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Cover "Die Heimsuchungen der Familie Bell" von Christiane Kromp     Leseprobe "Die Heimsuchungen der Familie Bell - Teil 1"

von Christiane Kromp

Historischer Krimi, ca. 360 Seiten, ISBN: 978-3-96050-174-9 

INHALT

Prolog: Unerklärliche Vorkommnisse
1: Exorzisten
2: Hexenwerk
3: Die Frau im Baum
4: Terror
5: Das Jahr ohne Sommer
6: »Sie« spricht
7: Vom Gespenst, das seine Zähne suchte
8: Sündenfeuer
9: John Black
10: »Mein Name ist Kate«
11: Kate Batts
12: Apokalypse
13: Kate aus Upper Town Creek
14: »Gestatten, Mr. Mize, Magier«
15: Von North Carolina nach Tennessee
16: Gift?
17: Eheanbahnung
18: Lucy
19: Das Buch Tobis
20: John verliert seine Schuhe
21: Ankunft und Neuanfang in Tennessee 1805
22: Der Besuch der Cherokee
23: Höllenqualen
24: Banditen
25: Schatzsuche
26: Feinde
27: Benjamin
28: Joel
29: Verdacht
30: Erinnerungslücken
Epilog
Anmerkungen der Autorin
Anhang
- Stammbaum der Familie Bell
- Historischer Überblick in Stichworten

Prolog: Unerklärliche Vorkommnisse

Tennessee, Red River, im September 1817
 

»Wie kommt ihr mit der Ernte voran, Higgens?«, fragte John Bell seinen Vorarbeiter.

»Wir sind dem Plan voraus, Sir!«, meldete dieser. »Es sind nur noch zwei Felder abzuernten – und dieses hier ist das größte.«

John nickte. Eine Weile noch stand er am Rande seines Baumwollfeldes, den Hut unter dem Arm. Er strich sich die Haare und den Schweiß aus der Stirn. Die Septembersonne brannte erbarmungslos auf sein lichter werdendes Haar und er drückte sich den schweißgetränkten Hut wieder auf den Kopf. Ihm stand der Sinn nicht nach einem Sonnenstich. Das Gesumme zahlreicher Insekten erfüllte die Luft, ebenso der monotone Arbeitsgesang seiner Sklaven, die schwere Kiepen auf die dunkel glänzenden Schultern luden – Kiepen mit geernteter Baumwolle. Die Stimmung war so fröhlich, wie die schwere Arbeit das eben zuließ.

Bell wippte in den weichen Lederstiefeln auf die Fußspitzen und wieder zurück auf die Sohle. Er liebte es, in die Weite zu lauschen, seine Gedanken treiben zu lassen.

Dies alles hatte er alleine aufgebaut. Dreizehn harte Jahre hatte es ihn gekostet, seit er mit seiner Frau und seinen sieben ältesten Kindern hier in Tennessee das Land mit dem ersten Blockhaus gekauft, dieses ausgebaut, die ersten Felder neu bepflanzt hatte. Heute hatte er Bedienstete, er besaß über fünfzig Sklaven und die reiche Ernte seiner Felder gab ihm und seiner Arbeitsweise recht: Gott war auf seiner Seite.

Wohlgefällig blickte er auf die Baumwollbüschel an den Sträuchern und auf die Baumwollwolken am Himmel, die ein abendliches Gewitter ankündigten. Sein Blick schweifte über seinen Besitz und eine tiefe Zufriedenheit erfüllte ihn. Ja, Gott hatte es wahrlich gut mit ihm gemeint.

Leise vor sich hin pfeifend machte er sich zu Fuß auf den Weg zur Nordgrenze seines Besitzes, wo ein Zaun repariert werden musste. Gestern hatte er Higgens daran erinnert. Langsam wanderte John über seine Wiesen und zwischen seinen Feldern entlang, auf denen schon hoch der Mais stand.

Da nahm er eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr, begleitet von einem Rascheln. Ein hellbraunes Tier erschien zwischen den Fruchtständen, ein Hund, wie er meinte – und sicher keiner von seinen! Er runzelte die Stirn und blickte genauer hin. Eisiger Schrecken durchfuhr ihn. Das war kein Hund, beileibe nicht! Das war überhaupt kein Tier, das er kannte oder dessen er schon einmal ansichtig geworden wäre: Es hatte den Körper eines Hundes, aber den Kopf eines Hasen! Es war ein Ungeheuer! Welche Mächte der Hölle ...?

»Bei des Himmels Barmherzigkeit!«, stieß er hervor und schlug sich die Hand vor die Brust. Dann griff er, immer noch zittrig vor Schreck, nach dem Gewehr, das er immer über dem Rücken hängen hatte, und schoss. Fünf Schüsse gab er auf das Teufelsbiest ab, dann rannte er in Richtung seines Hauses davon. Augenblicke später kamen ihm drei kräftige Diener entgegengeeilt.

»Herr haben geschossen! Was sein geschehen?«, fragten sie aufgeregt.

»Ein Teufelswesen, da hinten im Maisfeld!«, rief er. »Darauf habe ich geschossen!«

Alle schauten sie John an, zögerten, warteten auf seine Anweisungen. Er war ein strenger Herr.

