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Coverabbildung Das Labyrinth des Narren    Leseprobe "Das Labyrinth des Narren"

von Peter Dumat

Taschenbuch, ca 258 Seiten, ISBN: 978-3-96050-095-7

INHALT

Transit Richtung Dämmerung

Ruine = Ausflugsziel
Einsturz ins Wolkenkuckucksheim
Aufschlag zum Doktorspiel
Der Lebenslauf ein Schwertransport
Von ausgelöschtem Schein
Unter der Haut aus Zweifeln
Fauliger Zufluchtsort
Der Tod ist kein Orakel
Und eng das Netz der Lügen
Die Freiheit aufzuwecken vermag
Das Ungetüm im Spiegel
Der Nacht folgt immer Tag

Transit Richtung Dämmerung

»Er irrt herum und jammert still.

Der Fortschritt schleift sein Leben.                    

Die Hand vor Augen sucht verkrampft

den Hinweis zu Fluchtwegen.

Die führen meistens außen rum          

und selten tief hinein.

Das liegt wohl an der Scheu

vorm unterbewusst Sein.

Und tut sich eine Türe auf,                   

die Licht verheißt und Segen,

steht er verdutzt und wie gelähmt,

zu starr, sich zu bewegen.

So wird die Sucherei zur Farce!

Was finden ohne Wünsche!?

Was macht die Selbstverständlichkeit?

Legt falsche Spuren,

schindet Zeit.

Die Drehung ist ihr wahrer Hang,

gern um die eigene Achse.

Wer strebsam und beseelt dies tut,

macht sich zum hehren Fatzke.

So seltsam dieser Tanz auch ist,

der Jünger gibt es viele.

Und manch Betrachter wird gewahr,

der Schöpfung Krönung ist:

ein Narrrrrrrkrrrrrkkkrrrr...«

Die Worte des Sprechers gingen im Rauschen des schlechten Empfangs unter. Ole schaltete das Radio ab. Fast war er froh, denn aus den blechernen Boxen hatte es geklungen, als würde ihm eine prophetische Stimme ins Gewissen reden.

Das fehlte ihm gerade noch.

Er war so schon genervt.

Alle wollen auf die Überholspur – sogar im Stau, dachte Ole jetzt, da er im dunstigen Licht der Abendsonne am Steuer seines Autos saß und gelangweilt auf die vielgliedrige Schlange unruhig stehender Personenkraftwagen starrte, die sich links neben ihm entlang zog und in die sich immer neue hek­tisch blinkende Teilnehmer zwängten. Dumm war nur, dass es auch dort nicht zügiger voranging als in jedem anderen Abschnitt der vollgestopften Autobahn. Diese war offensichtlich überfüllt, sozusagen ein Opfer ihres eigenen Er­folges, der eigentlich den schnellstmöglichen Weg zum Ziel verhieß. So aber fanden sich alle Verkehrsteilnehmer im gleichen ausgebremsten Zustand der Gemächlichkeit wie­der, der das mentale Konzept der geplanten Reisege­schwin­digkeit für die Mehrzahl der Fahrzeuginsassen durch­einanderbrachte. Dabei war es im Grunde wie immer: Auf den breitesten Wegen herrschte das meiste Gedränge.

Ole ärgerte sich darüber, nicht später losgefahren zu sein. Normalerweise starteten sie immer erst bei Einbruch der Dunkelheit in den Sommerurlaub, um im Schatten der Nacht den hitzigen Widrigkeiten des Ferienverkehrs zu entgehen. Aber dieses Mal waren sie einfach zu schnell mit dem Packen gewesen und nun quälten sie sich gemeinsam mit hunderten gleichgerichteten Erholungssuchenden im Schritt­­­tempo über den stöhnenden Asphalt gen Süden, während die staubschwere Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung auf der verstopften Schnellstraße mit jedem erkämpften Meter wuchs.

