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Cover "Enneagramm und Hochsensibilität" von Dr. Marianne Skarics     Leseprobe "Enneagramm und Hochsensibilität"

von Dr. Marianne Skarics

Ratgeber, 340 Seiten, ISBN: 978-3-96050-170-1 

Enneagramm und Hochsensibilität

Die neun Persönlichkeitstypen und ihr Entwicklungspotenzial

INHALT

Vorwort
1 Hochsensibilität
  1.1 Begriffserklärung
  1.2 Charakteristika
    1.2.1 Allgemeine Charakteristika
    1.2.2 Hochsensibilität bezüglich äußerer Reize
    1.2.3 Hochsensibilität bezüglich innerer und sonstiger Reize
    1.2.4 Weitere Charakteristika
2 Enneagramm
  2.1 Herkunft des Enneagramms
  2.2 Einführung in das Enneagramm
    2.2.1 Kurzvorstellung der neun Enneagrammtypen
    2.2.2 Grundbedürfnisse und Grundenergien
    2.2.3 Die neun Leidenschaften
    2.2.4 Das Prinzip der Flügel
    2.2.5 Das Prinzip der Instinktvarianten (selbsterhaltend / sexuell / sozial)
    2.2.6 Das Prinzip der Trost- und Stresspunkte
    2.2.7 Integration und Desintegration
3 Die neun Typen des Enneagramms
  3.1 Typ EINS – Der kritische Perfektionist
    3.1.1 Vorstellung von Typ EINS
    3.1.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Musterkinder sind nicht wütend«
    3.1.3 Flügeltypen der EINS
    3.1.4 Instinktvarianten der EINS
    3.1.5 Integration und Desintegration der EINS
  3.2 Typ ZWEI - Der verführende Helfer
    3.2.1 Vorstellung von Typ ZWEI
    3.2.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Liebe muss man sich verdienen«
    3.2.3 Flügeltypen der ZWEI
    3.2.4 Instinktvarianten der ZWEI
    3.2.5 Integration und Desintegration der ZWEI
  3.3 Typ DREI – Der chamäleonartige Erfolgstyp
    3.3.1 Vorstellung von Typ DREI
    3.3.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Du bist, was du leistest«
    3.3.3 Flügeltypen der DREI
    3.3.4 Instinktvarianten der DREI
    3.3.5 Integration und Desintegration der DREI
  3.4 Typ VIER – Der sehnsüchtige Ästhet
    3.4.1 Vorstellung von Typ VIER
    3.4.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Die Suche nach der blauen Blume«
    3.4.3 Flügeltypen der VIER
    3.4.4 Instinktvarianten der VIER
    3.4.5 Integration und Desintegration der VIER
  3.5 Typ FÜNF - Der zurückgezogene Beobachter
    3.5.1 Vorstellung von Typ FÜNF
    3.5.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil - »Ich denke, also bin ich«
    3.5.3 Flügeltypen der FÜNF
    3.5.4 Instinktvarianten der FÜNF
    3.5.5 Integration und Desintegration der FÜNF
  3.6 Typ SECHS – Der loyale Skeptiker
     3.6.1 Vorstellung von Typ SECHS
    3.6.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Vorsicht ist besser als Nachsicht«
    3.6.3 Flügeltypen der SECHS
    3.6.4 Instinktvarianten der SECHS
    3.6.5 Integration und Desintegration der SECHS
  3.7 Typ SIEBEN – Der planende Enthusiast  
    3.7.1 Vorstellung von Typ SIEBEN
    3.7.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Wenn wenig gut ist, ist viel noch viel besser«
    3.7.3 Flügeltypen der SIEBEN
    3.7.4 Instinktvarianten der SIEBEN
    3.7.5 Integration und Desintegration der SIEBEN
  3.8 Typ ACHT – Der dominante Herausforderer
    3.8.1 Vorstellung von Typ ACHT
    3.8.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Wer ist hier der Boss?«
    3.8.3 Flügeltypen der ACHT
    3.8.4 Instinktvarianten der ACHT
    3.8.5 Integration und Desintegration der ACHT
  3.9 Typ NEUN – Der sanfte Friedliebende
    3.9.1 Vorstellung von Typ NEUN
    3.9.2 Erweitertes Persönlichkeitsprofil – »Hauptsache Frieden«
    3.9.3 Flügeltypen der NEUN
    3.9.4 Instinktvarianten der NEUN
    3.9.5 Integration und Desintegration der NEUN
4 Hochsensibilität im Enneagramm
  4.1 Korrelation von Hochsensibilität und bestimmten Enneagrammtypen
  4.2 Ausprägung der Hochsensibilität bei den einzelnen Enneagrammtypen
    4.2.1 Der hochsensible Typ EINS
    4.2.2 Der hochsensible Typ ZWEI
    4.2.3 Der hochsensible Typ DREI
    4.2.4 Der hochsensible Typ VIER
    4.2.5 Der hochsensible Typ FÜNF
    4.2.6 Der hochsensible Typ SECHS
    4.2.7 Der hochsensible Typ SIEBEN 
    4.2.8 Der hochsensible Typ ACHT
    4.2.9 Der hochsensible Typ NEUN
5 Persönliches Wachstum
  5.1 Typ EINS
    5.1.1 Selbstbeobachtung
    5.1.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.1.3 Übungen
    5.1.4 Für die hochsensible EINS
  5.2 Typ ZWEI
    5.2.1 Selbstbeobachtung
    5.2.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.2.3 Übungen
    5.2.4 Für die hochsensible ZWEI
  5.3 Typ DREI  
    5.3.1 Selbstbeobachtung
    5.3.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.3.3 Übungen
    5.3.4 Für die hochsensible DREI
  5.4 Typ VIER
    5.4.1 Selbstbeobachtung
    5.4.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.4.3 Übungen
    5.4.4 Für die hochsensible VIER
  5.5 Typ FÜNF
    5.5.1 Selbstbeobachtung
    5.5.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.5.3 Übungen
    5.5.4 Für die hochsensible FÜNF
  5.6 Typ SECHS
    5.6.1 Selbstbeobachtung
    5.6.2 Imagination von Veränderungen
    5.6.3 Übungen
    5.6.4 Für die hochsensible SECHS
  5.7 Typ SIEBEN
    5.7.1 Selbstbeobachtung
    5.7.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.7.3 Übungen
    5.7.4 Für die hochsensible SIEBEN
  5.8 Typ ACHT
    5.8.1 Selbstbeobachtung
    5.8.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.8.3 Übungen
    5.8.4 Für die hochsensible ACHT
  5.9 Typ NEUN
    5.9.1 Selbstbeobachtung
    5.9.2 Imaginieren von Veränderungen
    5.9.3 Übungen
    5.9.4 Für die hochsensible NEUN
Zum Geleit
Literaturempfehlungen