Er wies mit dem rechten Arm in die Richtung, aus der er gekommen war. »Ihr zwei, ihr geht und schaut, ob es noch da ist. Von hinten ein Hund, von vorne ein Hase, mit anderen Worten: ein Ungeheuer!«

»Ein Ungeheuer, Herr?«

»Vertreibt es aus meinen Feldern! Nur der Teufel kann ein solches Geschöpf geschickt haben!«

Zwei der Diener machten sich mit schnellen Beinen auf den Weg. Der dritte stand immer noch bei John. Der spürte auf einmal tiefe Erschöpfung. »Du, Junge, begleitest mich heim!«, brachte er hervor.

Später am Tag fragte er die beiden Diener, ob sie das Tier gesehen hätten.

»Ja, Herr, wir es vertrieben haben, es sein fortgelaufen, in Wald!«

Das war das erste von einigen sehr sonderbaren Ereignissen im Hause Bell und John sollte sich später immer wieder daran erinnern. Zunächst jedoch vergaß er den Vorfall über die Anspannung der Ernte, säumige Kunden und Zwischenhändler und einen immer wieder aufflammenden Streit mit einer Nachbarin.

Etwa eine Woche später saß die ganze Familie Bell am reich gedeckten Tisch. John war gerade dabei, das Tischgebet zu sprechen, da klopfte es plötzlich an den Fensterladen. John stutzte kurz, brachte aber erst das Gebet zu Ende, bevor er das Fenster und den Laden öffnete, um dem Klopfen auf den Grund zu gehen. Doch niemand war draußen zu sehen. Abendliche Windböen schüttelten die Bäume. War es ein Ast des mächtigen Birnbaumes gewesen, der neben seinem Hause wuchs? Er zuckte mit den Schultern, schloss Laden und Fenster und nahm unter den erwartungsvollen Blicken seiner Familie seinen Platz an der Tête des langen Eichentisches wieder ein.

»Es war nichts. Fangen wir an zu essen«, sagte er. Doch kaum hatte er nach dem duftenden, frisch gebackenen Brot gegriffen, da fiel der Deckel vom Topf mit dem Eintopf von alleine herunter und rollte über den Boden. Die Bells zuckten vor Schreck zusammen, alle starrten John an. Doch der ließ sich nicht stören und biss herzhaft in das Brot.

In unnatürlichem Schweigen verlief das Abendessen. Wieder und wieder klopfte es in dieser Nacht an die Wände, an die Fenster, an die Tür und nie war irgendjemand in der Nähe. Lucy, Johns Frau, hörte nicht mehr auf zu beten. Sie hielt die Hände auf dem Schoß verschränkt, lautlos die Lippen bewegend.

An diesem Abend forderte John seine ehelichen Rechte ein, denn sonst hätte er keinen Schlaf gefunden. Mitten in der Nacht krachten Blitz und Donner, heftiger Regen entlud sich über dem Hause der Bells. John fuhr aus dem unruhigen Schlummer, der ihm seine Gedanken monströs im Traum ausgemalt hatte. Dämonen hatten ihn gejagt. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er setzte sich im Bett auf, eine Bewegung, die Lucy neben ihm zu wecken schien. Ihre Hand griff nach seinem Arm wie eine Ertrinkende, die nach Rettung sucht. Sie klammerte sich dicht an ihn und er löste ihren Griff und rückte von ihr ab, unangenehm berührt.

Wieder krachte ein Blitz. Lucy stieß einen kleinen Schrei aus. Sie hatte sich schon immer vor Gewittern gefürchtet. John fand das höchst albern, verdrehte die Augen. Dieses blöde Weib.

»Es ist nur ein Gewitter!«, fuhr er sie an. »Nimm dich zusammen, du bist doch kein Kind mehr!«

»Es ist nicht nur der Donner, der mich erschreckt, John. Es ist das Klopfen die halbe Nacht. Vorhin habe ich sogar ein Heulen gehört und ein Flattern wie von Flügeln auf dem Dach.« Auch sie richtete sich zum Sitzen auf. »John, was für dämonische Wesen haben wir da bloß im Haus?« Bei diesen Worten zog sie die Decke enger um sich, als fröstele sie. »Jesus Christus stehe uns bei gegen alle Mächte der Hölle!«

John blinzelte kurz. Sollte er Lucy sagen, dass er sich genau vor den gleichen Mächten fürchtete? Nein. Sie sollte sich nicht beunruhigen. Morgen würde er der Sache auf den Grund gehen.

Also knurrte John: »Unsinn! Das waren keine höllischen Mächte, das waren Zufälle!«

»Und das Klopfen vorhin?«

»Der Wind!«

»Und der Deckel?«

»Zufall!«

»Ich hoffe, du hast recht, John!«, seufzte Lucy.

Kurze Zeit später schon hörte er ihre ruhigen Atemzüge. Sie war eingeschlafen. John aber lag noch eine ganze Weile wach. So sicher, wie er gegenüber seiner Frau getan hatte, war er sich nicht, woher die Geräusche kamen.