Irgendwann löste sich der Stau auf wie eine blecherne Fata Morgana und ohne ersichtlichen Grund. Oles gewachsene Unlust verschwand wie von Zauberhand im gleichen Moment und war dem beruhigenden Gefühl der behaglichen Zufriedenheit gewichen, das sich vom Kopf über Schulter, Arme, Rumpf und Beine direkt auf seine beschauliche Fahrweise übertrug. Gemächlich schlich er die rechte Spur der LKWs, Caravans, Zivilpolizisten und Träumer entlang, hatte das Fenster heruntergelassen und genoss die sich abkühlende Luft des hektischen Tages, die wie ein sanfter Begleiter über seinen Arm strich und eine wohlige Gänsehaut verursachte. Die Kinder waren eingeschlafen. Seine Frau hatte entspannt ihre nackten Füße auf der angestaubten Hutablage abgelegt und versuchte anscheinend, mit ihrem großen Zeh die Frontscheibe zu durchbohren.

Langsam zogen sich Straße und Landschaft die Decke der Nacht über und Ole beobachtete verträumt die glühende Dämmerung, die in das letzte Flackern des Tages mündete. Die sanften Konturen der voralpinen Umgebung verschwanden Stück für Stück, als sie vom Pinsel der hereinbrechenden Dunkelheit übermalt wurden. Der schwarze Anstrich der Landschaft ließ die Weite der Welt schrumpfen und das Unbekannte bis zum Rand des unruhigen Scheinwerferlichts heranrücken. Ole liebte diese Augenblicke des diffusen Umbruchs, begleitet vom anziehenden Schauer der Unklarheit, die trotz ihres schlechten Rufes immer die Attraktivität des Neuen barg und die Betroffenen dazu zwang, sich bei der Orientierung auf das Minimalste zu beschränken – und seien dies auch nur die verschwommenen roten Punkte des Vorausfahrenden. Er spürte, wie er seinem durchsichtigen Alltag davonfuhr und die glanzlosen Erinnerungen an das miefige Büro mit seiner belanglosen Arbeit vom Fahrtwind weggetragen wurden.

Er hatte das Radio wieder eingeschaltet und einen Musiksender gesucht. Da die ganze Familie, von den Autositzen in verschrobene Sitzpositionen gezwängt, vor sich hindöste, inhalierte Ole in tiefen Zügen die Lieder mit ihren Geschichten von Ekstase, Liebeskummer, Herzrasen, unstillbarer Lust und den weiteren Zutaten eines hochemotionalen Gefühlstheaters, auf dessen Bühne er auch einmal gestanden hatte. Doch das schien lange her. Hier und jetzt lag ihm der Gedanke näher, dass er unruhig auf einem der unbequemen hölzernen Rangplätze des Zuschauerraumes herum-rutschte, sehnsüchtig auf das verlockende Spiel der Darsteller glotzte und seine eigene Bühnenpräsenz schmerzlich vermisste. Er warf einen Blick auf seine Frau und wusste, dass sie eine gute Ehe führten. Vergleichbar mit der Autobahn, auf der sie sich durch die Dunkelheit bewegten, glichen die Gefühlswallungen ihrer lang erprobten Beziehung den weitläufigen, sanft geschwungenen Kurven der Schnellstraße, hatten aber nichts mehr gemein mit den rauschhaften Ausschlägen des emotionalen Seismografen aus den Anfängen ihrer Beziehung. Gewiss, er brauchte nicht ständig affektive Erdbeben und hatte es sich lange im Nest der funktionalen Zweisamkeit bequem gemacht, doch nun überkam ihn die Angst, zu tief in dessen Kissen einzusinken, unter dem sich das große Loch der Tristesse verbarg.

Im Spiegel der Frontscheibe streiften ihn das Antlitz seiner Frau und die unbequeme Erkenntnis, dass diese Gedanken unfair waren. Ole langweilte sich mit sich selbst, seiner Trägheit, Unkreativität, Feigheit und der sporadischen Wiederholung genau dieser Einsicht. Er konnte sich das nur nicht ständig bewusst machen, sondern frönte der schlecht gelittenen Tretmühle und seiner operativen Hektik, um nicht völlig in Agonie zu verfallen.

Sein gedankenschwangerer Blick war gebannt auf die Dunkelheit auf der anderen Seite seiner Windschutzscheibe gerichtet und es schien, als würde er dort die Gedanken vermuten, die seine Zweifel zerstreuen könnten. Vielleicht suchte er aber auch nur wieder die Orientierung bei vorausfahrenden Rückleuchten in der rollenden Lichterkette auf dem Weg nach Süden und in den nächsten Tag.

