gar nicht genau, welche das sind. Jetzt schreibt sie bereits ihre Abschlussarbeit – ihre Masterarbeit.

Zussana! Meine Brust zieht sich zusammen. Immer wieder kreisen meine Gedanken um sie und ihre Arbeit. Ich bin gespannt darauf. Ob die Arbeit gut wird? Ach, warum zweifle ich!

Sie schreibt über den Lebensweg von Zussa, dem Mädchen aus einer längst vergangenen Zeit. Eigentlich gut, dass ich in der gleichen Epoche auf der Suche nach Antworten auf meine Fragen bin. Wenn wir darüber sprechen oder schreiben, ist manches leichter zu erklären. Inzwischen sind wir gute Freunde geworden.

Ich schrieb ihr gestern, sozusagen als Antwort auf ihre Mail:

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Cara Zussana, geht´s dir gut? Ich muss ständig daran denken, ob ich dir irgendwie helfen kann. Es ist ja doch ganz schön problematisch, alles über das Mädchen Zussa zusammenzustellen. Sie scheint viel unterwegs gewesen zu sein.

Mir sind beim Durchlesen meiner Notizen einige Passagen aufgefallen, die ich bei Paldwin herauslesen konnte und die ich dir gern schicken würde. Vielleicht kannst du sie verwenden. Er hatte seinerzeit auch irgendwie mit dem Mädchen zu tun. Sicher ist es interessant zu erfahren, wie Zussa aus ihrer Sicht die Abenteuer von Roderich, Aranolt und Paldwin bewertet und was sie überhaupt von den drei Freunden hält. Ich freue mich schon darauf, beide Teile miteinander vergleichen zu können.

Meine ersten zusammenhängenden Texte habe ich kapitelweise aufgeschrieben (siehe Anhang). Dem »gewissen Buch« – du weißt, wovon ich spreche – ist noch mehr zu entnehmen. Je länger ich mich damit befasse, umso mehr gibt es mir preis. Ich spüre ganz deutlich, dass diese Zahlen etwas bedeuten müssen – sie drängen an die Oberfläche meines Bewusstseins. Mir wird es sicher noch gelingen, dieses Rätsel zu lösen.

Die ersten Seiten deiner Arbeit habe ich mit Begeisterung verschlungen, das heißt gelesen. Langsam verstehe ich Zussa und Paldwin. Aufgewühlt von dem Gelesenen, habe ich immer wieder Passagen miteinander verglichen. J »Un mistero!« Man sagt: Wer nicht die Poesie sieht, die sich überall verbirgt, weiß nichts über die Schönheit des Universums.

Ich bin mit der Grundidee zum zweiten Buch fertig und sortiere die einzelnen Geschehnisse. Der Titel steht schon fest:  »Paldwin«. (Vielleicht fällt uns noch ein besserer Titel ein).

Das Schreiben hat mich wieder einmal so gepackt, dass ich nachts mit Fetzen im Kopf aufwache: Bettler am Weg, sie lachen – wie Marionetten – der Mann, – du kennst ihn – dieses Mal mit langem Gewand und Kapuze und dann wieder in schwarzem Anzug mit weißem Römerkragen. Pazzo! Ja, verrückt, ich weiß. Si può dire; Man kann sagen: Wer glaubt, nichts fürchten zu müssen, hat nichts zu gewinnen. Ach! Ich müsste mal wieder ausspannen!

Übrigens, was machst du Silvester? Es dauert ja nicht mehr lange und das Jahr ist vorbei! Bis dahin gibt es noch viel zu tun und ich freue mich schon auf deine nächsten Zeilen über Zussa. Certamente è anche una ragazza incantevole. Gewiss auch ein bezauberndes Mädchen mit flammendem Haar.

Lass von dir hören!

Balduino

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Hallo, da bin ich schon! Balduino, gut, dass du fragst. Das Jahresende ist wirklich nicht mehr weit und natürlich habe ich noch jede Menge zu erledigen – nicht allein für die Uni – vor allem für Silvester. Wusstest du schon, dass bereits durch seine eigentliche Bezeichnung Silvester eng mit Italien verbunden ist? Der Name geht auf den am 31. Dezember 335 in Rom verstorbenen Papst Silvester I. zurück. Im Hinblick auf seine Verdienste wurde er heiliggesprochen und wird bis heute verehrt.

