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Coverabbildung Bis ans Ufer    Leseprobe "Bis ans Ufer"

von Sophie Heinig

Taschenbuch, ca 264 Seiten, ISBN: 978-3-96050-182-4

Kapitel 1

Cherbourg (Nordfrankreich), 10. April 1912, früher Abend

Wolken verschleierten den dämmrigen Himmel und ein kühler Wind wehte vom Meer her, als die junge Frau über den Steg lief.

Sie war keineswegs die Letzte, ein Fahrer hatte sie pünktlich in einer Limousine vorgefahren und am Eingang des Hafens abgesetzt. Von dort waren es nur wenige Schritte zu den Booten, die sie auf das große Schiff bringen würden.

Für einen Moment sah sie sich um, als täte es ihr leid, die Küste zu verlassen. Gedankenverloren spielte sie mit dem schmalen Ring an ihrem Finger. Dann seufzte sie und betrachtete das Schiff außerhalb des Hafens, indem sie die Augen mit der Hand abschirmte, obwohl die Sonne sie nicht blendete.

»Mademoiselle?«

Sie schreckte auf. Der junge Matrose, der ihr Gepäck von ihrer Limousine abgeholt und auf eines der kleinen Boote gebracht hatte, sah sie respektvoll an.

»Wenn Sie soweit wären, könnten Sie auf ein Boot gehen, damit wir bald ablegen können.«

Seine Stimme und sein Auftreten waren jungenhaft, die Kleidung verschlissen und notdürftig geflickt.

»Gib mir nur noch einen Moment«, bat sie ihn und schaute wieder auf das Schiff.

Vier gelbe Schornsteine mit dunklen Kappen hatte es, aus den drei vorderen quoll dichter Rauch.

Die Frau seufzte schwer, während sie sich umdrehte und ihren Blick noch einmal über das Hafengebäude und die dahinter liegenden Dächer der Stadt schweifen ließ, die man im schummrigen Licht nur erahnen konnte. Sie müsste nur wieder in die Limousine steigen und sich zurückfahren lassen. Olivier würde das verstehen. Dabei hatte er sich solche Mühe gegeben, diese Reise für sie beide zu organisieren.

Wenn er bloß hier wäre …

Irgendwo abseits der qualmenden Fabriken und verrußten Straßen Cherbourgs stand das prunkvolle Hotel in der Rue de Général, in dem Olivier sie noch vor wenigen Stunden verabschiedet hatte. Die weißen Gardinen hatten im warmen Frühlingswind geweht.

Es seien kaum mehr vier Wochen, bis sie in die prächtige Villa in Quimper zögen, waren seine Worte gewesen. Das schaffte sie schon, da war sie sich sicher. Und bis dahin würde sie ihre Reise genießen, wie sie es ihm versprochen hatte.

Lächelnd strich sie ihr weißes, um ihr Dekolleté mit goldenen Blüten besticktes Tageskleid aus irischen Leinen glatt, rückte den Strohhut zurecht, zog den Reisemantel etwas enger um ihren Körper und wandte sich wieder dem Matrosen zu.

»Ich denke, ich bin soweit.«

Ihr Herz pochte, als er ihr die Hand reichte, um ihr in das schaukelnde Boot zu helfen.

Hafen von Cherbourg, 18.47 Uhr

Liebster Olivier,

Ich fühle mich ein wenig unwohl, dir diesen Brief zu schreiben, obwohl ich noch heute Morgen bei dir war. Als würde uns schon jetzt der Atlantik voneinander trennen. Aber es kommt mir fast so vor, als könnte ich dadurch mit dir reden; nur dass ich deine warme Stimme nicht höre.

Ach, wenn du wüsstest, wie sehr ich dich vermisse. Dabei sind gerade einmal sechseinhalb Stunden vergangen, seitdem du mich verabschiedet hast. »Mein Stern« hast du mir zugeflüstert und ich musste die ganze Zeit an unsere erste Begegnung denken, als du sagtest, meine Augen würden wie die Sterne strahlen. Damals fand ich es kitschig und irgendwie finde ich es immer noch.

Aber was würde ich nicht dafür geben, dass du es in diesem Moment noch einmal in mein Ohr hauchst. Wenn du doch jetzt hier wärst!

Ich merke schon, dass es diese ganze Rührseligkeit nicht besser macht. Vielleicht war dieser Brief keine gute Idee – es ist lächerlich, oder? Aber es kommt mir vor, als könne ich dadurch meine Gedanken ordnen, wie jedes Mal, wenn ich mit dir spreche. Dann also zurück zum Wesentlichen, wie Emmanuel immer zu sagen pflegt.