Vorwort

Als ich im Jahr 2001 begonnen habe, mich mit der Thematik rund um die Hochsensibilität zu beschäftigen, gab es dazu kaum Literatur. Inzwischen sind zahlreiche Bücher über hochsensible Menschen erschienen.

Je mehr Hochsensible ich im Laufe der Jahre kennengelernt und für meine Bücher interviewt habe, umso deutlicher verlagerte sich mein Interesse von der Ergründung der mittlerweile ohnehin gut dokumentierten offensichtlichen Gemeinsamkeiten vor allem auf die vorhandenen Unterschiede zwischen Hochsensiblen.

Ich stellte mir die Frage, ob sich etwa ein sehr rationaler, mehr themen- als menschenbezogener Hochsensibler mit der häufig stark die empathische und gefühlvolle Seite vieler Hochsensibler betonenden Literatur über diese Gruppe von Menschen überhaupt identifizieren kann.

Wie steht es mit jemandem, der seine Hochsensibilität innerlich ablehnt und sie mit nach außen demonstrierter Stärke, Dominanz und offensivem Auftreten zu verbergen sucht?

Oder jemandem, der den Perfektionismus, den viele Hochsensible gemeinsam haben, primär gegen sich selbst wendet, der mit sich hart ins Gericht geht, sich kaum Auszeiten gönnt und sich trotz Überstimulation selbst zu permanenten Höchstleistungen antreibt?

Wie sollen dermaßen unterschiedliche Hochsensible sich in einem Buch, das keinerlei Differenzierungen zwischen verschiedenen Ausprägungen der Hochsensibilität anbietet, wiederfinden?

So wurde der Wunsch geboren, die Unterschiede zwischen Hochsensiblen zu beschreiben und diese zugleich besser begründen und klassifizieren zu können.

Der Schlüssel dafür war meine mittlerweile fast 20-jährige Beschäftigung mit dem Enneagramm. Das Enneagramm beschreibt verschiedene Persönlichkeitstypen nicht nur, sondern es erklärt, warum wir sind, wie wir sind, es deckt unsere Motive, Ängste, Grundbedürfnisse und Abwehrmechanismen auf und veranschaulicht unsere Entwicklungsmöglichkeiten. So stellt das Wissen um den eigenen Enneagrammtyp eine wertvolle Ergänzung zum Wissen um die eigene Hochsensibilität dar und vieles, das weder die Hochsensibilität alleine noch das Enneagramm alleine erklären kann, wird durch die Kombination von beidem transparent.

Natürlich hilft das Enneagramm auch, unsere Mitmenschen, deren Motive und somit auch deren Eigenheiten und typische Verhaltensweisen besser zu verstehen.

Außerdem ist das Enneagramm nicht statisch, sondern es zeigt das Entwicklungspotenzial jedes Persönlichkeitstyps auf und gibt uns Anregung zu Wachstum und positiver Veränderung. Da gerade Hochsensible, die sich selbst und ihre Mitmenschen intensiver und meist besonders reflektiert wahrnehmen, oft großes Interesse an der Entwicklung ihrer Persönlichkeit haben, ist das Enneagramm für sie ein hervorragendes Tool, sich selbst noch besser zu ergründen, die ganz spezielle Ausprägung ihrer Hochsensibilität noch differenzierter zu verstehen und Anregungen zum persönlichen Wachstum zu erhalten.

Hochsensibilität

1.1 Begriffserklärung

Wir alle filtern die Sinneseindrücke und weiteren Reize, die permanent auf uns einwirken.

Würden wir das nicht, wäre es beispielsweise unmöglich, einem Gespräch in einem lauten Lokal zu folgen und wichtige von unwichtigen akustischen, optischen, olfaktorischen und sonstigen Reizen zu unterscheiden. Viele Reize bleiben also unterhalb der Wahrnehmungsschwelle oder werden zumindest soweit gefiltert, dass wir sie nur noch dann bewusst wahrnehmen, wenn wir uns auf sie konzentrieren.