Er versuchte sich an die Zufriedenheit zu erinnern, die ihn vorhin erfüllt hatte, bevor das Ungeheuer ihn erschreckt hatte. Denn zu solchen Gefühlen hatte er durchaus das Recht. Trotz der ausgefallenen Ernten des letzten Jahres stand er wirtschaftlich immer noch recht ordentlich da. Und obwohl in diesem Jahr das Wetter wieder warm und sonnig war, fröstelte es John bei diesen Gedanken: Ihm stand immer noch lebhaft vor Augen, welch kläglichen Anblick die Felder unter dem Raureif von 1816 geboten hatten. Umso dankbarer und erleichterter war er, dass er jetzt die Ernte dieses Jahres einbringen konnte und wieder Waren zum Verkaufen hatte – vermutlich sogar zu besseren Preisen als jemals zuvor.

Seine Frau Lucy hatte ihm zur Seite gestanden in all der Zeit, sie war ihm ein gutes Weib. Mittlerweile hatte sie ihm zehn Kinder geboren, von denen neun noch lebten. Er konnte sich glücklich schätzen: Sechs kräftige Söhne waren darunter, die ihn bei der Arbeit unterstützten und die später sein Werk fortführen würden. Nach all diesen arbeitsreichen Jahren waren sie alle jetzt in diesem Land am Cumberland River verwurzelt, sie waren inzwischen ein Teil davon – und von dieser Gemeinde Red River. Seine drei jüngsten Kinder waren hier geboren. Seine Tochter Esther hatte gerade vor zwei Monaten Bennett Porter geheiratet, den Sohn eines der angesehensten Männer der Gegend. Mit dieser Vermählung hatte John das Wurzelgeflecht nochmals dichter gemacht und die Bells mit den Porters untrennbar verbunden. Das erfüllte ihn mit Genugtuung.  Doch auch all diese guten Gedanken ermöglichten es ihm nicht, wieder in den Schlaf zurückzufinden. Ruhelos wälzte er sich von der einen Seite auf die andere, nickte kurz ein und schreckte sofort wieder hoch. Als er im Morgengrauen aufstand, fühlte er sich wie gerädert.

Der ganze nächste Tag verlief ohne weitere Zwischenfälle und außer einer bleiernen Müdigkeit hatte John keine Nachwirkungen zu beklagen. So tat er die Geräusche der letzten Nacht als unerklärbar ab und grübelte nicht mehr darüber nach. Bis zum Abend hatte er tatsächlich die Ereignisse des Vorabends vergessen. Allerdings fielen ihm kurz nach dem Abendessen die Augen zu, sodass er sich unverzüglich zu Bett begab. Kaum hatte er das Kissen berührt, war er auch schon eingeschlafen.

Er erwachte von einem stetigen Klopfen an den Fensterläden. Ein Klopfen, gefolgt von einem Rütteln, welches gar nicht mehr aufhören wollte. John zog die Brauen zusammen und stieg aus seinem Bett. Das Nachtlicht in der Hand, fand er den Weg zur Haustür. Auch von hier kam ein ständiges Poltern, als würden Steine dagegen geworfen. John war barfuß und im Nachthemd, doch im Moment dachte er nicht daran. Eisige Kälte kroch ihm, von den bloßen Fußsohlen ausgehend, den Körper empor. Die Härchen an seinen Waden und an seinen Oberschenkeln richteten sich auf, bis der Frost seinen Rücken erreichte und sich an ihm hochtastete, seine ganze Wirbelsäule entlang bis zu seinem Nacken.

Er schauderte, stellte das Licht auf dem Tisch ab und umfing sich selbst mit seinen Armen, um das innere Frösteln zu vertreiben. Mit der Kälte kroch auch Furcht in ihm empor, die er nicht ignorieren konnte. Da! Wieder dieses Rütteln an Fenstern und Türen. John machte sich von innen an einem der Riegel zu schaffen, die die Fensterläden geschlossen hielten. Doch seltsamerweise ließ der Riegel sich nicht bewegen, während es gleichzeitig von außen dagegen hämmerte, als ob irgendjemand oder irgendetwas hineinwollte, zu ihm, zu seiner Familie. Das durfte nicht geschehen. Und doch, er wollte den Geräuschen auf den Grund gehen. So versuchte er es an einem anderen Fensterladen, wendete all seine Kraft an, diesen zu öffnen – vergeblich. Vor Wut stieß er einen lauten Schrei aus.

»Los, geh schon auf!«, zischte er angestrengt, doch keiner der Riegel gab auch nur im Geringsten nach. Dafür hörte er nun hinter sich schabende Geräusche. Als er sich umblickte, kippte sein Nachtlicht schon über die Tischkante. Nicht einmal ein beherzter Sprung konnte es vor dem Herunterfallen bewahren.

John stand plötzlich im Dunkeln. Sein Herz schlug einen Trommelwirbel in seiner Brust, er hörte seinen Puls laut in seinen Ohren pochen. Von draußen war ein anschwellendes Heulen zu vernehmen. Waren hier widernatürliche Kräfte am Werke?

Wind heulte um die Ecken des Hauses, er konnte es hören. Die Geräusche waren ihm vertraut. Gab es am Ende doch eine natürliche Erklärung für das, was hier geschah? War es nur ein heraufziehender Sturm? Hatte er die Kerze einfach zu nahe am Tischrand platziert? Eben hatte er sie aufgehoben und wieder auf den Tisch gestellt ...