Die Lautsprecher trällerten immer noch einen Hit nach dem anderen, die zweite Red Bull-Dose war geleert und Ole musste aufstoßen, sodass sich die klebrige Süße des Getränkerestes mit dem abgestandenen Geschmack der Müdigkeit in seinem Mund vermischte. Die Multifunktionsanzeige hinter dem Lenkrad hatte ihn schon einige Mal darauf aufmerksam gemacht, dass sie Anzeichen der Schläfrigkeit erkannte, obwohl er versucht hatte, durch unnötiges Zwinkern und unkoordinierte Kopfgymnastik den Eindruck zu erwecken, dass dem nicht so war. Irgendwann tauchte aus dem eintönigen Dunkel der durchwachten Nacht eine Raststätte auf, die mit ihren beleuchteten Umrissen und den grellen Reklametafeln wie ein gestrandetes Ufo am Straßenrand lag und die Gelegenheit bot, sich und dem altklugen Informationssystem etwas Ruhe zu gönnen.

Auf dem vollen Parkplatz bemerkte Ole zum wiederholten Mal, dass er nicht allein auf der Straße war, denn trotz der weit nachmitternächtlichen Stunde herrschte ein reger Betrieb in dieser taghellen Oase der Asphaltnacht und es war nicht einfach, eine annehmbare Parknische zu ergattern. Schließlich fand er einen nur marginal von Kunstlicht verseuchten Platz und mit dem Ausschalten der Zündung erstarben die hintergründige Musik und das sonore Rauschen des Motors und machten Platz für eine unpassende Stille. Ole warf einen liebevollen Blick über seine schlummernde Familie, schob den Sitz zurück, brachte die Lehne in eine erträgliche Position, zog die warmen Schuhe aus, legte die geschwollenen Füße über das Lenkrad, deckte sich mit seiner Strickjacke zu und versuchte sich vorzugaukeln, dass er damit eine akzeptable Schlafstellung gefunden hatte. Diese Überzeugung währte nicht lange, doch mangels Alternativen versuchte Ole, sich mit der Unbequemlichkeit abzufinden und das nachtaktive Treiben der Mitparkenden zu ignorieren. Schließlich verfiel er in den halbschläfrigen

Traum vom Streit um die Fische

Darin saßen Klara, Oles Frau, und er in einem ihrer Lieblingsrestaurants an einem der unzähligen Kanäle ihrer Stadt. Die Spätsommersonne ruhte sich gerade über der Brücke, an der sie ihre Fahrräder festgemacht hatten, vom Tagwerk aus und überzog den Abend mit einem flirrenden Schimmer großstädtischer Gelassenheit. Das Lokal war wie ein überdachter Bootssteg aufgebaut, der sich längs der Flussrichtung entlangzog und so eine freie Sicht über den Kanal gewährte. Im launigen Stil der Stadt wirkte die Bauweise des Etablissements mehr oder minder improvisiert und generierte den nicht ungewollten Eindruck, der gesamte Komplex sei aus dem Sperrholz der erfolgreichen und -losen Baustellen der Umgebung und seiner Anwohner zusammengezimmert worden. Demzufolge war nicht alles aufs Feinste gearbeitet und so fand sich zum Beispiel am Boden des einzigen Durchganges neben ihrer beider Tisch eine etwas hochragende Diele, die zum regelmäßigen Witz avancierte, weil jeder zweite ahnungslose Gast darüber stolperte. Das Personal schien die Stelle zu kennen und wich geschickt aus.

Ole genoss den Abend. Die Kinder wurden von den Großeltern gehütet und so konnten sie beide mal wieder ungestört ausgehen, reden und das im Sog des Alltags komatös dahinvegetierende gegenseitige Interesse dem Versuch der Wiederbelebung unter-ziehen. Das war gar nicht so einfach und auf der gedanklichen Suche nach einem Gesprächsthema, das nicht mit ihren Kindern zu tun hatte, musterte Ole die an den Nebentischen sitzenden Familien, Touristen, Gruppen und Hunde. Vor allem die Paare erregten seine Aufmerksamkeit, als er bei genauerem Hinschauen festgestellte, dass die augenscheinliche Ähnlichkeit der jeweils Beteiligten zum Teil frappierend war. Zwei Tische weiter saßen beispielsweise eine Frau und ein Mann; auf derselben Tischseite und damit in die gleiche Richtung zu Ole blickend; deren beider dauerwellig gekräuselte braungraue Haare in einem gleichförmigen kastenartigen Schnitt den Kopf einrahmten und jeweils bis zum Hals fielen, als hätte der vermutlich gemeinsame Frisör beidarmig parallel geschnitten. Hinzu kam, dass sie beide ihre Brille auf einer ähnlich geformten, leicht gekrümmten Nase trugen und ihr starrer Habitus den Anschein erweckte, dass ihre beiden Ärsche durch einen Stock verbunden waren. Die zwei wären glatt als Zwillinge durchgegangen, wenn sich die Frau auch einen Schnauzer hätte stehen lassen wie ihr männlicher Begleiter.