Der Silvestertag verläuft bei uns wie immer. Claudio hat Familie und Freunde zum traditionellen Silvesteressen eingeladen.

Wir Italiener sind sehr abergläubisch und haben somit zahlreiche Silvesterbräuche entwickelt, um einem wirklich guten neuen Jahr bestens auf die Sprünge zu helfen. So sind in der Weihnachtszeit fast alle Unterwäschegeschäfte mit roter Wäsche dekoriert, und das nicht nur, weil es Weihnachten ist. Rote Unterwäsche ist nämlich ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk. Es heißt, fast kein Italiener beginnt das neue Jahr ohne rote Unterwäsche. Angeblich soll das Tragen von roter (am besten geschenkter) Unterwäsche zu Glück verhelfen. Fragt man bei der Feier Bekannte, ob sie rote Unterwäsche tragen, so wird gleich klargestellt, dass man zwar nicht daran glaube, aber man weiß ja nie und dann war da noch dieses Weihnachtsgeschenk.

Ich sehe dein Grinsen J – vergiss es, es ist ja nur ein Brauch. Und es stimmt, Zia Margherita machte mir schon so ein Weihnachtsgeschenk und Onkel Claudio bekam auch so etwas von seiner Schwester. Wie schon gesagt, wir sind ein abergläubisches Völkchen. Tentar non nuoce! Versuchen schadet nicht, sagen wir Römer.

Eine weitere Tradition sind Zampone (gefüllter Schweins­fuß) oder dessen abgeschwächte Version Cotechino (eine Art Schlackwurst) mit Linsen. Dieses Gericht wird im Allgemeinen noch nach den zahlreichen Gängen an Silvester gegessen, fast vor Mitternacht, denn Linsen sollen Geld und Reichtum bringen. Gleiches gilt auch für Trauben, die man noch vor dem Nachtisch zu sich nimmt. Ein italienisches Sprichwort sagt: Chi mangia l’uva per Capodanno conta i quattrini tutto l’anno. Wer Trauben an Silvester isst, kann das ganze Jahr Geld zählen. Allerdings ergeben das Wort Silvester Capodanno und tutto l’anno (Neujahr und das ganze Jahr) einen Reim, weshalb die Italiener sich da so einiges zusammendichten. Sehr beliebt ist auch – und dies bedarf bestimmt keiner Übersetzung: Chi fa l’amore a Capodanno, fa l’amore tutto l’anno

Ein weiterer Brauch, insbesondere in Süditalien, ist es, alte Dinge aus dem Fenster zu werfen, denn das neue Jahr zeichnet einen Neubeginn und schließt mit dem vorhergehenden ab. Also Vorsicht bei geöffneten Fenstern.

Die Italiener feiern Silvester traditionsgemäß bei einem niemals endenden mehrgängigen Abendessen, dem Cenone (Silvesteressen) zuhause mit Freunden oder aber auch im Restaurant, letzteres aufgrund der zahlreichen Gänge, ein nicht ganz so günstiges Unterfangen. Aufgrund der Krise in Italien bieten viele Restaurants mittlerweile auch Menu à la Carte anstatt des Cenone an. Fast alle Städte organisieren dazu Konzerte und Unterhaltung auf der Piazza. Wir gehen nach dem Essen gemeinsam zum Kolosseum, um dort beim großen Feuerwerk das neue Jahr zu begrüßen.

Hast du vor, Silvester auch viel zu tun? Darf ich dir etwas zum Durchlesen schicken? Ich habe bereits eine erste Datei angehängt. Meine Rechtschreibung, die Grammatik und die Sprache überhaupt verlangen eine zusätzliche Lesung. J Du weißt ja, deutsche Sprache, schwere Sprache. Allora, tutto a posto, devo finire. Viel Spaß! Dir einen schönen Tag.

Salve, Zussana

Bevor Tante Margherita mir Gesellschaft leistet, werde ich die Mail auf die Reise schicken.