»Wer ist da?«, sprach plötzlich eine Stimme. Die Stimme von Jesse, seinem ältesten Sohn, der auf der Treppe stand und ihn anstarrte. Vor Schreck hätte John beinahe die Kerze noch einmal umgeworfen.

»Ich bin's, dein Vater«, gab er zur Antwort. Seine Stimme zitterte leicht.

»Vater, was tut Ihr hier unten? Ich habe Euren Schrei gehört.«

»Die Riegel gehen nicht auf«, erwiderte John.

Mit einem Satz war Jesse bei ihm und mit zwei weiteren langen Schritten an den Fenstern. Ohne jede Anstrengung zog er den Stift zurück. Der Laden flog auf, ließ einen Schwall kalte Luft und Hagelkörner herein, halb so groß wie Musketenkugeln. Wortlos zog sein Sohn die Läden und die Fenster wieder zu und verschloss sie erneut. Dann blickte er sich zu John um und zog die Augenbrauen hoch.

Verblüfft starrte John seinen Sohn an. Langsam und ungläubig bewegte er den Kopf hin und her, war dann mit einem Satz neben Jesse. Auch er konnte jetzt den Riegel ganz leicht verschieben.

»Geh zu Bett, Jesse«, ordnete John an.

Jesse nickte und machte sich wieder auf den Weg nach oben.

John blickte ihm hinterher. Bald schon würde Jesse die schöne Martha Gunn ehelichen, die Tochter des respektablen Reverend Thomas Gunn. Den Ehevertrag hatte John eigenhändig ausgearbeitet, unterstützt von einem guten Rechtsanwalt aus Nashville. Er war es sehr zufrieden. Esther war nicht weit fort und auch Jesse würde mit seiner zukünftigen Frau in der Nähe wohnen. Es könnte alles so schön sein. Wenn ihm nur nicht diese seltsamen und unheimlichen Vorkommnisse noch in letzter Sekunde einen Strich durch die Rechnung machten. Noch galt er als sehr angesehenen, noch waren seine Kinder gute Partien, die jeder gerne in seiner Familie aufnehmen mochte. Bis vor ein paar Tagen war er sicher gewesen, dieses Ansehen in der ganzen Gemeinde zu besitzen, für sich selbst und für seine Kinder. Sollten sich jedoch Gerüchte verbreiteten, dass höllische Kreaturen bei ihm ihr Unwesen trieben, dann wäre all seine Mühe vergeblich gewesen.

Eine Gänsehaut überkroch seine Arme und ließ ihn abermals schaudern. Keiner seiner Nachbarn würde noch mit ihm zu tun haben wollen.

Der nächste Tag war ein Sonntag. John war froh, am Morgen von der unterbrochenen Nacht nicht mehr so viel bemerken zu können. Er hatte sich sofort wieder zur Ruhe begeben und tief und so fest geschlafen wie ein Toter. Jetzt beaufsichtigte er draußen die Arbeiten für den Winter. Die Sklaven hackten Holz und das musste hinterher in den Schuppen gebracht, gestapelt und getrocknet werden, damit die Familie im Winter genügend Feuerholz hatte.

Nach diesen Arbeiten bestieg er Nelson, seinen treuen Fuchs, hieß seine Familie in den Wagen steigen und dann ging es zum Gottesdienst. Auf dem Wege nahm er zu seiner Beruhigung wahr, dass der Hagel von gestern Nacht erstaunlich wenig Schäden hinterlassen hatte.

In der Kapelle überkam ihn dann doch die bisher ausgebliebene Müdigkeit. Er rieb sich die juckenden Augen. Während der Predigt nickte er immer wieder ein. Gut, dass er sich dieses Mal nicht zu weit nach vorne gesetzt hatte. Er schwitzte bei dem Gedanken, jemand könnte seine geistige Abwesenheit bemerken und sie falsch deuten, ihn gar der Gottlosigkeit bezichtigen. Denn diese Verfehlung in Zusammenhang mit seinem häuslichen Problem würde nicht unbedingt für ihn sprechen als den gottesfürchtigen Mann, als der er im Allgemeinen galt. Und doch dämmerte er in der Wärme und Dunkelheit der Kirche immer wieder weg, je länger er dort saß. Deshalb war er froh, sich nach dem Segen wieder bewegen zu dürfen.

Im Klang der Glocke verließen sie alle das Gotteshaus. John schlenderte ein wenig beiseite. Da bemerkte er eine junge Frau in einem grünen Kleid. Sie war vielleicht fünfzig Schritte von ihm entfernt. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, es war von ihm abgewendet.

Das wird wohl eine von den Töchtern der Porters sein, dachte er. John rief ihr in einem spontanen Entschluss einen Gruß zu. Sie hob den Kopf und sah ihn an … und löste sich im selben Moment in Nichts auf wie ein Trugbild. Verblüfft starrte er zu der Stelle hinüber, wo sie eben noch gestanden hatte. Doch nichts war dort mehr wahrzunehmen.