Auf der anderen Seite des Ganges hatte sich ein augenscheinlich schwules Pärchen niedergelassen, das aussah, als wäre es soeben frisch einem der in der Zeitungsablage des Restaurants durch­einanderliegenden Kataloge entstiegen. Ihre beidseitige modische Erscheinung, die offensichtlich sportlich schlanke Körper umhüllte, gab ein solch abgestimmtes und exklusives Bild ab, dass man nicht das Gefühl hatte, dass sie weitere Gesellschaft ertragen könnte, da so der äußerliche Gesamteindruck nachhaltig gestört würde. Die konzentrierte Beschäftigung mit sich selbst, ihren smarten elektronischen Begleitern oder der parfumschwangeren Luft, durch die sie über die Köpfe der Mitsitzenden schauten, rundeten dieses Bild ab.

Am Ende der Tischreihe wiederum war gerade ein vierköpfiges Grüppchen dabei, sich schwerfällig, aber gesellig geräuschvoll am Tisch niederzulassen. Die zwei Frauen mittleren Alters mit ihren dazugehörigen Männern waren in ihrer Physiognomie kaum noch zu unterscheiden. Neben der farblichen Eintönigkeit in Schwarz schienen die Klamotten die gedrungenen Körperformen ihrer Träger noch zu unterstreichen. Bei allen spannte sich unter den geöffneten schweren Lederjacken mit Kragen ein ansprechender Bauch, der durch die engen T-Shirts besonders zur Geltung kam und von unvorteilhaften engen Jeans sowie klobigen Turnschuhen begleitet wurde. Im Kontrast zur Haargel gekrönten vitruvianischen Perfektion der homosexuellen Vertreter dieses nicht repräsentativen Pärchen-Vergleichs wurde an diesem Tisch wohl die auf konventionelle Proportionen pfeifende Form zum Gesamtkonzept der äußeren Erscheinung gekürt. Zudem wirkten die Herrschaften nicht unsympathisch. Im Gegenteil; ihre gemeinschaftliche Herzlichkeit war bis zu ihrem Tisch zu spüren und relativierte den oberflächlichen Eindruck, zumal die gepflegte Langeweile der anderen Probanden kein Indiz für größere Zufriedenheit war.

Nach diesen punktuellen Besichtigungen wanderten Oles Augen zurück zu sich und seiner Frau, wo er sich mit der Frage konfrontiert sah, ob ihre gemeinsame Fassade ähnlich befremdliche Tendenzen zur Gleichförmigkeit wie bei den anderen aufwies.

Er betrachtete die langen braunen Haare, die sich seicht um das immer noch schöne volle Gesicht von Klara schwangen. Es war mittlerweile von einigen hauchdünnen Stirnfalten und kleinen dauerhaften Augenringen verziert worden, die sich nach den bisherigen Jahren der Elternschaft nicht mehr wegcremen ließen. Ihre kleine zierliche Gestalt ließ sie weiterhin viel jünger erscheinen, als sie eigentlich war, und Ole mochte die farbenfrohen Kleider, die sie in diesem Sommer trug und die ihr etwas von der verblichenen Jugendlichkeit zurückgaben. Er bedauerte, dass ihr früher so frecher und unternehmungslustiger Blick nun häufiger dem traurigen, leeren Starren in die ermüdende Reprise der täglichen Abläufe gewichen war, die beide nur mit großer Selbstdisziplin ertrugen und zuweilen auch nicht.