Im Moment sitze ich auf einem der sogenannten Tender, der Versorgungsboote, die uns zu dem Schiff bringen – sie sehen aus wie niedliche, kleine Modelle davon –, und genieße die salzige Luft. Es ist ein harmonischer Ausblick auf den Kanal, obwohl es um mich herum sehr laut ist.

Ich bin schon gespannt auf die Kabine und all die Angebote, die es geben soll: das Restaurant, dieses »Café Parisienne«, von dem wir in dem Prospekt gelesen haben, das Türkische Bad, das Schwimmbecken und der Gymnastikraum – und das alles auf einem Schiff!

Es muss noch viel, viel prächtiger sein als das Hotel, in dem wir übernachtet haben. Auch wenn ich es immer noch übertrieben finde, in unserem Alter an so etwas Prestigeträchtigem teilzunehmen – die Jungfernfahrt eines Kreuzers der Olympic-Klasse, ich bitte dich!

Mir hätte eine gemeinsame Fahrt nach unserer Hochzeit besser gefallen, aber im Leben kann man sich eben nichts aussuchen. Und eine Reise mit dir nach Venedig zu unternehmen, wie du vorgeschlagen hast, fände ich fantastisch.

Ja, ich kann es kaum erwarten, wieder zu Hause zu sein. Kannst du dir vorstellen, dass es nur noch wenige Wochen, ja, nur noch Tage, bis zu unserer Hochzeit sind? Am 17. April landen wir in New York, drei Tage später beginnt die Rückreise – und ehe ich mich versehe, bin ich wieder bei dir.

Und ganz sicher werde ich die Zeit bis dahin auch ohne dich genießen, wie ich es versprochen habe …

Ich muss einen Schlussstrich ziehen, wir scheinen jeden Moment an dem Dampfer anzulegen und das will ich unbedingt sehen.

Tausend Küsse

Anaïs

Anaïs blieb die Luft weg, als sie sich in dem großen Empfangssalon umblickte.

Mehrere hundert Leute, ihren eleganten Kleidern und Anzügen nach zu urteilen alles Passagiere der 1. Klasse, standen um sie herum versammelt. Ehrfürchtiges Gemurmel erfüllte den Saal.

Stillschweigend und mit leicht geöffnetem Mund versuchte sie, die Schönheit des Raumes zu erfassen, während sie sich langsam um die eigene Achse drehte. Die hohe Decke, der mit weichem Teppich ausgelegte Fußboden, das glitzernde Licht … Der Salon war gefüllt mit einer Wärme, wie sie keine Heizung erschaffen konnte.

Wenige Meter von ihr entfernt befand sich die breite Treppe, die von einer gigantischen Glaskuppel überspannt wurde. Die Wände waren mit dunklem Holz getäfelt.

Obwohl Anaïs in reichen Verhältnissen aufgewachsen und viel herumgekommen war, konnte sie sich nicht erinnern, jemals einen so atemberaubenden Salon gesehen zu haben.

Doch je länger Anaïs in dem Empfangsraum stand, desto schwindliger wurde ihr. Die gesamte Pracht schien sie zu erdrücken; die Luft war warm und zum Schneiden dick, gefüllt mit dem Duft exquisiter Parfüms aus aller Welt und dem Geruch nach Schweiß.

Unauffällig stützte sie sich an dem Geländer der Treppe ab und stieg langsam hinauf. Währenddessen rief sie sich in Erinnerung, was ihr der freundliche Steward, der sie an Bord des Schiffes in Empfang genommen hatte, erzählt hatte. Demnach lag der Empfangssalon auf dem D-Deck, einem der sechs Decks der 1. Klasse, während ihr Zimmer auf dem B-Deck lag. Die Treppe unter dem ersten und zweiten Schornstein, auf der sie lief, verband alle Decks miteinander.

Auf dem C-Deck angekommen, lehnte sich Anaïs ein wenig über die glatte Brüstung und betrachtete das Treiben im Salon. Hier oben war die Luft besser und kühler, sodass sie den Ausblick genießen konnte.

Gut 1.300 Passagiere aller Schichten, vornehmlich Engländer und Amerikaner, sollte das Schiff beherbergen, darunter in der 1. Klasse namhafte Geschäftsleute, Bankiers, Millionäre und Präsidenten wichtiger Unternehmen – und sie mittendrin, Anaïs Macis Cidane.