»Eigentlich könntest du diesen Text genau so übernehmen, Balduin. Die Silvestertraditionen kennen sicher nur wenige.« Ich sage es laut, als stünde er vor mir. Die Arme hinter dem Kopf, ein kuscheliges Kissen im Sessel, lehne ich mich zufrieden zurück und erinnere mich daran, wie ich ihn kennenlernte.

Es war seine zweite Lesung aus seinem ersten Roman hier in Rom. Tante Margherita hatte mich mehr oder weniger mitgeschleift, da sie schon von seiner ersten begeistert gewesen war.

Ich war es nicht gerade, denn tatsächlich ging ich nur meiner Tante zuliebe dorthin. Zia Margherita schwärmte von dem Autor wie ein junges Mädchen. Sie wollte mich ein wenig neugierig machen. Na, ja. Es gelang ihr – ein wenig.

Im Saal war jeder Platz besetzt, und die Neugier auf den Gast aus Deutschland stieg unverkennbar. Einige Italiener waren bereits zum zweiten Mal gekommen, da sie gern noch mehr aus seinem Buch hören wollten.

Balduin erschien unter Beifall mit dem Veranstalter und meine Tante flüsterte mir zu: »Seine Aufregung hält sich heute in Grenzen. – Sieh mal dort, in der ersten Reihe sitzen Arne und Wolf und ein paar Freunde Claudios. Ihre erwartungsvollen Blicke machen dem Autor Mut. Alte Bekannte.«

Ich war schon sehr überrascht, wie gut mir der Autor gefiel, der sich verlegen bemühte, seine Nervosität zu verbergen. Mir gefiel, was ich da sah: Rötlich, leicht gelocktes Haar – na, eigentlich blond – fiel ihm in die Stirn und sein jungenhaftes Lächeln brachte ein kleines Grübchen auf der rechten Wange zum Vorschein. Seine Augen blitzten schelmisch und sein offener Blick nahm mich von Anfang an gefangen. Der erste äußerliche Eindruck passte in meine Vorstellung eines jungen Mannes. Seine Augen wirkten unfassbar tief, als könne man sich darin verlieren.

Meine Tante hatte von ihm und seinem Buch im Vorfeld geschwärmt. Jetzt war mein Interesse erwacht und ich wartete mit großer Spannung. Es war offensichtlich, dass er anfangs sehr unsicher war, fast ängstlich sogar, beinahe panisch. Sein Blick suchte im Raum nach etwas oder nach jemandem. Dann entdeckte er Margherita in ihrem auffälligen cremefarbenen Kostüm. Ihre silbergrauen Haare waren vom Friseur in adrette Wellen gelegt. Sie sah wieder wie aus dem Ei gepellt aus. Sein Blick blieb haften. Sah er mich an? Ja, das tat er, auf eine nicht unangenehme Art und Weise. Ich hatte den Eindruck, dass er mich erst kritisch, aber auch neugierig musterte, dann plötzlich ... mit einem bezaubernden Lächeln im Gesicht.

Ein paar Sekunden verstrichen, dann war der magische Moment vorbei. Doch eine eigenartige Unruhe blieb in mir zurück.

Er atmete sichtlich tief durch und begann nach einigen Worten des Dankes in seinem Roman zu lesen.

»Da der Karnevalsumzug ein langerwarteter Höhepunkt in der Ewigen Stadt war ...«.

Irgendetwas beeinflusste ihn. Er kam ins Stottern, sah seine Freunde an, versuchte sich zu konzentrieren, das Chaos in seinem Kopf zu beruhigen.

Ich bemerkte, wie er sich bemühte, seinen Kopf freizubekommen. Er sah gefasst in die Runde. Lächelte. Unter Anstrengung gelang es allmählich. Dabei griff er an sein Handgelenk – später erkannte ich das Armband.

Seine Freunde nickten ihm ermutigend zu.

Unruhiges Räuspern wurde laut.

Balduin blickte zu Margherita, die etwas murmelte, was ich nicht verstand.

