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    Leseprobe "Der Lärm der Stille und der Wunsch nach Freiheit"

von Paul Fenzl

Taschenbuch, 251 Seiten, 30 Kapitel, ISBN: 978-3-96050-029-2

Vorwort

›Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.‹

Diese lateinische Weisheit besagt, dass sich die Zeiten ändern und wir uns mit ihnen. Lange dachte ich, das würde wohl nur für geschichtliche Epochen gelten und weniger für eine Einzelperson wie mich oder gar mein subjektives Freiheitsverständnis.

Meine überwiegend im Berchtesgadener Land gemachten Erfahrungen halfen mir erstmals, den abstrakten Begriff ›Freiheit‹ in Abhängigkeit von individuellen Schicksalen zu erkennen. Zu keiner anderen Zeit in meinem Leben drang so eindringlich in mein Bewusstsein vor, dass verschiedene Lebensumstände völlig andere Ausprägungen subjektiv empfundener Freiheit bedingen.

Es dauerte einige Zeit, bis ich begriff, wie sehr sich Jean-Jacques Rousseaus philosophische Auslegung der Freiheit verallgemeinern lässt:

›Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.‹

Lea Fedder

(in Berchtesgaden gestrandetes Nordlicht)

***

Während ein heftiger Wintersturm drunten im Tal den Verkehr auf den Straßen mehr und mehr zum Erliegen brachte, genossen wir in der rustikalen Wohnstube der Almhütte die wohlige Wärme, wie sie nur ein Holzofen abzugeben vermag.

Wenn man dem Wetterbericht Glauben schenken konnte, würden wir vorübergehend von der Welt da draußen abgeschnitten bleiben. Zeit genug, Erinnerungen an längst vergangene Tage aufleben zu lassen.

***

Kapitel 1

Die Fahrt vom hohen Norden durch die gesamte Republik nach Berchtesgaden verlief reibungslos und trotz der be-trächt­lichen Entfernung irgendwie sogar kurzweilig. Abwechslungsreiche Landschaften trugen ihren Teil dazu bei. Meine Gedanken, die sich um die bevorstehenden Urlaubstage drehten, taten das Übrige.

Der kleine Stau am Irschenberg, dem Ziel schon sehr nahe, war mir eher willkommen. Die herrlich klare Luft bot von dort einen traumhaft schönen Blick auf die nahe Alpenkette. Alle höheren Berggipfel waren von einem gleißenden Weiß über­zuckert. Vermutlich hatte es dort oben in den vergang-enen Tagen nach einem kurzen Temperatursturz Neuschnee gegeben. Sommerschnee! Für Bergwanderer ein Albtraum. Für das Auge des Betrachters ein herrliches Naturspektakel. Welch unvergleichliche Erhabenheit verleihen dem Pano-rama doch diese paar Zentimeter kristallinen Wassers.

Die einfache Berghütte mit grandiosem Alpenblick – ich entdeckte sie auf einem beigefügten Loseblatt in einem Spezialkatalog für Hütten im bayerischen Alpenraum – hatte es mir spontan angetan. Als Nordlicht übte sie einen kaum in Worte zu fassenden Reiz auf mich aus. Gebucht hatte ich sie über ein Reisebüro an der Alster. Den Schlüssel dazu sollte ich im Café Forstner in Berchtesgaden abholen.

Das Café war nicht schwer zu finden. Zentral gelegen am Weihnachtsschützenplatz, die Fenster liebevoll mit Geranien geschmückt, besonders auffällig der kleine, runde Erker mit Zinnen, genau so, wie ich es auf einem Bild im Internet gesehen hatte. Da sich das Café mitten in der Fußgängerzone befindet, parkte ich meinen Wagen etwas abseits und ging die letzten Meter zu Fuß.

Seit Stunden hatte ich nichts Vernünftiges mehr gegessen. Umso mehr freute ich mich, hier auch gleich einen herzhaften Mittagstisch angeboten zu bekommen.

»Da wollen Sie heute noch hoch?«, fragte mich die Bedienung. Die Sorge darüber war ihr dabei ins Gesicht geschrieben, fast so deutlich wie der Name ‚Gerdi’ auf dem Schildchen an ihrer Bluse.

Nach dem Essen hatte ich um den Schlüssel gebeten und mich bei der Gelegenheit auch gleich nach dem Weg zur Hütte erkundigt.

»Warum?«, fragte ich etwas naiv. »Was spricht dagegen?«

»Sie sind nicht von hier!«, erhielt ich kommentarlos zur Antwort.

»Hört man das?«, fragte ich und lachte dabei.

»So meinte ich das nicht.« Spontan stieg der Bedienung zarte Röte ins Gesicht.

Steht ihr gut!’, dachte ich mir. Blond, weiße Bluse, rote Schürze und jetzt, mehr als passend dazu, sichtbare Ver­legenheit.

»Wie dann?«, fragte ich. Mir war nicht klar, worauf sie hinaus wollte.

»Heute ist die Hölle los in Berchtesgaden. Da wird sich keiner finden, der Sie mit Ihrem Gepäck hochfährt. Sie können’s höchstens zu Fuß versuchen und sich Ihre Sachen morgen bringen lassen.«

Ich hatte mich schon gewundert, warum der Ort so auffallend geschmückt war, stellte aber darüber keine Vermutungen an. Man nimmt ja oft zunächst etwas als gegeben hin. Das Nachdenken darüber, falls es nicht ganz ausbleibt, folgt erst viel später.