Nachdenklich fuhr sie sich über das wellige Haar und betrachtete die Leute, von denen sie einige aus den Zeitungen kannte. Inmitten einer kleinen Menge meinte sie, den amerikanischen Schriftsteller Jacques Futrelle zu erkennen, der angeregt mit einer Dame mittleren Alters sprach, wohl seiner Frau Lily Peel. Einige Meter weiter stand Elsie Bowerman, eine bekannte, britische Frauenrechtsaktivistin, mit einem Glas in der Hand und beobachtete die anderen Gäste abwesend.

Wäre Olivier hier gewesen, hätte er sie sicher einigen vorgestellt, doch für sie allein war das unmöglich. Wie gerne würde sie sich mit diesen Leuten unterhalten; mit den Schriftstellern und Frauenrechtlerinnen und Bankiers, obwohl sie ihre Bücher nicht kannte, sich kaum mit Frauenrechten beschäftigte und das Bankenwesen sie nicht interessierte.

Mit einem Mal kam sie sich auf dem riesigen Schiff, nur wenige Meter über der Menschenmenge, schrecklich allein vor. Verdammt, wenn Olivier doch hier gewesen wäre!

Für einen Moment schloss sie die Augen, holte tief Luft und öffnete sie dann wieder.

Stirnrunzelnd trommelte sie mit ihren Fingerspitzen auf dem polierten Geländer aus Eichenholz. Was war bloß los mit ihr? Sie hatte in ihrem Leben noch nie einen Mann gebraucht, um sich in einer Gesellschaft wohlzufühlen; das schaffte sie für gewöhnlich allein. Die vergangenen Monate mit Olivier hatten daran nichts geändert.

Da trug man einen silbernen Verlobungsring am Finger und die Gedanken an die bevorstehende Hochzeit im Herzen und schon wurde man sesshaft und traute sich ohne seinen Verlobten in keine Gesellschaft mehr! Das war erbärmlich.

Aber nicht mit ihr!

Anaïs setzte ein Lächeln auf, straffte die Schultern und machte sich auf den Weg, die Treppe hinauf, in ihr Zimmer. Heute Abend würde sie schon jemanden finden, mit dem sie reden konnte. Unter den Passagieren der 1. Klasse sollten einige spannende Persönlichkeiten weilen. Vielleicht traf sie Edith Rosenbaum wieder, die in Paris ein Modegeschäft führte und nebenbei fantastische Berichte für Women‘s Wear Daily schrieb. Vor anderthalb Jahren hatten sie sich auf einer Modenschau getroffen, womöglich erinnerte sich Edith noch daran.

Oder sie lernte endlich Dorothy Gibson kennen, die amerikanische Schauspielerin, die mit an Bord war. Oder oder oder …

Fest stand, sie würde einen einmaligen Abend haben.

B-38.

Einige Atemzüge lang betrachtete Anaïs die goldene Schrift an der Kabinentür, bevor sie einatmete und sie aufstieß.

Staunend sah sie sich um.

Kabine B-38.

»Kabine« war kein Wort für das, was sie vorfand. Aber so groß, wie sie insgeheim nach dem Anblick des prächtigen Salons erwartet hatte, war der Raum auch nicht. Links neben der Tür befand sich ein breites Himmelbett mit dichten Vorhängen, das Platz für zwei Personen bot. Rechts von ihr gab es zwei bequem wirkende Sessel an einem niedlichen Tischlein, auf dem zwei schlanke Sektgläser und eine Flasche Dry Monopole 1900 von Heidsieck standen, ein teurer Champagner erster Güte. Dahinter waren zwei Marmorwaschbecken mit goldenen Hähnen und ein Schrank in die Wand eingelassen.

Zwei mannshohe Spiegel ließen das Zimmer größer wirken. Insgesamt war alles in Burgunder gehalten, von den Polstern der Sessel über die Vorhänge des Bettes bis zu der edlen Tapete. Das dunkle Holz der Möbel und des Wandsockels passte ausgezeichnet dazu und vollendete alles zu einer eleganten Bequemlichkeit, die man kaum in Worte fassen konnte.

»Mademoiselle Cidane?«

Zu Anaïs‘ Verblüffung öffnete sich mit einem Mal ein Teil der verzierten Wand, der sich als Tür herausstellte, und eine blasse, junge Frau trat in das Zimmer.

»Bonsoir, Mademoiselle«, begrüßte sie Anaïs und fuhr in schlechtem Französisch fort: »Verzeihen Sie mir, aber ich dachte, Sie wären noch unten bei den anderen Gästen und würden erst in einigen Minuten heraufkommen.«

Die Frau eilte an den Tisch, ließ den Korken der Champagnerflasche knallen und goss die goldsprudelnde Flüssigkeit in eines der Gläser, das sie Anaïs reichte.