Dieses Prinzip unterscheidet Hochsensible von Nicht-Hochsensiblen zwar nicht, allerdings sind die Filter, mit denen wir die Reize in wichtig und unwichtig trennen, bei hochsensiblen Menschen wesentlich feinmaschiger. Aus diesem Grund dringen automatisch mehr Reize ins Bewusstsein.

So kommt es, dass ein Hochsensibler in einem lauten Lokal so viele verschiedene Sinnesreize aufnehmen und verarbeiten muss, dass es ihm extrem schwerfallen kann, einem Gespräch zu folgen, da alle anderen Reize sehr ablenkend wirken.

Doch nicht nur Informationen aus dem Außen werden weniger stark gefiltert, auch innere Reize (Erinnerungen, Vorstellungen, Gedanken, intuitive Verbindungen etc.) werden in einer größeren Fülle bzw. einer höheren gleichzeitigen Anzahl registriert. Das bedeutet, dass feinere Einzelheiten in einem größeren Spektrum wahrgenommen werden, was beispielsweise der Fall sein kann, wenn ein Hochsensibler unausgesprochene Differenzen zwischen Freunden registriert, obwohl diese sich sehr bemühen, sich nichts anmerken zu lassen.

Was genau nun hochsensible Menschen im Einzelfall besonders intensiv wahrnehmen und verarbeiten, variiert ziemlich. So gibt es etwa Hochsensible, bei denen Gerüche ganz besonders stark nuanciert registriert werden, bei anderen liegt der Schwerpunkt mehr auf optischen, akustischen, haptischen oder inneren Reizen.

Die grundlegende Forschungsarbeit zum Konstrukt der Hochsensibilität stammt von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron aus dem Jahr 1997. Aron bezieht sich darin unter anderem auf eine Arbeit von Jerome Kagan, laut der 15 bis 25 Prozent der Menschen auf eine Konfrontation mit Reizen besonders stark reagieren, was an einer subtileren Wahrnehmung und intensiveren Verarbeitung innerer und äußerer Reize liege. Diese Reizoffenheit führt aufgrund der dichteren Überflutung mit Reizen zu einem früheren Zeitpunkt der Überreizung.

Wichtig ist hierbei, dass dies nicht bedeutet, dass weniger Reize ertragen werden, sondern dass die Anzahl der Reize, die registriert werden müssen, bis Übererregung eintritt, bei Hochsensiblen eher erreicht ist.

Elaine Aron prägte infolge den Begriff der »sensory-processing sensitivity« und spricht von »highly sensitive persons« (kurz HSP), auf die dieses Merkmal zutrifft.

Aron zeigte zudem auf, dass Hochsensible nicht automatisch gehemmt oder schüchtern sein müssen, sondern dass diese Merkmale in erster Linie bei jenen hochsensiblen Personen zu finden sind, die in einem ungünstigen elterlichen Umfeld aufgewachsen sind. Hochsensibilität kann also als eine Grundveranlagung gesehen werden, bei der negative Einflüsse in der Kindheit auf einen besonders nährenden Boden fallen. Das führt dazu, dass Schüchternheit, Gehemmtheit, soziale Introversion und negative Emotionalität per se keine Merkmale der Hochsensibilität sind, wenngleich sie bei hochsensiblen Personen unter suboptimalen Umständen begünstigt werden können.

Allerdings registrieren und verarbeiten hochsensible Menschen natürlich nicht nur negative Reize stärker, sondern auch positive Reize, was bedeutet, dass HSP die besten Voraussetzungen dafür haben, täglich viele kleine wunderschöne Dinge zu sehen und zu erleben, die anderen oft verborgen bleiben oder die sie zumindest nicht so nachhaltig berühren.

Das macht die Hochsensibilität zu einer Veranlagung mit Vor- und Nachteilen. In einer immer hektischer werdenden Zeit ist sie ohne Frage eine große Herausforderung. Sie birgt aber auch einen wertvollen Schatz in sich, den es zu entdecken und zu nähren gilt.

1.2 Charakteristika

1.2.1 Allgemeine Charakteristika

Rasche Überstimulation

Das gemeinsame Charakteristikum, das für Hochsensibilität am bezeichnendsten ist, ist die rasche Überstimulation. Da von den vielen Informationen, die ständig auf unser System einprasseln, bei Hochsensiblen weniger Informationen ausgeblendet und dadurch unter die Wahrnehmungsschwelle verschoben werden (können), nehmen sie ständig mehr Reize bewusst wahr als ihre nicht hochsensiblen Mitmenschen.

Diese Flut an Reizen führt dazu, dass das Fass, bei dessen Überlaufen es bei jedem Menschen zur Überreizung kommt, bei Hochsensiblen früher voll ist. Es kommt also zu einer schnelleren Überreizung und Überforderung mit Reizen.

Folgerichtig ist es für Hochsensible besonders wichtig, sich immer wieder in reizärmere Umgebungen zurückziehen zu können, um sich von der Überstimulation wieder zu erholen.

***

2 Enneagramm

2.1 Herkunft des Enneagramms

Sich selbst und seine Mitmenschen besser zu verstehen, ist vielen Menschen ein wichtiges Anliegen. Ein wertvoller Zugang zur Menschendeutung und zu mehr Menschenkenntnis sowie ein Werkzeug zum persönlichen Wachstum ist die Typenlehre des Enneagramms.