»Was zum …«, murmelte er und lief schnell hinüber, dorthin, wo eben noch die Frau gestanden hatte. Doch als er an der Stelle war, gab es nichts zu sehen – keine  Fußspuren, die sich bestimmt deutlich in dem weichen Gras eingeprägt hätten. Er bemerkte ja, wie tief er mit seinen Stiefeln an dieser Stelle einsank. Und doch gab es hier nur seine eigenen Spuren. Nicht einmal ein Tier war hier entlanggelaufen, erst recht keine Frau.

Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Ja, wurde er denn langsam verrückt? Konnte er seinen Sinnen nicht mehr trauen? Verzweifelt blickte er sich um. Die anderen Mitglieder der Gemeinde standen schwatzend vor der Kirche. Niemand hatte seinen Ausflug bemerkt. So straffte er sich denn, zog den Rocksaum nach unten und gab sich den Anschein völliger Unbeschwertheit, als er zurück zu den Seinen ging. Kein Wort verlor er über diesen Vorfall.

1: Exorzisten

Tennessee, Port Royal, im Herbst 1817

Am Montag brach John nach Port Royal auf, wo er einige geschäftliche Dinge zu regeln hatte. James Johnston begleitete ihn.

»Treffen wir uns heute Abend im Hotel Elysium«, schlug John vor. James hob grüßend die Hand und wendete sein Tier auf der Hauptstraße seinen Kunden zu, so wie John seine eigenen Leute aufsuchte. Bis zum Abend hatte er sich mit seinen Abnehmern geeinigt.

Die Vorschüsse für die Ernte diesen Jahres schon in der Tasche und hochzufrieden, traf John im Hotel ein. Er nahm sich ein Zimmer, verstaute sein Gepäck und stellte seinen Fuchs im Stall unter, wo dieser mit Heu und einem Sack Hafer gut versorgt wurde. Nun konnte John auch an sein eigenes Wohl denken.

»Herr Wirt, bringt mir doch von Eurem Stew. Das duftet ja ganz köstlich!«, bestellte John und setzte sich an einen freien Tisch.

»Aber gerne, der Herr«, entgegnete der Wirt eilfertig. »Wollt Ihr auch etwas trinken? Wir haben ein außerordentlich gutes Bier, damit schmeckt Euch der Stew noch einmal so gut.«

»Ist es stark?«, fragte John vorsichtig. Er hatte schon unliebsame Erfahrungen mit starken alkoholischen Getränken gemacht – und schließlich hatte er die Einnahmen vom Nachmittag in der Tasche.

»Ach, nicht der Rede wert!« Der Wirt machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ein großer und kräftiger Mann wie Ihr, was sollt Ihr denn von einem leichten Bier merken?«

»Ich halte mich mit Alkohol zurück.«

»Aber es ist ja die reinste Medizin, Sir!«, behauptete der Wirt jetzt. »Ihr schlaft viel wohler, wenn Ihr dieses wunderbare Gebräu getrunken habt.«

Nun wurde John aufmerksam. Er konnte ja tatsächlich nur sehr schwer einschlafen, weil er ständig an die unheimlichen Ereignisse denken musste.

»Ich schlafe besser?«, fragte er daher noch einmal nach.

Jetzt strahlte der Wirt über sein ganzes feistes Gesicht.
»Aber ja. Fragt doch hier meine anderen Gäste, Mr. Jones dort drüben zum Beispiel. Auch er ist ein sehr sittenstrenger Mann, doch ein Bier des Abends … Sagt selbst, Mr. Jones!«, forderte er einen untersetzten, fast bulligen Mann Anfang fünfzig auf.

»Ihr habt recht, Herr Wirt«, entgegnete dieser nun und wendete sich John zu. »Gegen ein Bier am Abend nach einem langen harten Tag voller Staub und Schweiß ist tatsächlich nichts einzuwenden. Seit ich mir das gönne, schlafe ich besser und bin des Morgens ausgeruhter für meine Arbeit.«

»So?« John zog die Brauen hoch. »Was arbeitet Ihr denn, wenn ich fragen darf, Mr. Jones?«

»Ich bin Hufschmied«, sagte Jones voller Stolz. »Und Ihr, Mr. …?«

»Bell«, antwortete John und reichte dem anderen Mann die Rechte, die dieser herzhaft drückte. »Ich bin Farmer aus der Siedlung Red River.«

»Euer Diener, Sir«, erklärte Jones mit zurückhaltender Höflichkeit.

»Nun, und welcher Konfession gehört Ihr an, Mr. Jones?«, fragte John. »Ihr müsst nämlich wissen, dass ich selbst der Baptistischen Kirche angehöre und Alkohol trinken wir nur selten.«

»Ich gehöre der Methodistischen Kirche an, Mr. Bell.«

Johns Brauen kletterten bis zum Haaransatz. »Methodist? Und Ihr trinkt Bier? Was sagen denn Eure Ältesten dazu?«

»Da drüben sitzt einer von ihnen.«

»Wirklich?«

»Ja, Mr. Peabody ist Ältester und einer der Priester in dieser Gemeinde.«

Ein hagerer Mann im hinteren Teil der Stube lüftete seinen schwarzen Hut und prostete John zu.

Das überzeugte John. »So will ich es denn auch einmal versuchen.«

Bald stand der schäumende Trank vor ihm und er stillte seinen Durst mit großem Behagen. Gerade wischte er sich etwas weißen Schaum aus dem Mundwinkel, als James die Wirtsstube betrat. In der Tür blieb er verblüfft stehen.