Ihm selber gingen langsam die Haare aus, was sich vor allem stirnseitig in stark ausgeprägten Geheimratsecken zeigte, deren Wirkung er durch einen militärisch anmutenden Kurzhaarschnitt zu kaschieren suchte. Die Anzahl seiner Falten war überschaubar, seine dunkelblonde Haarfarbe begrenzte die Kenntlichkeit der ersten grauen Strähnen und er trieb regelmäßig Sport, um den körperlichen Abwärtstrend in Grenzen zu halten. Insofern versuchte auch er, jünger zu wirken, und trug auf der Flucht vor der unaufhaltsamen Alterung ebenfalls bunte Klamotten. Wenn er bei der Summierung der Ähnlichkeiten jetzt noch die beiden Sonnenbrillen gleicher Marke hinzufügte, die sich gerade nebeneinander auf dem Tisch lümmelten, kam er nicht umhin, gewisse offensichtliche Gemeinsamkeiten festzustellen.

Er fragte sich gerade, ob ihre als Paar zur Schau getragene Farbenfreude mit einem ebenso schillernden inneren Frohsinn einherging, als er von der gegenüberliegenden Kanalseite abgelenkt wurde. Dort lag – oberhalb der etwa einen Meter hohen Uferwand – ein ebenfalls im Stile alter Bootsschuppen gebauter Club, der Wogen von chilliger House-Musik über das Wasser warf und mit bierflaschenbewaffneten Hipstern und Touristen grüßte, wobei sein Ruf als Insidertipp wohl gerade verblühte. Neben dem Clubgebäude und damit direkt auf der ihnen entgegengesetzten Uferseite waren zwei überdimensionale weiße Parkbänke platziert, die so imposant waren, dass darauf Sitzende wie Menschen wirkten, denen die Stadt zu groß geworden war. Vor diesen einschüchternden Bänken hatten sich zwei Angler in einem Abstand von circa zehn Metern am metallenen Ufergeländer postiert und versuchten ihr fragwürdiges Glück, in diesem schlierigen und von Bootsdiesel getränkten Gewässer Fische zu fangen. Der träge Fluss bewegte sich seicht durch den Kanal und die Angelruten der Fischfänger standen regungslos an das Geländer gelehnt, während die Sehnen sich durch den Wind auf das Wasser bogen. Dieses Bild von Ruhe und Gelassenheit wurde durch das Verhalten des von Ole aus gesehen rechten Anglers gestört, der gerade wild gestikulierend auf seinen Nachbarn einredete. In seinen etwas schäbigen Latzhosen, dem mal weiß gewesenen T-Shirt und einem zerknautschten breitkrempigen Hut entsprach er Oles kaum vorhandenen klischeehaften Vorstellungen eines Anglers eher als der etwas unbeteiligt wirkende Kollege. Der sah in den hellblauen Jeans, einem billigen Polo-Hemd und mit seiner fast vornehm wirkenden Kopfbedeckung in Form einer leicht ergrauten Föhnfrisur eher wie ein abendlicher Kneipengast denn Fischfänger aus. Und so bodenständig gefasst, hörte er sich das aufgeregte Lamentieren seines gereizten Angelfreundes an. Ole konnte nur ein paar Wortfetzen auffangen, aber in Kombination mit den vielfältigen Gesten des behüteten Erzählers ging es wohl darum, dass dieser sich an seiner Angelstelle benachteiligt fühlte. Ole hatte bereits vorhin nebenbei bemerkt, dass der Herr, dem die Ansprache galt, in der Zeit ihres Aufenthalts im Restaurant den einen oder anderen Fisch an Land gezogen hatte. Nach jedem erfolgreichen Fang hatte er sich geruhsam seinem neben ihm am Geländer lehnenden Fahrrad zugewandt, in einer Tüte gekramt, eine Handvoll Fischteig hervorgezogen und diesen zum Anfüttern zu seinen Füßen weiträumig im Kanal verteilt. Ein ähnliches Prozedere war Ole bei dem gereizten Nachbarn nicht aufgefallen, was auf eine gewisse Erfolglosigkeit schließen ließ. Anscheinend machte dieser dafür den Umstand verantwortlich, bezüglich der Fließrichtung des Kanals weiter hinten zu stehen und somit keine Fische mehr abzubekommen, da diese vorher abgefischt wurden. Ole verstand zwar nichts vom Angeln, aber diese absurde Beschwerde brachte ihn doch zum Schmunzeln und er machte Klara auf das Streitgespräch aufmerksam. Just in dem Moment, als er ihr seine Vermutung über den Inhalt der erhitzten Diskussion mitteilte, spannte sich die Angelsehne des grauhaarigen Fischflüsterers und einen kurzen Moment später zappelte ein weiterer Fang an der Leine und flog durch die Luft. Schnell hatte er das Tier gepackt, entfernte fachmännisch den Haken, zog seinen am Geländer befestigten Kescher aus dem Wasser, der schon halb voll mit verzweifelt zuckenden Fischen war, und packte die aktuelle Beute dazu. Sein neben ihm stehender Kritiker schaute entgeistert zu und geriet ob dieses weiteren Erfolges in schiere Rage. Er tobte und schrie etwas von Ungerechtigkeit und seinem Platz und seinen Fischen und sprang herum wie Rumpelstilzchen persönlich. Mittlerweile hatte er damit die Aufmerksamkeit der meisten Gäste des Lokals und des angrenzenden Clubs auf sich gezogen, die das seltsame Schauspiel beobachteten. Währenddessen zeigte der Adressat der Tiraden nicht die kleinste Regung, sondern schickte sich an – wie bei den Fängen zuvor – sein Ritual des Anfütterns zu wiederholen. Diese Ignoranz ließ bei dem wütenden Mitfischer vermutlich die letzte Sicherung durchbrennen und in einem weiteren Anfall stürzte er sich auf den verhassten Kollegen, umfasste diesen, hob ihn mit ungeahnten Kräfte in die Höhe und beförderte den verblüfften Erfolgsangler über das Ufergeländer, sodass dieser unkontrolliert ins Wasser stürzte. Nun herrschte von allen Seiten helle Aufregung! Sämtliche Be­obachter waren aufgesprungen, schauten entgeistert, staunten, riefen durcheinander oder versuchten, irgendwie Hilfe zu orga­nisieren. Ole betrachtete perplex die Szenerie und das Wasser und wartete, wann der Verunglückte wieder auftauchen würde. Im Hintergrund hörte er Klara rufen: »Wir brauchen einen Rettungs­ring!«