Das Enneagramm beschreibt neun Persönlichkeitstypen und hat daher mit anderen Typologien die vergröbernde Reduktion menschlichen Verhaltens auf eine begrenzte Anzahl von Persönlichkeitsmustern gemeinsam. Wie alle anderen Typologien wird auch das Enneagramm immer wieder dafür kritisiert. Allerdings unterscheidet sich das Enneagramm signifikant von den meisten anderen Typologien dahingehend, dass es (abgesehen davon, dass es mit seinen vielen Unterteilungen in Flügeltypen, Instinktvarianten und Entwicklungsstufen letztlich weit mehr als die ursprünglichen 9 Typbeschreibungen gibt) nicht nur eine Landkarte der Seele ist – obwohl das alleine auch schon sehr hilfreich bei der Selbsterkenntnis sein kann –, sondern es auch Wege der Veränderung und Persönlichkeitsreifung aufzeigt und somit als Werkzeug für persönliches Wachstum und Persönlichkeitsentwicklung dienen kann.

Eine weitere Besonderheit des Enneagramms ist, dass die Grundlage der einzelnen Typen nicht primär deren Verhalten, sondern die Motivation für deren Verhalten bildet. Da uns unsere eigene Motivation aber oft gar nicht bewusst ist, bedarf es schon einer umfassenden Beschäftigung mit der Materie, um dem eigenen Enneagrammtyp auf die Spur zu kommen.

Aus diesem Grund werden die Enneagrammtypen hier nicht nur als oberflächliche Verhaltensbeschreibungen, sondern in ihrer Tiefe mit ihren Grundängsten, Grundbedürfnissen und Grundenergien vorgestellt.

Die Wurzeln des Enneagramms (»Neuner-Figur« aus dem Altgriechischen »ennea« = Neun und »gramma« = Geschriebenes) sind unbekannt. Vermutlich stammt es aber aus der östlichen Weisheitstradition und wurde über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende mündlich weitergegeben.

Einigkeit besteht darin, dass der Einfluss der Sufis auf die Entwicklung des Enneagramms groß gewesen sein dürfte. Ebenfalls einig ist man sich, dass es im 20. Jahrhundert im Wesentlichen zwei Autoren waren, die das Enneagramm maßgeblich geprägt und bekannt gemacht haben: George I. Gurdjieff und Oscar Ichazo.

Gesichert ist, dass das Enneagramm vom spirituellen Lehrer George I. Gurdjieff in den 1920er-Jahren in den Westen gebracht wurde. Der Schwerpunkt lag bei Gurdjieff in der Verwendung des Enneagramms als Werkzeug zur persönlichen Weiterentwicklung und Bewusstseinstransformation.

In den 1960er-Jahren wurde schließlich die heute noch weitgehend gelehrte Version des Enneagramms menschlicher Persönlichkeitsmuster durch den Philosophen Oscar Ichazo bekannt gemacht. Ichazo verwendete in seiner Lehre die Neuner-Figur als Grundlage für ein System der Persönlichkeitsentwicklung und verband Elemente der östlichen Weisheitstradition mit jenen westlicher Seelenkunde.

Einer breiteren Öffentlichkeit zugängig gemacht wurde das Enneagramm schließlich in den 1980er-Jahren durch den chilenischen Psychiater und Psychotherapeuten Claudio Naranjo und dessen Schüler. Naranjo bekam das Enneagramm von Oscar Ichazo gelehrt und gab es wiederum an seine Schüler weiter, von denen einige – wie etwa Helen Palmer – zu bekannten Enneagrammlehrern wurden, deren Publikationen große Verbreitung fanden. So wurde das Enneagramm nach und nach sowohl von christlich geprägten Autoren als auch von Vertretern der humanistischen und transpersonalen Psychologie beschrieben und weiter ausgearbeitet. Im deutschsprachigen Raum wurde das Enneagramm schließlich zuerst durch die Jesuiten bekannt, die es zur Exerzitienarbeit nutzten. Das Buch »Das Enneagramm – die neun Gesichter der Seele« von Richard Rohr und Andreas Ebert wurde zu einem Bestseller.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Enneagramm also von verschiedenen Seiten ergänzt und neu interpretiert. Es gibt in der Literatur daher mittlerweile eine breite Herangehensweise an das Thema, die von eher nüchtern gehaltenen über spirituelle Arbeiten bis hin zu psychotherapeutisch gefärbten Werken und von reinen Charakterbeschreibungen bis hin zu Ratgebern zur Persönlichkeitsentwicklung und -transformation reicht. Das Enneagramm ist somit dynamisch und in ständiger Weiterentwicklung.

***

2.2 Einführung in das Enneagramm

2.2.1 Kurzvorstellung der neun Enneagrammtypen

Das Enneagramm beschreibt neun angeborene Persönlichkeitsmuster, von denen jedes die Welt aus einer anderen Perspektive wahrnimmt und anders auf sie reagiert.

Diese neun Persönlichkeitsmuster sind:

Typ EINS: Der kritische Perfektionist

Ihm ist wichtig, stets richtig zu handeln, sich selbst und idealerweise auch die Welt zu verbessern. Er versucht, seinen Zorn zurückzuhalten, ist kritisch mit sich selbst und anderen, hat ein starkes Verantwortungsgefühl und ein Auge für Fehler.

Typ ZWEI: Der verführende Helfer

Er möchte für andere da sein und ihnen helfen, dafür steckt er selbst gerne zurück. Sehr menschenbezogen ist es ihm wichtig, Liebe zu erhalten, und er ist stolz darauf, ein gebender Mensch zu sein und selbst nicht um Hilfe zu bitten.