»Aber John!«, rief er aus. »Was trinkt Ihr denn da?«

»Probiert es, es schmeckt ganz köstlich! Das ist das hiesige Bier.«

»Ich weiß, was es ist«, erklärte James amüsiert, indem er an den Tisch trat und sich auf dem freien Stuhl niederließ. »Also habt Ihr das herrliche Gebräu auch entdeckt, John? Ich werde mich Euch gerne anschließen.«

»Mir wurde versichert, es sei die reine Medizin. Ich merke schon, wie es mich angenehm ruhig und schläfrig macht.«

Sie prosteten einander zu. Kurz darauf bekam jeder eine Portion Stew vorgesetzt, die schnell von den Tellern verschwand.

»Hattet Ihr gute Geschäfte, James?«, fragte John nach dem Essen.

»Ich bin zufrieden«, schmunzelte James und klopfte sich vielsagend auf seine Brusttasche. »Und Ihr?«

»Ich kann nicht klagen!«

Sie tranken noch ein zweites Bier und gingen dann zu Bett. John schlief tatsächlich wunderbar in dieser Nacht und erwachte frisch und erholt am nächsten Morgen, frei von nächtlichen Störenfrieden, sowohl von innen als auch von außen. Der Wirt hatte recht gehabt. Das wollte er sich merken.

Nach einem eiligen Frühstück brachen John und James wieder nach Hause auf. Nur wenige Schritte waren sie geritten, als James auf einmal seinen Rappen verhielt und absprang. John zügelte seinen Fuchs und drehte sich zu dem Freund um.

»Was ist passiert?«, erkundigte er sich.

»Mein Pferd hat ein Eisen verloren!«

»Dann weiß ich, wo wir es wieder beschlagen lassen können!« Und er führte den Freund zu Jones, dem Hufschmied.

Nach ein paar Freundlichkeiten und dem geschäftlichen Teil plauderten sie mit dem Liebhaber des Gerstensaftes, während dieser mit seiner Arbeit begann.

Der Schmied war fast fertig mit dem Pferdeschuh, da erhob sich draußen eine große Unruhe. John hob den Kopf, sprang an die Türöffnung und spähte hinaus. Ein lärmender, Staub aufwirbelnder Pöbel bewegte sich ungeordnet wie ein Bienenschwarm über die breite Hauptstraße. In seiner Mitte befand sich irgendjemand oder irgendetwas, das den Unwillen dieses Mobs erregte.

»Sie ist besessen!«, schrie die Menge.

»Bringt sie zum Schmied, der treibt ihr den Satan wieder aus!«

Die lärmende Menge kam näher und näher, sie teilte sich und spie aus ihrer Mitte ein altes Weib in den Raum, welches unkontrolliert zuckend zu Boden stürzte. Dort schob sie sich, von Krämpfen getrieben, weiter fort. Ihre Augen waren so weit verdreht, dass nur das Weiße darin zu sehen war. John schauderte. Die Alte sah wahrlich unheimlich aus. Schaum troff aus ihrem Mund und sie gurgelte unverständliche Laute vor sich hin.

»Der Teufel spricht aus ihr! Hört nur, wie er spricht!«, schrie die Menge erregt. John wich vor dem Weib zurück, als es sich in seine Richtung schob. Hilfesuchend blickte er zum Schmied hinüber. Der wartete, bis die Frau regungslos liegenblieb, dann entkleidete und fesselte er sie, als wäre es nicht das erste Mal, dass er so etwas tat. Er schüttete ihr kaltes Wasser über den Leib. Sie erwachte mit einem Schrei.

Der Schmied jedoch holte einen dicken Strick und schlug sie hart, während er rief: »Weiche, Satanas, gib sie frei!«

Wieder schrie die Frau laut auf, diesmal vor Schmerz. In die Menge kam Bewegung, als sich der Älteste von gestern Abend hindurchdrängte. Er hielt die schwarz eingeschlagene Bibel hoch und betete laut und ohne Unterlass zu den Schlägen des Schmiedes. Das Publikum fiel unterstützend in die Gebete ein, so wie auch John und James.

Die Szene wirkte auf John gespenstisch, aber auf eine ungewöhnliche Art auch feierlich. Das laute Rufen der Gebete, nur unterbrochen vom andächtigen Singen von Kirchenliedern, untermalt mit dem Klatschen der Schläge, den Schreien der Gemarterten und dem erschrockenen Wiehern der Pferde – so etwas hatte John noch nicht allzu oft bezeugt. Er spürte, wie eine ungeheure Erregung aller seiner Sinne ihn ergriff.

Das Kreischen der Frau gipfelte in Bitten um Schonung und erneuten Schmerzensrufen. Sie rief Worte in einer fremden Sprache – und dann endlich wieder in vertrauten Lauten.

»Der böse Geist ist aus ihr gewichen, habt Ihr es auch gesehen? Lobet den Herrn!«, rief der Älteste befriedigt.