Leute liefen umher und schienen eben einen solchen zu suchen. Endlich war der gewässerte Angler aufgetaucht und schaute sich um. Auf seiner Uferseite konnte er wegen der hohen Betonmauer nicht aus dem Kanal klettern. Erleichtert erkannte Ole, dass auf der Balustrade des Clubs Leute mit einem Rettungsring hantierten, was zwar nicht sonderlich professionell aussah, aber immerhin war mit Hilfe zu rechnen. Diese kam insofern zu spät, als dass der zu Rettende durchaus in der Lage schien, sich selbst zu helfen. Zügig schwamm er auf die Restaurant-Seite hinüber, wo die Mauer viel niedriger war und man sich schon bereit machte, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Ole nutzte die Gelegenheit zu schauen, was der durchgeknallte Wasserwerfer machte, und konnte gerade noch erkennen, wie dieser sich auf sein Fahrrad schwang und mit dem Kescher und seiner Angel im Gepäck hastig das Weite suchte. Ole rief etwas rüber zu den Club-Touristen, aber es gab auf dieser Seite keinen Zugang zur Promenade oder es fühlte sich niemand verantwortlich, den Flüchtigen aufzuhalten, der schließlich erfolgreich davon radelte.

In diesem Moment landete der schwimmende Angler an ihrer Seite und Ole eilte zu der Stelle, um mitzuhelfen, den nicht leichtgewichtigen Pechvogel aus dem Wasser zu hieven. Nachdem dies geschafft war, betrachtete er den Protagonisten dieser lebensechten Vorstellung genauer. Der Mann prustete und schüttelte sich, tropfte am ganzen Körper von den klitschnassen Klamotten, wischte sich die klebenden Haare aus der Stirn und sah aber trotz seiner misslichen Lage nicht ärgerlich aus. Im Gegenteil, er strahlte über das ganze Gesicht! Sein Blick fiel auf Oles verständnislose Miene und er sagte: »Mann! Ist das eine Brühe! Ich hätte die Fische sowieso nicht gebraucht, da könnte ich mir gleich pures Schweröl reinpfeifen, oder?«