Typ DREI: Der chamäleonartige Erfolgstyp

Er leistet viel, ist fokussiert und zielorientiert, denn er möchte bewundert werden. Als effizienter Gewinnertyp weiß er, sich ideal zu präsentieren und sein Image gegebenenfalls anzupassen oder etwas aufzupolieren.

Typ VIER: Der sehnsüchtige Ästhet

Er liebt das Besondere und sehnt sich oft neidvoll nach etwas, das andere haben, das ihm selbst aber unerreichbar scheint, da er das Gefühl hat, anders zu sein als andere Menschen. Er legt viel Wert darauf, sich selbst zu erkennen und authentisch auszudrücken.

Typ FÜNF: Der zurückgezogene Beobachter

Er schätzt Wissen, Weisheit und Objektivität und möchte die Welt mit seinem Verstand erfassen. Wenn er nicht aufpasst, analysiert er das Leben, anstatt es zu leben, geht allzu sehr auf Abstand zu anderen Menschen und geizt mit sich und seinen Gefühlen.

Typ SECHS: Der loyale Skeptiker

Er ist ein sicherheitsbedachter und verlässlicher Mensch, der einige Widersprüche in sich birgt und häufig von Zweifeln und Unsicherheit geplagt wird. Der loyale Teamplayer vertraut Menschen erst, wenn er sie besser kennt.

Typ SIEBEN: Der planende Enthusiast

Er ist ein Glückssucher mit jeder Menge Pläne im Kopf. Als optimistischer, lebhafter Mensch, der Negatives gerne von sich fernhalten möchte, ist er gedanklich oft schon bei zukünftigen schönen Erlebnissen und hetzt daher manchmal etwas zu sehr und oberflächlich durch sein Leben.

Typ ACHT: Der dominante Herausforderer

Er ist eine Führungspersönlichkeit, die gerne das Ruder in der Hand hat. Entschlusskräftig, beschützend und dominant beeinflusst er mit seiner Stärke oft andere und verbirgt seine Verletzlichkeit und sein weiches Herz meist unter einem harten Panzer.

Typ NEUN: Der sanfte Friedliebende

Er möchte seine Ruhe haben, scheut direkte Konfrontationen, ist diplomatisch, friedliebend, eher passiv und passt sich oft an. Schnell abgelenkt, kann er stundenlang mit Unwichtigem beschäftigt sein. Zu etwas gedrängt, schaltet er auf stur und lässt andere seinen Unmut indirekt spüren.

***

3 Die neun Typen des Enneagramms

Am Beginn der Beschreibung jedes Typs findet sich eine Liste typischer Merkmale bzw. Statements des jeweiligen Enneagrammmusters. Diese soll eine erste Orientierungshilfe bieten, um sich selbst besser einem der neun Typen zuordnen zu können. Dabei ist es jedoch wichtig zu bedenken, dass solche Listen, genau wie Enneagrammtests, die im Prinzip kaum etwas anderes als ein Abfragen solcher Merkmalslisten sind (weshalb hier darauf verzichtet wird), keine absolute Zuverlässigkeit beim Bestimmen des Typs bieten können. Der Grund hierfür liegt darin, dass unser Enneagrammtyp auf unseren Grundmotivationen bzw. Grundbedürfnissen beruht und nicht auf unseren Eigenschaften, er liegt also mehr im »Warum« als im »Wie«. Da uns unsere Motivationen aber, sofern wir uns nicht schon lange ausführlich mit dieser Thematik beschäftigen, oft nicht bewusst oder bestenfalls schemenhaft bewusst sind, können wir sie nicht gut mittels Listen oder Tests abfragen.

Abgefragt werden können also großteils nur typische, den Grundbedürfnissen meist entsprungene Eigenschaften und Handlungsweisen. Diese bieten zwar einen gewissen Anhaltspunkt, aber eben keine absolute Zuverlässigkeit, da sie bei mehreren Typen teilweise ähnlich aussehen können und sich dann eben nur durch die jeweils dahinterliegenden Grundmotivationen unterscheiden.

Die Statement-Listen am Beginn jedes Typs sind daher ein erster Anhaltspunkt zum Finden des eigenen Typmusters, es ist aber unerlässlich, sich alle Typbeschreibungen komplett durchzulesen und der eigenen Hauptmotivation auf den Grund zu gehen, um dem eigenen Enneagrammtyp auf die Spur zu kommen. Das kann aufgrund der Komplexität dieses Unterfangens durchaus einige Zeit in Anspruch nehmen.

3.1 Typ EINS – Der kritische Perfektionist

3.1.1 Vorstellung von Typ EINS

Typische EINSer-Statements:

  1. Ordnung muss sein.

  1. Ich fühle mich oft schuldig.

  2. Ein kleiner Fehler kann mir alles verderben.

  3. Ich bin kein Freund von Grauzonen, die Dinge sind meist schwarz oder weiß, falsch oder richtig, schlecht oder gut.

  4. Ich habe einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

  5. Unperfektes springt mir sofort ins Auge.

  6. Ich achte auf eine tadellose Umsetzung.

  7. Ich habe jede Menge To-do-Listen im Kopf (oder auf Papier).

  8. Ich mache mir viele Sorgen.

  9. Ich bin diszipliniert und habe eine hohe Arbeitsmoral.

  10. Ich fürchte, verurteilt zu werden, wenn ich etwas falsch mache.

  11. Ich bin selbst mein strengster Richter.

  12. Ich bin sehr idealistisch und würde gerne die Welt verbessern.

  13. Ich habe einen inneren Kritiker, der mich kontrolliert.

  14. Ich habe hohe Ideale und Prinzipien, nach denen ich zu leben trachte.

  15. Mir ist bewusst, dass ich oft einen hohen Preis dafür zahle, perfekt sein zu wollen.

  16. Fehler sind mir ein Gräuel, weshalb ich mich extrem anstrenge, keine zu machen.

  17. Auf meinen Schultern lastet viel Verantwortung.

  18. Es ist wichtig, stets zwischen Recht und Unrecht unterscheiden zu können.

  19. Zu vielen Menschen fehlt heutzutage die Moral.

  20. Ich mag es gerne ordentlich und wenn jedes Ding auf seinem Platz ist.

  21. Ich bin im Grunde ein eher ernster Mensch.

  22. Ich versuche stets, ein besserer Mensch zu werden.

  23. Auf mich kann man sich verlassen.

  24. Ich mache meist mehr als das unbedingt Nötige.

  25. Details sind mir wichtig.

  26. Ich verurteile mich innerlich, wenn ich Fehler mache.

  27. Ich kann nur schwer entspannen, weil immer so viel getan werden muss.

  28. Ich wünschte, man müsste nicht so oft hinter anderen nacharbeiten, damit alles zufriedenstellend erledigt ist.

  29. Es fällt mir schwer zu verzeihen.

  30. Ich bin meistens angespannt.

  31. Ich nehme sehr vieles im Leben sehr ernst.

  32. Ich bin ziemlich oft gereizt.

  33. Ich behalte gerne recht.

  34. Ich bin genau und pünktlich.

  35. Ich entdecke manchmal zwanghafte Züge an mir.

  36. Tadellos zu sein, macht mich liebenswerter.

  37. Es ärgert mich, wenn andere sich zu wenig anstrengen.

  38. Ich kann zuweilen recht starrsinnig sein.

  39. Bei Schwierigkeiten lege ich mich noch mehr ins Zeug.

Stärken: Integrität, Idealismus, Fleiß, Wille, sich zu verbessern, hohes Verantwortungsgefühl, Anspruch an hohe Standards, Eigenständigkeit, Korrektheit, Verpflichtung gegenüber Werten und Idealen, guter Blick für Optimierungsmöglichkeiten, Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Perfektionismus, hohe ethische und moralische Grundsätze, Problemorientiertheit, Ernsthaftigkeit, Präzision, Exaktheit, Vorbildfunktion

Potenzielle Schwächen: Zwanghafter Perfektionismus, Rigidität, Kritiksucht, Besserwisserei, Negativität (nur die Fehler und Schwachstellen wahrnehmen), zu große Ernsthaftigkeit, Verbissenheit, Verkopftheit

Ermunterung, die Typ EINS bräuchte: »Die grundlegende Natur von allem, mich selbst eingeschlossen, ist vollkommen, gut und positiv.«

Stattdessen verinnerlichte Ansicht: »Um nicht verurteilt zu werden, muss ich stets tadellos, verantwortungs- und pflichtbewusst sein und alles richtig machen.«

Reaktion darauf: Sich selbst und die Umwelt ständig verbessern.

Grundbedürfnis, das die EINS damit erfüllen möchte: Recht zu haben, integer, gut und tugendhaft zu sein.

Grundangst: Unvollkommen, schlecht, böse, korrupt, unehrlich und fehlerhaft zu sein, verurteilt zu werden, vom Leben bestraft zu werden, nicht anerkannt zu werden

Der Grundleidenschaft (Zorn) entsprungene Wesenszüge:

Perfektionismus, Tadelsucht, Kritiksucht sowohl gegenüber anderen als auch sich selbst, große Anspruchshaltung, Tendenz zu moralischen Vorwürfen, nach innen gekehrter Ärger, extreme Kontrolliertheit, große Disziplin

Aufmerksamkeits- und Energiefluss: Die Aufmerksamkeit richtet sich automatisch auf »richtig« und »falsch«, speziell auf alles Falsche oder nicht Perfekte, das korrigiert gehört. Dazu zählen auch falsches eigenes Verhalten sowie falsches Verhalten anderer. Selbstkritik und Kritik durch andere sind wichtige Themen. Daher wird viel Energie dafür aufgewendet, alles richtig zu machen, hohen Standards zu genügen, verantwortungsbewusst und verlässlich zu sein. Um das zu erreichen, erlaubt die EINS sich selbst vieles nicht, zensiert sich, ist streng mit sich und verbietet sich Vergnügen.

Was die EINS vermeiden möchte: Typ EINS ist der einzige Typ, der seine Grundleidenschaft, den Zorn, zugleich vermeidet. Dementsprechend groß ist die innere Anspannung, unter der er steht. Des Weiteren vermeidet Typ EINS Fehler, den Verlust von Selbstkontrolle, das Relativieren seiner Prinzipien sowie das Verletzen sozialer Normen.

Was Stress verursacht: Der Fehler anderer beschuldigt zu werden, den inneren Kritiker nicht unter Kontrolle zu bekommen, wegen des eigenen zu großen Verantwortungs- und Pflichtgefühls überlastet zu sein, zu viele Fehler, die zu korrigieren sind, den Groll zu unterdrücken, zu viel Chaos.