»Monsieur Runné geht nicht mit uns auf Reise, wurde mir gesagt.« Ein sanftes Lispeln durchzog ihre Stimme und die ohnehin falsche Aussprache.

Anaïs schüttelte den Kopf, während sie die zierliche Frau mit den Sommersprossen auf den hervortretenden Wangenknochen betrachtete. Sie trug die typische Kleidung einer Stewardess, eine mitternachtsblaue Bluse mit hellen Punkten und eine blütenweiße Schürze über dem ebenfalls blauen Rock.

»Wir können Englisch sprechen, wenn Ihnen das lieber ist«, sagte Anaïs. »Mein Verlobter hat viele Geschäfte zu erledigen, weshalb er leider nicht hier sein kann.«

Sie seufzte unmerklich, trank einen Schluck Champagner und genoss das Prickeln in ihrem Mund.

»Mein Name ist Viona Parish.« Die Stewardess schien erleichtert; in ihrer Muttersprache hatte sie einen niedlichen südenglischen Akzent.

Anaïs nickte und setzte das Glas wieder an die Lippen.

»Sagen Sie«, fuhr Viona schüchtern fort. »Sie kommen mir sehr bekannt vor, darüber habe ich mir gestern schon Gedanken gemacht, als ich die Kabine vorbereitet habe. Anaïs Cidane … Sie wurden nicht zufällig in der letzten Zeit in den lokalen Zeitungen erwähnt?«

Anaïs lächelte verschmitzt und bedeutete ihr, sich zu setzen.

»Doch, aber das war vor mehr als einem Jahr.«

»Richtig, ich erinnere mich wieder.« Viona legte den Kopf etwas schräg. »Die Geschichte hat für viel Aufruhr gesorgt. James Blurr war der Name, nicht wahr? Der Geschäftsmann?«

»Jack, wenn ich mich nicht täusche«, korrigierte Anaïs, leicht genervt, dass sie immer noch standen. Doch die Stewardess machte weiterhin keine Anstalten, sich niederzulassen.

»Ja, genau, Jack Blurr. Eine verrückte Geschichte.«

Viona strich sich kopfschüttelnd eine Strähne hinters Ohr, obwohl sich kein einziges Haar aus ihrem strengen, brünetten Dutt gelöst hatte.

Anaïs zuckte mit den Schultern.

Jack Blurr war ein Geschäftsmann aus dem Süden Englands gewesen, den man dort seit Wochen vermisst hatte, bevor er in einem kleinen Kanal im Pas du Calais im Norden Frankreichs wieder aufgetaucht war. Mit einem tiefen Schnitt in der Kehle. Ermordet.

Er hatte keinerlei Verbindungen nach Frankreich gehabt, noch je von einer bevorstehenden Reise dorthin gesprochen. Tatsächlich hatte ihn ein Mann entführt, die Lösegeldforderungen aber an eine falsche Adresse gesandt und Blurr aus Wut später ermordet. Der Fall hatte selbstverständlich auch in den englischen Lokalzeitungen Wellen geschlagen.

»Es ist schon eine Weile her.« Viona riss sie aus den Gedanken. »Ich habe mich immer gefragt, wie eine Frau dazukommt, hinter Mördern herzujagen.«

»Sie klingen ja, als wäre das mein tägliches Brot.«

Anaïs lachte.

»Mein Bruder Emmanuel ist Commissaire bei der nordfranzösischen Polizei. Nach dem Tod meines Vaters hielt er mich für zu alt, um bei einer Pflegefamilie zu wohnen, und zu jung, um sofort zu heiraten. Außerdem wollte er mich in seiner Nähe wissen, er ist sehr … fürsorglich. Also nahm er mich gut zwei Jahre lang mit auf seine Arbeit. Und ich konnte ihm das eine oder andere Mal als Beraterin helfen, wenn ein Mörder gesucht wurde. Man kommt dabei unheimlich viel herum. Ich habe in den letzten Jahren in so vielen Regionen gelebt: Pas du Calais, Eure, Sarthe, Côtes du Nord, Oise …«

»Finden Sie das nicht etwas grausam von Ihrem Bruder, Mademoiselle?«, fragte Viona zurückhaltend, beinah mütterlich. »Immerhin sind Sie wohl noch keine zwanzig Jahre und diese ganzen Gewalttaten …«

Anaïs hob das Kinn etwas.

»Er hat mich nicht gezwungen«, sagte sie. »Ich bin gerne mitgekommen. Wir haben eine enge Bindung.«

Die Uhr an der Wand schlug zweimal. Viona zuckte zusammen und sah sich hilfesuchend um.