Der Autor setzte nun die Lesung fort, seine Stimme wurde ruhig, dann geradezu hypnotisch. Am Schluss konnte er alle wieder begeistern.

Kein Wort haben wir bei seiner zweiten Lesung miteinander gesprochen, keinen weiteren Blick gewechselt. Trotzdem war ich mir mit allen Sinnen seiner Nähe bewusst, hatte die ganze Zeit das merkwürdige Gefühl, dabei zu sein, ein Teil dieser Geschichte, die er vorlas. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so etwas schon einmal erlebt zu haben.

Der Blick dieser Augen war derart intensiv, dass er einen unwillkürlich in seinen Bann zog. Und dann spürte man plötzlich die enorme Präsenz, die dieser Autor ausstrahlte.

Ich glaube, dass unsere Leidenschaft für das Schreiben uns nach dieser Lesung in Rom zusammengeführt hat. Doch langsam frage ich mich, ob wir uns wirklich dort zum ersten Mal begegnet sind. Manchmal sind wir beide überzeugt, dass wir uns schon viel länger kennen – vielleicht aus einem früheren Leben? Zussa und Paldwin haben auch ihre Geschichte.

»Oh, jetzt aber schnell!« Zia Margherita viene ogni momento.

 Faccio clica! Il Mail è mandato.

***

Die Luft ist kalt geworden. Ich stehe am geöffneten Fenster und lasse für einen Moment die kalte Winterluft herein. Da sitzt auch schon wieder der Vogel, der mich heute Morgen mit seinem durchdringenden Geschrei aus meinen Träumen geholt hat. Kein liebliches Gezwitscher wie im Frühling, nein, ein heiseres »Kraah, Kraah!«

Aber der Anblick der Natur lässt mich augenblicklich meine Verdrießlichkeit vergessen. Helligkeit, wohin ich schaue – alles Weiß! Raureif auf Bäumen und Sträuchern hat die Umgebung zur Märchenwelt gemacht. Blauer Himmel, Sonnenschein und frisch gefallener Schnee, der schon mit zarten Vogelspuren gekennzeichnet ist, lädt zum Verweilen ein. Es wirkt wie ein Gemälde, wie eine Szene aus einem Disney-Film. Die Sonne taucht alles in ein weiches Licht.

Ich ziehe zufrieden die frische Morgenluft in meine Lungen und schließe das Fenster wieder. Feine Schneeflocken tänzeln zu Boden und bringen ein feines Glitzern in die Natur.

Im Laufe des Tages wird der Schneefall stärker und legt einen weißen Teppich über den gesamten Garten. Wohltuende Stille ringsherum, die nur ab und zu durch das Signal der Schiffe – von der Elbe herüberkommend – unterbrochen wird.

Eine Krähe hockt auf einem Ast der alten Weide. Mit schief gelegtem Kopf beäugt sie das weiße Wunder mit wachsamem Blick. Plötzlich schwingt sie sich, einen krächzenden Schrei ausstoßend, vom Ast und fliegt in den inzwischen grau geworden Himmel gen Elbe davon. Ich schaue ihr nach, bis sie meinen Blicken entschwunden ist. Das Zischen einer Rakete hat sie wohl erschreckt.

Am frühen Abend nehmen die Explosionen der Feuerwerkskörper zu. Über den Häusern verglühen einzelne rote, grüne und gelbe Leuchtkugeln. Es dauert nicht lange. Als hätte man sich verabredet, sprühen jetzt Lichtfontänen von allen Seiten kommend gen Himmel. Bald ist ein großartiges Schauspiel entstanden. Schlag auf Schlag schießen Silvesterraketen in die Höhe, um gleich darauf den Himmel mit bunten Sternen zu übersähen, die eigentlich zu schnell wieder verglühen. Inzwischen sind die Leute, die hier aktiv sind, nur noch als dunkle Schatten zu sehen und im Schein des roten Feuerwerk-Nebels haben sie sogar etwas Dämonisches an sich.

Eigentlich dient das Feuerwerk dazu, das alte Jahr abzufackeln und das neue Jahr zu begrüßen. Mit Dämonen hat das wohl nichts zu tun.