»Hm! Ich glaube, für einen längeren Fußmarsch bin ich nach der langen Fahrt zu müde. Können Sie mir vielleicht eine Unterkunft empfehlen? Muss ja nichts Großartiges sein. Hauptsache, ich habe für die Nacht ein Dach über dem Kopf.«

»Bleiben Sie noch auf einen Kaffee? Geht aufs Haus! Ich telefoniere ein wenig rum. Viel Hoffnung kann ich Ihnen leider nicht machen. An einem Tag wie heute, da ist meistens die letzte Besenkammer besetzt!«

»Oh je! Daran hatte ich nicht gedacht, als ich die Hütte exakt ab heute buchte!«

»Ist mir schon klar! Wie sollten Sie auch? Wer hat in Hamburg schon eine Ahnung davon, was wir hier in Berchtesgaden gerade feiern?«, lachte die Bedienung. »Ich werde mein Bestes tun. Der Kaffee kommt gleich!«

Wenn ich das geahnt hätte! Womöglich musste ich mich nun noch einmal in mein Auto setzen und irgendwo außerhalb Berchtesgadens mein Glück versuchen. Kein schöner Start in den ersten Urlaub seit vielen Monaten!

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche, aber ich habe soeben ungewollt Ihrer Unterhaltung mit der Gerdi zugehört. Wenn sich nichts findet, können Sie gerne bei mir übernachten!«

Wo bin ich denn hier hingeraten?’, dachte ich und starrte den Mann offensichtlich wie einen Außerirdischen an.

»Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich werde nicht da sein. Ich muss noch heute nach München und komme frühestens morgen wieder zurück.«

»Machen Sie das öfter, fremde Frauen ansprechen und denen Ihre Wohnung anbieten?«, wollte ich wissen. Die Verärgerung darüber schwang deutlich in meiner Stimme mit.

»Diese Frage hätte ich an Ihrer Stelle vermutlich auch gestellt.«

»Dann werden Sie sich auch vorgestellt haben, was ich von so einem Angebot halte?«

Mein Gesicht musste sehr abweisend und zornig gewirkt haben. Dennoch lachte der Mann hell auf und meinte: »Natürlich! Aber Sie werden es sicher annehmen!«

Wie konnte der Typ nur so unverschämt sein? Am liebsten wäre ich aufgestanden, hätte ihm eine Ohrfeige verpasst und wortlos das Café verlassen. Vermutlich wäre es sogar so gekommen. Die Cholerikerin in mir hatte mich schon einmal so reagieren lassen. War zwar eine Ewigkeit her, aber die Umstände dafür waren durchaus vergleichbar.

»Sieht leider nicht gut aus!«, sagte die Bedienung mit bedauerndem Kopfschütteln. Sie kam gerade in dem Moment mit einem Kaffee auf ihrem Tablett an meinen Tisch, als ich im Begriff war, aufzustehen. »Die Chefin meint, da brauche ich erst gar nicht zum Telefon zu greifen!«

»Sehen Sie!«, ergänzte der Fremde.

»Sehen Sie!«, äffte ich ihn nach.

Gerdis Augen wanderten belustigt zwischen mir und dem ihr offensichtlich nicht unbekannten Mann hin und her.

»Geh‘, Hias, du wirst auch nicht g‘scheiter!«, schalt sie den Mann.

»Matthias Bauer«, stellte sich der Fremde vor. »Hier nennen sie mich allerdings alle Hias!«

»Der Hias ist Künstler, müssen Sie wissen. Zumindest wäre er gerne einer«, ergänzte die Gerdi. »Und nicht ganz richtig im Kopf!« Dabei machte sie mit der Hand eine rotierende Bewegung vor ihrer Stirn.

»Na, na, na! Jetzt werd‘ aber nicht frech!«, lachte Herr Bauer. »Was soll die Dame nur von mir denken?«, und zwinkerte dabei schelmisch mit einem Auge.

Meine Verärgerung ebbte bei diesem Wortgeplänkel ab. Zum ersten Mal sah ich mir meinen Kontrahenten genauer an, immer noch misstrauisch, aber gleichzeitig auch spontan etwas interessiert.

»Die Dame wundert sich vor allem, von einem wildfremden Mann angesprochen und zum Übernachten in seine Wohnung eingeladen zu werden!« Meine Stimme hatte dabei deutlich an Aggressivität eingebüßt. Das wurde mir beim Reden selbst bewusst. Ihm vermutlich nicht weniger. Darum bereute ich es auch schon wieder und fügte betont energisch hinzu: »Was ich natürlich ablehne!«

»Versteh‘ Sie schon! Auch wenn der Hias es nur gut meint. Ich glaube, wenn mir in Hamburg jemand so ein Angebot machen würde, ich würd‘ dem Typ eine schmieren und auf und davon laufen.«

Die Ausdrucksweise der Bedienung war mir nicht geläufig, aber ich verstand dennoch genau, was sie meinte.

Herr Bauer zuckte nur mit seinen Achseln, legte einen Schein auf den Tisch, mit dem er seine Zeche beglich, erhob sich und meinte noch, bevor er sich umdrehte und ging: »Vielleicht ein andermal!«

+++ +++ +++

Textprobe: Paul Fenzl

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