Jetzt lag die Frau still da, eine Ohnmacht hielt sie umfangen. John trat einen weiteren Schritt zurück, bis er die Bretterwand in seinem Rücken spürte. Er hätte schwören können, eine schwarze Rauchwolke gesehen zu haben, die gerade aus ihrem Mund gedrungen war. Prüfend schaute er zu James hinüber. Hatte der den Rauch ebenfalls gesehen? Doch der war damit beschäftigt, die Pferde stillzuhalten.

Erschöpft, aber offenbar befriedigt, hielt der Schmied inne und ließ das Tauende sinken.

»Der Geist ist aus ihr gewichen. Vielleicht aber kommt er wieder. Besser ist es, wir warten, bis sie wieder zu sich kommt. Lasst sie vorerst so, wie sie ist, und in Fesseln. Berührt sie nicht, auf dass der Dämon nicht auch Euch befalle.«

Ehrfürchtig staunte die Menge, jetzt still geworden. Viele der Männer hatten die Hüte abgenommen. Auch John hielt den seinen in der Hand. Ungerührt von dem Vorkommnis beschlug der Schmied das Tier zu Ende.

Als die Frau einige Zeit später wieder zu Bewusstsein kam, war der Teufel aus ihr verschwunden. Die Menge zerstreute sich und John war in höchstem Maße beeindruckt. Er unterhielt sich noch ein wenig mit dem Schmied und Mr. Peabody, die er beide auf ein weiteres Bier einlud, während James sich bereits auf den Heimweg machte.

»Nehmt es mir nicht übel, Mr. Bell«, entgegnete der Schmied und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich kann Eure Einladung heute nicht annehmen, ich habe noch zu tun.« Abschätzend maß er John, dann setzte er hinzu: »Ein anderes Mal gerne.«

Der Älteste und Priester hingegen ging mit John in die Schankstube, als wären sie alte Freunde.

»Das war ja fast wie ein Gottesdienst unter freiem Himmel«, gestand John dem Priester.

Dieser nickte ernst. »Dass wir alle unsere Gebete und Gesänge vereint haben, um dem Bösen entgegenzutreten, war immens wichtig! Nur so wird der Höllenfürst nachhaltig vertrieben und abgeschreckt, wieder in sein Opfer zurückzukehren.« Er beugte sich näher zu John hinüber, als wollte er ihm ein Geheimnis anvertrauen. John roch seinen sauren Atem. »Wisst Ihr, wir Männer sind seltener Gefäße für Dämonen. Die Evastöchter dagegen … Nun ja, sie sind leichter zu verführen, den Satan in sich einzulassen. Es sind eben nur schwache Frauen!«

Der Älteste nickte bestätigend und trank einen großen Schluck von seinem Bier. Den Schaum wischte er umstandslos mit seinem Ärmel ab.

»Ja, da mögt Ihr recht haben. Aber, wie Ihr gerade sagtet, es sind Frauen. War denn wirklich so viel Härte notwendig?«, fragte John interessiert.

»Schont ein solches Geschöpf und ihr schont den bösen Geist in ihr!«

Dieser Satz des Ältesten prägte sich John tief ins Gedächtnis.

Am nächsten Nachmittag war John wieder daheim. Zuallererst bat er Lucy, sich um die Kunst des Bierbrauens zu bemühen, da ihm dieser Trunk so gutgetan hatte. Sie versprach es ihm.

Zwei Wochen verstrichen, ohne dass es nennenswerte Störungen gab. Bis auf den Umstand, dass er und seine Söhne auf dem Weg zum Haus mit Tannenzapfen und Zweigen beworfen wurden, die aus dem Nichts zu kommen schienen, begann der darauffolgende Abend sehr ruhig und John fing schon an zu hoffen, dass es dabei bleiben würde. Er begab sich früh zu Bett, unten, in seinem Arbeitsraum. Lange konnte der Schlummer ihn noch nicht überwältigt haben, da ertönte von oben im Haus ein hoher lang gezogener Schrei. John zuckte sogar im Schlaf zusammen wie unter einem Peitschenhieb und war in einem Augenblick hellwach. Sein Herz pochte angstvoll und schnell. Wer, bei Christi Blut, war das gewesen?

Einen langen Moment konnte er sich nicht bewegen, doch als der Schrei sich wiederholte, schüttelte er die Lähmung seiner Tatkraft ab und hastete nach oben. Auf der Hälfte der Treppe hallte erneut ein Kreischen durch das Haus, wie es ein Mensch nur in höchster Not ausstoßen konnte. Das kam aus Betsys Kammer. Er riss ihre Tür auf. Und da stand seine Tochter mitten an die gegenüberliegende Zimmerwand gedrückt, die Augen weit aufgerissen, der Mund eine einzige Wunde von Furcht und Schmerz und Schrecken. Mit ihrem weißen Nachtgewand und dem totenbleichen Gesicht machte sie den Eindruck eines Geistes. Leichte Übelkeit befiel John bei ihrem Anblick. Er schluckte, doch das flaue Gefühl wich nicht von ihm. Ein schweres Gewicht lag auf seiner Brust, erschwerte ihm das Atmen.

»Betsy!«, japste er halblaut. »Was ist geschehen?«

»O Vater!«, rief seine Tochter und warf sich ihm in die Arme.