Eine Weile schaue ich noch zu. Es wird schon gefeiert und gelacht. Schließlich wende ich mich meinem nächsten Kapitel zu. Ich denke, dass es ganz gut wird.

Während das Betriebssystem startet, denke ich an Zussana! Sie ist ständig in meinem Kopf. Darum bin ich nicht so richtig bei der Sache und überlege, meinen Computer zu schließen.

In diesem Moment kommt Rudolf herein und drängelt. »Was machst du denn noch? Balduin, wir müssen gehen! Arnold drängelt auch schon.«

Es war doch schon entschieden, dass wir nach Hamburg zu meinen Freunden fahren.  

Wir drei wohnen gemeinsam in einem Haus, sind Freunde und hatten von Anfang an klare Regeln, die wir natürlich einhalten wollen. Unser Freund Arnold, also Arne, stört gern manchmal, wenn er es absolut nicht mehr aushält, das, was ihm auf dem Herzen brennt, loszuwerden. Deshalb gilt eine Ausnahme: Gestört werden darf nur, wenn`s brennt. Mich nennen sie Balder, was eindeutig zu Balduin passt. Ich habe Rudolf, den wir Wolf nennen, verstanden. Also stehe ich auf und verrenkte mich, um meinen verspannten Nacken zu massieren. Ich habe die ganze Zeit mit vor Anspannung hochgezogenen Schultern vor dem kleinen Bildschirm gesessen und spüre nun ein unangenehmes Kribbeln in den verhärteten Muskeln.

Gut, dass Wolf dich erlöst hat.

Anhaltender Frost hat am Neujahrsmorgen den Boden verhärtet und nimmt dankbar den Schnee auf. Es ist unglaublich kalt geworden. Die Temperatur liegt unter dem Nullpunkt. Die Bürgersteige sind vom Pulverschnee bedeckt. Ein Räumfahrzeug schiebt die Wege frei. Mit lautem Spektakel kreist ein Schwarm Krähen über den Bäumen. In der aufgehenden Sonne glänzt das Gefieder blauschwarz. Ein Teil der schwarzen Vögel sitzt bereits in der alten Weide.

Es schneit jetzt heftiger und entwickelt sich rasch zu einem richtigen Schneegestöber. Durch die dichten Flocken kann ich kaum den Weg neben unserem Grundstück erkennen.

Ich mag das Wetter nicht besonders und es steht fest, dass ich heute nicht unbedingt das Haus verlassen muss. So habe ich wieder Zeit für den Computer. Wie immer öffne ich zuerst meine E-Mails. Mir wird gleich wärmer, denn die erste Nachricht im neuen Jahr kommt aus dem Süden.

@

Dapprima, ancora! Tanti auguri per l’anno nuovo, caro Balduino!

Nach ein paar Tagen Ruhe habe ich wieder voll zu tun. Du siehst, sono una ragazza laboriosa – fleißig wie eine Biene. Na, da staunst du, oder? Der Anhang ist erstaunenswert, oder?

Ich habe mich auch gewundert. Vielleicht verstehst du ja gleich, was du da liest. Ich musste natürlich auch, nachdem ich es gelesen hatte, Tante Margherita ein paar Fragen stellen. Sie wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Doch es wird noch interessanter. Lies noch den zweiten Anhang! Ich weiß auch schon die Fortsetzung.

Ich suche immer noch in der Universitätsbibliothek, um vielleicht noch etwas Neues über Zussa zu entdecken.

Gestern stöberten Lorenzo und ich wieder einmal dort. Das Wetter bot sich regelrecht an. Es war interessant zu sehen, wie der Regen in dicken Rinnsalen die mächtige Glasfassade der Universitätsbibliothek herunterrann, während wir die Stapel Bücher in den Regalen sichteten. Es waren die letzten, die ich für dich heute durchsehen wollte.