»Herrje, jetzt habe ich mich verplappert. Ich muss weitermachen, bevor die anderen Gäste auf ihre Zimmer kommen. Wir sind ohnehin schon verspätet, weil wir im Hafen von Southampton einige Probleme hatten. Es war nett, Sie kennenzulernen. Wenn Sie noch etwas brauchen, wenden Sie sich an einen der Stewards, die sind überall, oder nutzen Sie den Schalter neben der Tür – der aktiviert eine Klingel in unserem Aufenthaltsraum. Genießen Sie die Überfahrt. Natürlich, das habe ich ganz vergessen: Im Namen der White Star Line heiße ich Sie herzlich Willkommen auf der Titanic

Nachdenklich betrachtete Anaïs sich im Spiegel.

Ihr Blick glitt über die schmale Taille, die geschwungenen Hüften und den ausladenden Busen. Olivier meinte immer, sie habe den perfekten Körperbau. Gibson-Girl nannte man das in Amerika und neuerdings auch in Europa.

Abwesend zupfte sie an dem Band aus unechten Blumen in ihrem lockigen, blonden Haar.

Sie blickte oft prüfend in den Spiegel und sah sich doch ungern länger selbst an, denn nach einer Weile wanderte ihr Blick immer zu der Narbe an ihrem Kinn, als würde ihn eine unsichtbare Kraft anziehen. Nicht einmal Olivier hatte sie je die Herkunft dieses Makels verraten, den sie mehr als alles andere an ihrem Körper hasste. Er war wie ein Riss in ihrem Gesicht und in ihrer Seele, dabei war er kaum länger als ihr kleiner Finger und für gewöhnlich kaum zu sehen. Und doch verabscheute sie ihn, weil sie sich selbst verabscheute, kaum dass ihr Blick auf die Narbe fiel.

Seufzend tauchte sie zwei Finger ihrer rechten Hand in ein Töpfchen mit Lippenfarbe und trug sie auf die schmalen Lippen auf.

Für den Abend hatte sie ein leuchtendes Kleid aus blauem Seidenbrokat angezogen, das mit kleinen Glasperlen verziert und an der Taille mit einem Perlengürtel mit drei Quasten an jeder Seite befestigt war. Auf Schmuck verzichtete sie fast komplett, ebenso wie auf einen der übergroßen modischen Hüte, die eine noch so hübsche Frau wie einen gerupften Vogel aussehen ließen.

Kopfschüttelnd wandte Anaïs den Blick von dem mannshohen Spiegel und verließ ihre Kabine. Wem musste sie heute Abend schon gefallen?

Die perlende Klaviermusik, die aus dem Empfangssalon kam, war schon von Weitem zu hören. Der Raum, der mit den Hunderten von Gästen bei ihrer Ankunft nicht besonders klein gewirkt hatte, strahlte jetzt in voller Größe. Gemurmel mischte sich mit den zarten Klängen eines eleganten, schwarzen Flügels. Einige Grüppchen standen auf dem auffällig gemusterten Teppich des Salons, manche Paare saßen auf den vielen Stühlen, die um die niedrigen Tische verteilt waren.

Ein wenig unschlüssig, ob es unhöflich war, sich einfach zu irgendwem zu stellen, beobachtete Anaïs die Menge. Doch dann drehte sich eine schon etwas in die Jahre gekommene Frau mit dunkelblonden Haaren um, erblickte sie und winkte sie mit einem Nicken heran.

»Sie müssen doch wirklich nicht so allein herumstehen«, meinte sie und machte Anaïs Platz, damit sie sich in die kleine Runde stellen konnte, die aus ihr und zwei Männern bestand. »Ich bin Lucy Duff-Gordon.«

»Anaïs Cidane. Freut mich sehr, Sie persönlich kennenzulernen.«

Lady Lucy Duff-Gordon hatte nach der Trennung von ihrem ersten Mann begonnen, sich den Lebensunterhalt durch das Schneidern von Dessous, Accessoires und unvergleichlichen Kleidern zu verdienen. Damit hatte sie sich nicht nur in Großbritannien einen Namen gemacht, vor einem Jahr hatte sie in Paris ein Modegeschäft für die Haute Couture eröffnet und auch Anaïs besaß zwei sündhaft teure Kleider aus ihren Kollektionen.

Der ältere der beiden Männer stellte sich als Lucys Ehemann, der schottische Fecht-Olympiasieger und Großgrundbesitzer Cosmo Duff-Gordon, heraus, dem sie den Eintritt in die gehobene Gesellschaft zu verdanken hatte. Eine Weile plauderten sie unverfänglich über die aktuelle Damen- und Herrenmode, Lucys neueste Kreationen und ihre Schwester Elinor Glyn, eine umstrittene Schriftstellerin, die vor einigen Jahren mit ihrem Buch Three Weeks einen Skandal ausgelöst hatte. Lucy ging mit dem Thema offen um, mokierte sich gar über die darin vorkommenden sexuell anzüglichen Szenen und verriet einige Details über His Hour, die Fortsetzung, die in diesem Jahr erscheinen sollte.