Verhalten unter Druck (Hauptabwehrmechanismus): Reaktionskontrolle / Reaktionsbildung, d. h., um Ärger, Wut und Zorn nicht zu zeigen, kontrolliert und zensiert Typ EINS diese Reaktionen und versteckt sie hinter Sachlichkeit und moralisch anerkanntem Handeln. Die Wut wird hier also in ihr Gegenteil verkehrt und das ideale Selbstbild, ein guter, korrekter Mensch zu sein, kann dadurch aufrechterhalten werden. Dies führt allerdings zu großem inneren Druck und letztlich zu noch mehr Zorn.

***

4.2.2 Der hochsensible Typ ZWEI

Typ ZWEI gehört ebenfalls zu der entgegenkommenden Horney’schen Gruppe und liegt daher bei der Wahrscheinlichkeit, hochsensibel zu sein, gemessen an den anderen Enneagrammtypen genau wie die EINS im Mittelfeld. Einige typische Eigenschaften Hochsensibler überlappen sich also mit den typischen Charakteristika der ZWEI. Die rasche Überreizung, Hauptmerkmal der Hochsensiblen, ist für die ZWEI weder auffallend typisch noch untypisch.

Ein typisches Merkmal von Typ ZWEI und zugleich eine Eigenschaft vieler Hochsensibler ist große Empathie. Die ZWEI ist sehr emotional, wobei in ihrem Fokus in erster Linie die Emotionen anderer Menschen und Beziehungen generell liegen. Sie ist im Allgemeinen gefühlsmäßig mehr bei ihrem Gegenüber als bei sich selbst und wendet viel Energie auf, um die (emotionalen) Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zu erkennen und zu erfüllen. Die häufig stark ausgeprägte Empathie Hochsensibler spielt der hochsensiblen ZWEI bei ihrem Wunsch, die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zu befriedigen, sozusagen in die Hände. HSP-ZWEIer können also besonders gut darin sein zu erkennen, was andere für deren Wohlbefinden benötigen.

Auch eine kindliche Freude können sowohl ZWEIer als auch Hochsensible sich häufig bis ins hohe Erwachsenenalter bewahren.

ZWEIer sind meist schon in jungen Jahren kontaktfreudig und gesellig und mehrheitlich sind sie extravertiert. Es gibt zwar durchaus auch introvertierte ZWEIer, diese sind jedoch in der Minderzahl. Bei den Hochsensiblen verhält es sich andersherum, sie sind also mehrheitlich introvertiert. Die selteneren extravertierten Hochsensiblen gehören aber relativ häufig Typ ZWEI an.

Die ZWEI hat verinnerlicht, dass man geben muss, um etwas zurückzubekommen, und in erster Linie, um Liebe zu erhalten. Sie selbst vermeidet Bedürftigkeit, da sie befürchtet, sonst abgelehnt zu werden. Schon als Kind ist sie daher recht früh unabhängig, gefällig, gebend, selbstlos, auffallend bedürfnislos und muss wenig umsorgt werden. Besonders für die hochsensible ZWEI kann das eine bereits sehr früh einsetzende Überforderung und häufige Überstimulation bedeuten, denn sie achtet kaum auf sich selbst, reißt sich eisern zusammen, um für andere da sein zu können, und sieht sich selbst und ihren Körper als etwas an, das zu funktionieren hat, und nicht als etwas, das es auch zu pflegen und zu umsorgen gilt.

Die ZWEI tendiert in diesem Zusammenhang zu einer ähnlichen Problematik wie die EINS, denn auch sie erfüllt schon früh die (potenziellen) Erwartungen anderer. Bei der ZWEI ist der Fokus allerdings anders gelagert, denn sie versucht nicht wie die EINS tadellos und perfekt zu sein, um nicht kritisiert und bestraft zu werden, sondern sie versucht Liebe zu bekommen, indem sie anderen gefällig und selbst bedürfnislos ist.

Besonders hochsensible ZWEIer sind zudem aufgrund ihrer Empathie und ihres Mitgefühls prädestiniert zur Parentisierung, also dazu, als Kind die Rolle mit einem Elternteil zu tauschen und zu einer emotionalen Stütze zu werden, die einem bedürftigen Elternteil hilft, und selbst dafür zurückzustecken.

Schon als Kind ist es der ZWEI wichtiger, andere zu erfreuen, als sich selbst zu erfreuen. Nach und nach verdrängt die ZWEI ihre eigenen Wünsche immer mehr und projiziert sie auch häufig auf andere, sodass sie ihren Freunden genau dann am meisten gibt, wenn sie selbst am meisten benötigen würde. Doch das Geben hinterlässt ein gutes Gefühl bei ihr und wandelt nach und nach ihre eigene Bedürftigkeit in ein Zufriedenheitsgefühl um, das immer dann entsteht, wenn sie Bedürfnisse anderer erkennen und erfüllen kann.

Für die hochsensible ZWEI bedeutet diese Verschiebung des Fokus´, dass sie dazu tendiert, wenig Rücksicht auf sich selbst zu nehmen und auch nicht mehr gut wahrnehmen zu können, was sie tatsächlich benötigen würde, damit es ihr gutgeht. Das Mitgefühl, das sie für andere in hohem Maße aufbringt, fehlt ihr für sich selbst also weitgehend. Der übergroße Einsatz für andere und die Nichtbeachtung der eigenen Bedürfnisse kann bei der ZWEI generell, bei der hochsensiblen ZWEI jedoch noch verstärkt zu Erschöpfungszuständen führen.