Beim Anblick des letzten Buches, das ich gerade von dem großen Stapel nahm, musste ich schmunzeln. Ein wirklich gutes Buch. In zwei Tagen hatte ich es damals ausgelesen, so fesselnd fand ich die Geschichten über den mythenumwobenen Hohen Norden, dem man früher nachgesagt hat, Hexen und Zauberer würden hier ihr Unwesen treiben. Behutsam strich ich über die kunstvolle Prägung des ledernen Einbandes. Ein schlangenartiges Ungeheuer des Meeres, das gerade ein Schiff zu verschlingen droht und es dabei mit seinem wulstigen Körper in die Tiefe reißt, fand ich wunderschön.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der augenzwinkernde Hinweis des Autors, dass auf der nördlichsten Universität der Welt so manch unerzählte Mythen und Geheimnisse lauern. Nun, man kann von solch alten Geschichten halten, was man will, ich liebe sie.

Lorenzo ist sogar für unsere Arbeit fündig geworden. In einem kleinen Buch stand etwas über Zussa in Rom. Sieh selbst!

Weißt du, Balduino, ich bin sehr stolz darauf, an der Sapienza zu studieren. Ursprünglich war sie eine päpstliche Universität. Im April 1303 von Papst Bonifatius VIII wurde das Studium urbis mit der Päpstlichen Bulle offiziell gegründet, um Anwärter auf die Priesterschaft in räumlicher Nähe des Heiligen Stuhls auszubilden. Die ersten Räumlichkeiten der Universität befanden sich in der Umgebung der »Basilica di Sant'Eustachio«. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde dort für die Universität der Palazzo della Sapienza errichtet, wo man auch die spätere Biblioteca Universitaria Alessandrina unterbrachte. Seit 1870 ist die Sapienza staatlich und befindet sich in der Nähe des Bahnhofs Roma Termini – wo ich studiere! Ja, ja! Das weißt du schon. Aber ja, ich freue mich wirklich, dort sein zu dürfen. Und ich liebe den morgendlichen Spaziergang zur Arbeit. Meine Gedanken treiben frei durch meinen Geist, während ich durch die verwinkelten Nebenstraßen laufe. Auf dem Weg zur Uni ordnet sich in meinem Kopf alles wie von selbst.

Ich muss aufhören. Zia Margherita steht in der Tür. An ihrem Gesicht erkenne ich, dass sie es ernst meint. Sie kommt näher, legt ihre Hand auf meine Schulter. Mit einem missbilligenden Blick auf den Bildschirm fragt sie mich, ob ich das alles heute Morgen schon geschrieben hätte. Ich nicke nur und sie geht. Du merkst, die Zeit drängt.

A più tardi, Zussana

»Aufstehen, komm auf andere Gedanken, Balduin!«

Ich rede laut mit mir selbst, denn das verstärkt meinen Willen, es wirklich zu tun. Ich ringe nämlich schon eine ganze Weile mit mir, das Richtige zu tun. Ja, das Richtige, was auch immer das ist. Ich erhebe mich rasch und gehe erst mal in unsere kleine Bibliothek. Sie ist ein Treffpunkt in unserem Haus, ein Ort der Träume. Eigentlich ein Paradies der Fantasie.

Das Stöbern in alten Büchern, ein Ablenkungsmanöver welcher Art auch immer, oder auch die Suche nach etwas ganz Bestimmtem haben mir bisher immer geholfen, manches Problem zu lösen.

Meine Hand gleitet liebevoll über eine Reihe von Buchrücken im Regal. Ich habe die Hoffnung, etwas mir Bekanntes zu finden, schon fast aufgegeben und ziehe das Buch, das ich gerade berühre, heraus. Es ist eine gebundene Ausgabe, schön, sehr alt, aber gut erhalten. Goethes »Faust«!

Ich kenne ihn als Reclam, habe es schon mehrere Male gelesen. Damals aber war meine Sicht auf die Welt noch eine andere. Vorsichtig öffne ich das Buch und überfliege ein paar Sätze.

»Anmut bringen wir ins Leben. Leget Anmut in das Geben. Leget Anmut ins Empfangen, Lieblich ist’s, den Wunsch erlangen. Und in stiller Tage Schranken. Höchst anmutig sei danken.«

Ach, nein, es ist doch nicht das! Ich stelle das Buch zurück. Suchend gehe ich weiter. Nach einer Weile finde ich das richtige. Mit einem guten Wein setze ich mich an den Fenstertisch. Ich trinke einen kräftigen Schluck, spüre, wie er mir guttut.