Irgendwann zog sich das Paar zurück. Übrig blieben Anaïs und der jüngere der beiden Männer, der sie so interessiert musterte, dass ihr Nacken zu brennen begann. Fast seufzte sie erleichtert auf, als er sich nach dem Kellner umwandte und ihr Sekunden später ein Glas mit Champagner in die Hand drückte.

»Eric Norwood«, sagte er mit tiefer, weicher Stimme und lüftete den Zylinder.

Anaïs bemerkte, dass er bis jetzt noch kein Wort geredet hatte.

»Anaïs Cidane.«

»Ein außergewöhnlicher Vorname, Miss Cidane.«

»Er stammt aus dem Hebräischen, von Hannah, der Mutter Marias.«

»Sind Sie so gläubig?«

»Nein, aber ich habe mir den Namen auch nicht selbst gegeben.«

»Trotzdem bemerkenswert. Wollen wir uns setzen?«

Anaïs hob gleichgültig die Schultern, obwohl ihr sein stechender Blick immer noch unangenehm war, und folgte ihm zu zwei bequemen Stühlen, auf denen sie sich niederließen.

»Sie kommen aus Frankreich?«, fragte Eric Norwood und musterte sie kurz.

»Ich wurde Colombes geboren«, antwortete sie. »Heute heißt es Bois-Colombes. Der Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin, wurde 1896 von Colombes getrennt. Das wird Ihnen nichts sagen … Es liegt in der Region Parisienne.«

Anaïs strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, während sie Eric weiter beobachtete.

Er sah gut aus für seine wohl knapp dreißig Jahre, sicher lagen ihm die Frauen in seiner Heimat zu Füßen. Seine kurzen, dunkelbraunen Haare hatte er mit viel Fett am Kopf befestigt, der Zweifingerbart war tadellos gepflegt. Unter seinem unauffälligen Sakko ließen sich muskulöse Arme erahnen; das Hemd war einen Knopf zu weit offen. Am beeindruckendsten war der durchdringende Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen, um die sich niedliche, kleine Falten bildeten.

Er war ein Frauenschwarm, ein Charmeur, und Anaïs ärgerte sich, dass ihr das so schnell auffiel.

»Und Sie?«, fragte sie, um sich aus den Gedanken zu reißen.

»Ich? Ich wohne zurzeit in Maidstone.«

Anaïs nahm einen Schluck Champagner und wartete, dass er weitersprach.

»Erzählen Sie mir doch etwas über sich, Miss Cidane.« Seine Augen schienen zu funkeln. »Sie sind eine eindrucksvolle, junge Dame.«

Vielleicht war es sein Blick oder die Art, wie er sich scheinbar interessiert nach vorn neigte, die Brust herausstreckte, sich selbstvergessen über das Haar strich und den Finger an die schmalen Lippen legte. Mit einem Mal musste Anaïs lachen.

»Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, Mr. Norwood«, erwiderte sie und hielt ihre linke Hand in die Luft. »Ich bin bereits vergeben. Sie brauchen nicht versuchen, mich zu verführen, oder was auch immer Sie gerade tun.«

Einen Moment war es unangenehm still, dann stimmte Eric in ihr Lachen ein und ließ sich gegen die Stuhllehne zurückfallen.

Er war überdurchschnittlich attraktiv und das wusste er. Natürlich wollte er die Chance nutzen, hier die eine oder andere Frau zu betören. Das machte er sicher nicht zum ersten Mal und in der 1. Klasse der Titanic würde er an reichen und schönen Damen genug Auswahl haben.

Aber immerhin war er hinreichend anständig, seine Niederlage einzusehen.

»Ob Sie es glauben oder nicht, Sie sind die Erste, die mich so schnell abweist.« Er setzte grinsend sein Glas an die Lippen, schien einen Moment zu überlegen und schluckte dann. »Ein bemerkenswerter Ring übrigens. Ich hoffe, der, für den Sie ihn tragen, ist es wert. Sie sind noch sehr jung.«

»Ich bin neunzehn Jahre alt. Und sein Name ist Olivier Runné und er ist es wert.«

Für einen Moment betrachtete sie den zarten Ring mit dem Diamanten und dem Saphir, die sich wie Blätter um ihren schmalen Finger rankten.