»Was ist hier geschehen?«, fragte er noch einmal, doch aus Betsy war außer anhaltendem Schluchzen nichts herauszubekommen. Sie klammerte sich wie eine Ertrinkende an ihn und ihm blieb nichts weiter übrig, als sie hilflos im Arm zu halten und zu versuchen, das Kind zu beruhigen. Er spürte, wie nass Betsys Hemd war. Sein Blick durchwanderte das Zimmer. Es sah aus, als wäre ein Tornado hineingefahren. Die Bettdecke lag auf dem Fußboden, die Laken waren völlig zerwühlt. Was, um des Himmels Barmherzigkeit willen, war hier geschehen?

Der Lärm in Betsys Kammer war natürlich auch Lucy nicht verborgen geblieben. Sie stürzte als nächste in die Kammer, gefolgt von John Jr. und Jesse.

Seine beiden Söhne tauschten Blicke mit John und stürmten entschlossen die Treppe hinunter, John dicht hinter ihnen. Die weinende Tochter hatte er einer verwirrt aussehenden Lucy in die Arme gedrückt.

Bewaffnet mit Musketen stießen sie die Tür nach draußen auf. Dort heulte der Wind um das Haus. Die drei Männer umrundeten ihr Heim und die Ställe mit angelegten Gewehren, doch außer dem Pfeifen des Windes und dem Klappern der Läden war kein Geräusch zu vernehmen.

Wieder im Haus, hatten die Frauen sich in der Küche versammelt. Esther, die heute im Rahmen eines Besuchs im Elternhaus übernachtete, und Lucy flößten der immer noch verstört wirkenden Betsy etwas zu trinken ein, dem Geruch nach heißen Kräutertee. Betsy starrte vor sich ins Leere, die Augen immer noch überweit aufgerissen. Sie zitterte trotz des heißen Getränkes, doch sie weinte und schluchzte nicht mehr wie vorher. Auf ihren bleichen Wangen zeichneten sich tiefrot Abdrücke von Fingern ab. Hatte Lucy ihre Tochter ohrfeigen müssen, damit sie mit dem Geschrei aufhörte? John runzelte die Stirn.

Auf die roten Spuren in Betsys Gesicht deutend, fragte er: »Lucy, warst du das?«

Lucy starrte ihn an, zunächst erstaunt, danach empört. »Nein, natürlich nicht!«, wies sie die Anschuldigung von sich. »Wieso sollte ich Betsy schlagen?«

John sah seine Frau betreten an. Gänsehaut kroch unangenehm über seine Arme. »Du warst es nicht?«, fragte er lahm. »Und du auch nicht, Esther?«

Seine ältere Tochter sah ihn an und schüttelte nur den Kopf.

»Aber sie hat doch die Spuren von heftigen Ohrfeigen auf ihren Wangen. Wer ...?« Seine Stimme zitterte bei dieser Frage und halb fürchtete er sich vor der Antwort. Was für ein Wesen ...?

»Es war etwas bei mir im Zimmer«, antwortete Betsy mit überhoher Stimme, aus der die Panik noch deutlich zu erkennen war. »Ich habe nichts gesehen. Aber ich habe etwas gefühlt. Gefühlt, dass da etwas ist!«

Mit der Faszination des Grauens fragte John tonlos: »Was war es?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Betsy im gleichen Tonfall. Ihre Augen quollen beinahe aus ihren Höhlen, während sie weitersprach: »Was immer es war, es hat mir die Decke fortgezogen. Und als ich sie mir wieder nehmen wollte, zog es sie vor mir auf dem Boden entlang, gerade so schnell, dass ich sie nicht erreichen konnte. Und plötzlich …« – sie schluchzte auf bei der Erinnerung und ihre Stimme schlug ins Weinerliche – »… plötzlich erhielt ich eine Ohrfeige. Und dann noch eine und noch eine. Ich schrie und wich zur Wand zurück. Da seid Ihr hereingekommen, Vater ...«

Was immer sie danach noch hatte sagen wollen, ging in erneutem Schluchzen unter. Lucy nahm sie sofort wieder in die Arme und wiegte die Zwölfjährige hin und her, als wäre sie ein kleines Kind.

Langsam beruhigte sich Betsy wieder. Sie trank ihren Becher leer, dann schoben Lucy und Esther sie wieder die Treppe hoch.

»Du musst noch ein wenig schlafen, mein Schatz«, sagte Lucy sanft und strich ihrer Tochter über den schweißfeuchten Rücken.

»Nein!«, kreischte Betsy auf. »Nicht wieder in mein Bett!«

»Alles wird gut«, beruhigte Lucy sie. »Du darfst bei mir schlafen. Morgen sehen wir weiter.«

Johns Söhne folgten der Mutter die Treppe hinauf und gingen ebenfalls wieder zu Bett.

John hörte noch eine Weile das Gemurmel der Frauenstimmen von oben. Er hatte sich an den Tisch gesetzt, den restlichen Tee aus der Kanne in einen Becher gefüllt und getrunken. Sein Herz schlug immer noch zu schnell, als dass er jetzt hätte einschlafen können. Der Spuk, welcher sich in seinem Hause offenbar breitzumachen begann, ließ seine Gedanken nicht mehr los, beschäftigte ihn, bis sein Kopf schwer auf die Tischplatte sank.

+++ +++ +++

Textprobe: Christiane Kromp

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