Doch die ZWEI kann diesbezüglich kaum aus ihrer Haut, denn sie fürchtet, nicht um ihrer selbst willen geliebt zu werden, sondern nur eine Chance auf Liebe zu erhalten, wenn sie viel gibt. Sie bezieht ihre Daseinsberechtigung aus anderen Menschen, aus ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem Einfühlungsvermögen, ihrer Empathie und ihrem Einsatz für andere und daraus, dafür Liebe, Dankbarkeit und Wertschätzung zu erhalten. Sie kann sich nicht einfach selbst ihrer Liebesquelle berauben, denn als Herztyp ist es für die ZWEI essenziell, Zuneigung und ein Gemochtwerden zu spüren.

So befindet sich die hochsensible ZWEI im Grunde in einem Teufelskreis der Selbstüberforderung und Unterdrückung dessen, was sie selbst und ihr Körper benötigen würden.

Einige Hochsensible haben mit einem nicht besonders gut ausgeprägten Selbstwertgefühl zu kämpfen und auch die ZWEI kann ihren Wert nicht in sich selbst finden. Für HSP-ZWEIer ist diese Thematik daher häufig besonders brisant. Sie tendieren verstärkt zur Co-Abhängigkeit und müssen besonders darauf achten, sich nicht ausnutzen zu lassen. Es ist für sie besonders wichtig, sich selbst anzunehmen und mit sich selbst sorgsam umgehen zu lernen. Sie müssen erkennen, dass das, was sie geben, nämlich Zuneigung, Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Liebe, genau das ist, was sie selbst am dringendsten benötigen. Doch hochsensible ZWEIer müssen nicht nur lernen, sich ihre eigene Bedürftigkeit einzugestehen, sondern sie müssen oft überhaupt erst ein Gefühl für sich selbst und dafür, was sie wann benötigen, entwickeln. Denn nur, wenn sie für sich selbst gut sorgen, sich selbst mögen und sich nicht über ihre Belastbarkeitsgrenzen hinaus um andere kümmern, und nur dann, wenn sie es nicht mehr brauchen, gebraucht zu werden, können sie sich selbst die Wertschätzung entgegenbringen, die sie sich von ihrem Umfeld holen wollten. Die dann erlangte Unabhängigkeit vom Wohlwollen anderer nimmt ihnen enorm viel inneren Druck.

***

5.3 Typ DREI

Die zentrale Lebensaufgabe der DREI ist es, Zugang zu ihren wahren Gefühlen zu finden und sich von dem Gedanken zu befreien, sie sei nur dann wertvoll, wenn sie etwas leistet.

5.3.1 Selbstbeobachtung

Die folgenden Fragen können dabei hilfreich sein:

- Was bedeuten mir Erfolg und Anerkennung?

- Was tue ich alles, um effizient zu sein oder zu erscheinen?

- Inwieweit haben Projekte und meine Arbeit für mich Priorität vor anderen Lebensbereichen?

- Was bedeutet es mir, etwas Bestimmtes auszustrahlen und ein bestimmtes Image zu haben?

- Inwiefern vergleiche ich mich mit anderen?

- Inwiefern schiebe ich vor lauter Aktivität meine Gefühle beiseite?

- Wie wichtig ist es mir, Leistung zu erbringen?

5.3.2 Imaginieren von Veränderungen

Versuche Antworten auf folgende Fragen zu finden:

- Warum ist mein Selbstwert von meinem Erfolg abhängig?

- Was habe ich davon, einem bestimmten Image gerecht zu werden?

- Verhilft Status zu wahrem Lebensglück?

- Ist es tatsächlich notwendig, Erfolg zu haben, um geliebt zu werden?

- Wie würde mein Leben sich ändern, wenn ich daran glauben würde, unabhängig von meinen Erfolgen geliebt zu werden?

5.3.3 Übungen

Die folgenden Übungen können der DREI helfen, ihre verzerrten Denk- und Handlungsmuster aufzubrechen und eine Positiventwicklung in Richtung Integration in Gang zu setzen:

Grundübung: Mache dir bewusst, dass du deine Gefühle oft beiseiteschiebst, weil sie dir lästig sind oder dir für effizientes Handeln hinderlich erscheinen. Drossle bewusst dein Tempo, atme tief durch und versuche immer wieder wahrzunehmen, wie es dir eigentlich geht und was du empfindest.

Gefühlserforschung

Dazu gehört:

- den eigenen Gefühlen bewusst nachzuspüren, um sie besser zu erkennen,

- den Wert der eigenen Gefühle zu erkennen,

- herauszufinden, welche Gefühle man meidet, welche man unterdrückt und welchen Preis man dafür zahlt,

- sich im Erkennen wahrer Werte zu üben,

- erkennen zu lernen, wo andere Dinge als Ersatz für wahre Gefühle herangezogen werden,

- nicht erst auf Zusammenbruch oder Burn-out zu warten, bis man in sich geht.

Übung: Als DREI tendierst du dazu zu handeln, statt zu fühlen. Versuche, deine Gefühle nicht mehr beiseitezuschieben, um effizienter zu sein. Erkenne Gefühle als deine Verbündeten an, denn sie sind wichtige Wegweiser dafür, was wir wirklich im Leben möchten, und nicht lästiges Hindernis auf dem Weg zum Ziel. Mache dir bewusst, dass du nur dann Ziele definieren kannst, deren Erreichen dich wirklich tief befriedigt, wenn du auch deine Gefühle beachtest und befragst.

Übung: Achte auf den Unterschied zwischen deinen tatsächlichen Gefühlen und den Gefühlen, die du zeigst, weil du sie für angemessen hältst.

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Textprobe: Dr.Marianne Skarics

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