»Runné …«, wiederholte Eric, als frage er sich, woher er den Namen kenne.

»Ein französischer Textilerbe«, half sie ihm, ohne aufzusehen. »Wir sind seit Kurzem verlobt.«

»Älter als Sie?«

»Er ist achtundzwanzig Jahre alt.«

Erics Augen weiteten sich kurz.

»Sie sind doch auch nicht jünger«, sagte Anaïs.

»Dreißig Jahre«, gestand er ohne eine Spur Verlegenheit. »Man sagt mir nach, man würde es mir noch nicht ansehen. Ihr Verlobter … begleitet er Sie?«

Anaïs schüttelte den Kopf.

»Er hatte dringende Termine, wollte die Tickets allerdings nicht verkommen lassen«, antwortete sie. »Es war schwer genug, sie zu bekommen. Deshalb fahre ich allein. Was aber kein Grund sein sollte, an meiner Überzeugung hinsichtlich meiner Verlobung zu zweifeln.«

»Keine Sorge, ich halte mich zurück, Miss Cidane«, versprach Eric und sie ließ sich ebenfalls etwas zurückfallen.

Er war nett, dieser Eric Norwood, und wenn ihm klar war, dass sie ihm nicht in die Arme springen würde, konnte man sicher gut mit ihm auskommen, entschied Anaïs.

»Und womit verdienen Sie Ihr Geld, Mr. Norwood?« Sie setzte erneut das Glas an die Lippen, das erstaunlich schnell zur Neige ging.

»Von Beruf her bin ich Historiker«, antwortete er. »Aber ich finanziere mir mein tägliches Brot mit der Schriftstellerei.«

»Tatsächlich? Dann passte das Gespräch über Elinor Glyn gerade zu Ihrem Metier. Was schreiben Sie? Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas von Ihnen gelesen habe. Und ich lese viel.«

Zum ersten Mal schien seine Selbstsicherheit Risse zu bekommen und er fuhr sich verlegen übers Haar.

»Und was lesen Sie für gewöhnlich, wenn ich fragen darf?«

»So dies und das, französische Schriftsteller und auch internationale«, erwiderte Anaïs. »Klassische Werke, ein wenig Modernes … Ich habe eine Schwäche für deutsche Autoren und Dichter. Rainer Maria Rilke zum Beispiel, kennen Sie ihn?«

Eric schüttelte den Kopf.

»Deutsche Autoren? Recht ungewöhnlich für eine Französin, nicht wahr? Zumindest seit dem letzten Krieg und der deutschen Außenpolitik unter Reichskanzler Bismarck und Kaiser Wilhelm II. – ich nahm an, die Beziehungen seien angespannt«, sagte er und zuckte mit den Schultern. »Nein, sicher werden Sie meine Werke nicht kennen. Ich schreibe das, was man gemeinhin als Groschenroman bezeichnet. Trivialliteratur. Billig, in hoher Auflage und wenn man den Rezensenten glauben darf, von niedriger Qualität.«

Er verzog das Gesicht, als habe er einen unangenehmen Geschmack im Mund.

»Das ist kein nettes Urteil«, sagte Anaïs mit gerunzelter Stirn.

»Ich halte mich nicht für den größten Schriftsteller der Welt.« Eric winkte dem Kellner zu, ihnen noch etwas zu trinken zu bringen. »Das ist mein Traum: gute Bücher, wirklich gute Bücher zu schreiben. Immerhin kann man mit Groschenromanen genug Geld verdienen. Wenn man den Preis zu zahlen bereit ist.«

»Und was ist dieser Preis?«

»Der Spott der Gesellschaft, aus der man selbst gekommen ist.«

Einen Moment herrschte betretenes Schweigen.

»Vielleicht kennen Sie meinen Vater«, fuhr Eric dann betont heiter fort. »Er leitet das Verlagshaus Norwood in Esher, wo ich geboren wurde. Dort veröffentliche ich auch meine Bücher. Das bringt mir ein zufriedenstellendes Honorar ein, was mir entgegenkommt, denn mit Geld umzugehen, ist nicht meine Stärke. Trotzdem bin ich vor einigen Jahren nach Maidstone gezogen, um unabhängiger zu sein.«

»Aber Sie scheinen ausreichend zu verdienen, sonst könnten Sie sich eine Fahrt in der 1. Klasse der Titanic kaum leisten; die meisten Schriftsteller reisen in der Mittelschicht.«

»Ein umfangreiches Erbe, an dem ich mich schon heute bedienen darf, und eine sichere, von allen belächelte Einnahmequelle«, erwiderte Eric freudlos lächelnd.