Mit diesen Worten schlug er Ole seine feuchte Hand auf die Schulter und entschuldigte sich gleich darauf, weil er nicht daran gedacht hatte, dass er immer noch triefend nass war. Einer der Restaurantangestellten reichte ihm ein paar Geschirrhandtücher, mit denen er sich mehr schlecht als recht abreiben konnte. Zum Glück war es ein lauer Abend und die Tageswärme wollte sich noch nicht aus der Stadt stehlen, sodass sich der Mann wegen der Temperaturen keine Sorgen machen musste. Ole war jedoch noch nicht von den lapidaren Äußerungen überzeugt.

»Was hat denn der Typ gesagt oder was wollte er eigentlich?«, fragte er nach.

Der Angler kniff vergnügt die Augen zusammen, überlegte kurz und antwortete: »Weißt du, das Wasser schmeckt scheußlich, aber die Erfrischung war gut! Keine Ahnung, was dieser Kerl von mir wollte, ich habe es wirklich nicht verstanden. Doch dieser Sturz und das Bad waren weniger unangenehm, als sie vielleicht aussahen. Das Ganze hat mich echt überrascht und meine Gedanken durcheinandergewürfelt und plötzlich habe ich mich an ein Gedicht erinnert.« Und er sprach:

»Was soll ein Meer an Möglichkeiten,                  

wenn alle am Strand graben?

Wo sich ein Schatz befinden soll,

voll unschätzbarer Gaben.

Gesehen hat ihn freilich keiner,

doch: ›Hey, mach' mich nicht nass!

Bevor ich je ins Wasser springe,

beiß' ich lieber ins Gras.‹

In diesem Sinne bin ich froh, einen kleinen Schubser bekommen zu haben. Macht's gut!«

Und mit diesem Worte bedankte er sich bei allen, die ihm geholfen hatte, lachte noch einmal fröhlich und aufgekratzt, winkte, drehte sich um und strebte dem Ausgang entgegen.

Ole erwachte. Seine Beine schmerzten von der unbequemen Haltung und der Nacken war so steif, dass er drohte, bei der kleinsten Bewegung abzubrechen. Die nächtliche Kühle hatte sich ins Auto geschlichen und den Scheiben einen beschlagenen Sichtschutz vor der nimmermüden Parkplatzhektik verliehen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er zwei Stunden geschlafen oder zumindest unruhig gelegen hatte; eigentlich eine blöde Zeitspanne; nichts Halbes und nichts Ganzes. Der Rest der Familie döste noch vor sich hin und Ole beschloss, sich die Füße zu vertreten und das Klo und einen Kaffee zu suchen. Er trat in die Nacht hinaus, die sich noch unentschlossen gerierte, dem Tag zu weichen, und atmete die laue Autobahnluft mit ihrer Mischung aus Tau und Diesel ein. Ein klarer Sternenhimmel prangte über dem unruhigen Fahrerlager und versuchte, sich dem Schein der Werbetafeln, Straßenlampen und Scheinwerfer zu widersetzen; mit mäßigem Erfolg. Ole trottete zwischen den verschnaufenden Autos umher, traf ein paar ihrer übermüdeten Insassen, die zombieähnlich durch die Nacht geisterten, fand die Toilette und schließlich einen erträglichen Cappuccino, der ihm von einer verdächtig gut gelaunten Tankwärterin serviert wurde. Er setzte sich an einen der Tische in der um diese Stunde verlassenen und, wie er fand, vor sich hinödenden Raststätte, schlürfte seinen Kaffee und fühlte sich so leer wie der Raum, in dem er Platz genommen hatte. Kein noch so winziger Gedanke erlöste seinen Kopf von diesem mit Milchschaum garnierten Trübsinn, der ihn umfing. Langsam und automatisch trank Ole die Tasse aus und machte sich wie ferngesteuert auf den Rückweg zum Wagen. Dort angekommen, überlegte er kurz, ob er die Familie wecken sollte, entschied sich aber dagegen. Er startete das Auto und rollte hinein in den erwachenden Tag, der, so hoffte er, seinen müden Geist wecken und der hartnäckigen Trostlosigkeit etwas entgegensetzen würde.

 

+++ +++ +++

Textprobe: Peter Dumat

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