Ich rieche den Duft des Weinbergs, den Duft der Lilien der Toskana, habe den Weinberg vor Augen, erinnere mich an das alte Kreuzgewölbe, unter dem die Eichenfässer lagern, in denen die Weine reifen. Claudios Devise: »Sie brauchen Zeit, um sich optimal zu entwickeln.«

Damals … Es war ein gutes Weinjahr. Claudios Weinberg voll von ausgezeichneten Weinstöcken, in denen schwere, dunkle Trauben leuchteten. Ein Duft von Lilien wehte zu uns herüber. Hinter den Hügeln ging die Sonne auf und streute ihr goldenes Licht über die Reben.

Ich fühle mich gut und fülle mir tief atmend das Glas erneut. Christopher Marlowe »Die Historie Dr. Faustus«. Ich beginne zu lesen.

»Die Wunderwirkung der Magie wird’s machen,

Dass du dich ihrem Studium einzig weihst.

Wer Sprachen kennt und die Astrologie

Beherrscht, der Mineralien Kräfte weiß,

Hat die Principia, so Magie erfordert …«

Wolf holt mich zum Abendessen. Beim Lesen vergesse ich Zeit und Raum. Ich weiß aber endlich, wie ich mein nächstes Kapitel beginnen werde. Ein paar Tage habe ich dafür gebraucht, und nun wird es Zeit, Zussana wieder eine Nachricht zukommen zu lassen.

@

Liebe Zusanna, nun hat der Winter uns im Norden doch noch mit Wucht getroffen. Fit Walking habe ich ausfallen lassen und ich werde das Haus heute gewiss nicht verlassen.

Wolf und Arne haben auch zu Hause zu tun.

Der erste größere Schneefall des Jahres und vor allem das Orkantief »Frederike« hat im Norden zu einem Chaos geführt. »Nein, nicht schon wieder!« – So oder ähnlich haben wohl Hunderttausende geflucht, als sie aus dem Fenster sahen.

Es ist zwar ein traumhaftes Winterbild, wenn man in den Garten sieht und den Blick zur Elbe schweifen lässt, aber wer aus dem Haus muss, der kann sich an der weißen Pracht wohl kaum erfreuen. Schneemassen, Verwehungen und glatte Straßen lassen im Norden den strengen letzten Winter unverhofft schnell wieder aufleben. Tausende kommen zu spät zur Arbeit, Staus überall, die Polizei zählt bis zum Mittag mehr als 200 Unfälle. In vielen Schulen fällt sogar der Unterricht aus, große Veranstaltungen werden abgesagt. Die Polizei rät ohnehin: »Wer zu Hause bleiben kann, sollte es auch tun.« Von einer »schweren Winterlage« sprechen Fachleute. Das wollte ich dir nur schnell mitteilen, bevor ich mich dem nächsten Kapitel meines Buches widme.

Bis bald, Balduin

Für mich spielt das Wetter im Augenblick wirklich keine große Rolle. Ich bin mit ganz anderen Gedanken beschäftigt und dieses Winterwetter will so gar nicht dazu passen. Ich wünsche mir ein Wiedersehen mit Zussana. Ich habe ihr so viel zu erzählen, aber ...

Ach, es ist ja wirklich irgendwie nicht zu verstehen. Was mach ich bloß! Ein Mensch hat eine ungewöhnliche Besonderheit. Ist das jemandem zu erklären? Ob sie es verstehen wird, dass ich eine Gabe besitze? Ich muss einfach mal direkt mit ihr darüber sprechen. Lange genug schiebe ich es vor mir her. Arne und Wolf haben es ja dann auch letztendlich akzeptiert.

Aber wie sage ich es ihr am besten? Wird sie mich dann noch sehen wollen? Nun gut, wir sind ja Freunde. Oh Dio, hilf mir. Ich muss den richtigen Zeitpunkt finden, oder?

+++ +++ +++

Textprobe: Claudio Gallo

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