»Das Schicksal der jungen Generation: abhängig von anderen. Sie werden auch nur über Ihren Verlobten Geld bekommen, oder?«

Anaïs schnaubte naserümpfend und warf die Haare zurück.

»Diese Reise finanziert mir zwar mein Verlobter, aber ich lebe bis jetzt mühelos über das Erbe, das mein Vater mir hinterlassen hat.«

»Da haben Sie Glück.«

»Ob es Glück ist, dass ich meinen Vater vor Jahren verloren habe, bezweifle ich …«

Eric hob die Hand und neigte den Kopf etwas.

»Verzeihen Sie mir, das war unhöflich.«

»Machen Sie sich keine Sorgen.« Anaïs trank ihr Glas in einem Zug leer. »Ich habe meine Wege gefunden, damit zu leben.«

»Das glaube ich. Sie sind sehr selbstbewusst, scheint es mir«, sagte Eric lächelnd.

»Denken Sie? Ich habe eher das Gefühl, hier auf dem Schiff etwas unsicher zu sein.«

»Unsicher?«, wiederholte er. »Das merkt man Ihnen nicht an.«

»Gut so«, murmelte sie und fasste sich kurz an die Stirn.

Ihr war schwindelig und sie sprach zu schnell, ohne nachzudenken. Zu viel Champagner und zu wenig Essen. Sie versuchte, es zu ignorieren.

»Aber das alles … das riesige Schiff, tonnenschwer, mitten auf dem Wasser … Das ist überwältigend.«

»Ich habe viele Leute gehört, die sich Sorgen machen, dass ein so großes Schiff sinken könnte«, sagte Eric. »Aber es gibt diese Schotten, die Abteilungen im Schiffsrumpf, die man voneinander trennen kann. Sollten wir ein Leck bekommen, werden Trennwände heruntergelassen und es füllt sich nur ein Schott mit Wasser, sodass nichts passiert und wir sicher weiterfahren können. Die Titanic gilt nicht umsonst als beinah unsinkbar.«

»Ja, davon habe ich gehört«, sagte Anaïs. Sein mitleidiger Tonfall gefiel ihr nicht. Mit einem Mal kam sie sich jünger vor, als sie ohnehin war.

»Vielleicht hilft Ihnen das, was ich von einem der Matrosen in Southampton hörte: Nicht einmal Gott könnte dieses Schiff zum Sinken bringen!«, fuhr Eric fort.

»Nun, wir wollen ihn besser nicht herausfordern, denn ich fürchte, im Zweifel hätte Gott die stärkeren Argumente«, konterte Anaïs.

»Der Kapitän hat schon vor Jahren in einem Interview gesagt, dass die moderne Schiffsbaukunst seiner Meinung nach die Gefahr von Unglücken überwunden hat.«

»Hoffen wir einfach, dass es so ist«, sagte sie ungehalten. »Ich mache mir keine Sorgen, dass das Schiff untergehen könnte! Ich habe lediglich bemerkt, dass es groß und schwer ist.«

Es ärgerte sie, sich diesem Fremden anvertraut zu haben, der sie jetzt so mitleidig ansah, als hielte er sie für übermäßig naiv. Hätte sie bloß geschwiegen und ihn in dem Glauben gelassen, sie sei eine selbstbewusste, junge Frau!

Eine Weile lang lauschten sie bloß der langsamen Klaviermusik und mieden die Blicke des anderen.

»Der Musiker hat wirklich Talent«, sagte Eric locker.

Anaïs zuckte mit den Schultern und presste die Lippen zusammen.

»Ich wollte Sie nicht beleidigen, Miss Cidane«, fuhr er bestimmter fort.

»Das haben Sie nicht«, log sie.

Wieso hatte sie sich ihm bloß so leichtfertig anvertraut?

Seufzend stand Anaïs auf. Der Boden schwankte ein wenig unter ihren Füßen. Definitiv zu viel Champagner.

»Es ist schon spät, ich sollte wohl besser nach oben gehen«, sagte sie und fuhr sich abwesend übers Haar.

Erics Blick glitt zur Uhr am Treppenabsatz. Die Zeit war bestimmt noch nicht so weit fortgeschritten, doch er sagte nichts. Stattdessen nahm er ihre linke Hand und führte sie elegant an die Lippen.

»Ich hoffe auf ein Wiedersehen.« Seine bernsteinfarbenen Augen schien sich tief in ihre blauen zu graben.

»Dann hoffen Sie schön weiter«, murmelte Anaïs, als sie die Treppe hinaufstieg, aber ein winziges Lächeln stahl sich dabei auf ihre Lippen.

 

+++ +++ +++

Textprobe: Sophie Heinig

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