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    Leseprobe "Die verbotene Macht", Band 2 der Vitágua-Trilogie

von Marie L. Vitágua

Taschenbuch, 581 Seiten, ISBN: 978-3-945509-72-2

Inhaltsverzeichnis

Die Suche
Lichtwesen
Alles schwingt
Grenzgänger
Wahre und falsche Engel
Widerstandslosigkeit
Das verschwundene Volk
Tief gefallen
Die Sehnsucht
Die verbotene Macht

 

Die Suche

Schlagartig stellte ich mir vor, von Polizisten umringt zu sein. Alle wollten wissen, was wir mitten in der Nacht auf dem Friedhof zu suchen gehabt hatten. Was uns eingefallen war, das Grab geöffnet zu haben. Uns wurde nicht nur Grabräuberei vorgeworfen, sondern im weiteren Verlauf des Verhörs ein Mord angehängt. Undenkbar! Hier stand ich nachts auf einem einsamen Friedhof mitten im nirgendwo und überdachte die Konsequenzen unseres Handelns. Auf der Suche nach Nainas Erbe hatten Roger und ich ihr Vermächtnis gesucht, welches sich in ihrem leeren Grab befinden sollte. Ich glaubte, es gefunden zu haben, und wir öffneten das Grab. Doch was wir fanden, entzog uns den Boden des sicheren und fest gefügten Fundamentes einer glaubwürdigen Realität. Das passte nicht! Da war etwas falsch! Mit so etwas hatten wir nie gerechnet. Ich blinzelte. Zwang mein Bewusstsein in das Jetzt, die Bilder meiner Fantasie zurück und meinen Blick weg von der Leiche im Sarg.

Mehrfach atmete ich tief durch und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen, um vernünftig und überlegt reagieren zu können. Warum war überhaupt ein Sarg in diesem Grab gewesen, welches doch hätte leer sein sollen? Warum lag eine männliche, halb verweste Leiche darin? War es ein schwerer Fehler gewesen, dieses Grab und den Sarg zu öffnen? Ich sah zu Roger hinüber. Der stand zur Salzsäule erstarrt neben mir. Ich stupste Roger an der Schulter. Er schaute unbeirrt auf die Leiche in dem Sarg, die mit einem orangefarbenen Gefängnisoverall völlig deplatziert anmutete. Auf dem Revers stand Lukas L. Ardegno. Doch schien dieser Mann viel zu jung und die Kleidung zu modern. Das konnte wohl kaum der Ex von Diamarys sein. Wir hatten geglaubt, das Rätsel im ersten Buch gelöst zu haben. Doch nun das! Ich bückte mich, selber erstaunt von meiner Unerschrockenheit und hob mit spitzen Fingern die kleine Mappe an, die mitten auf der Brust des Toten lag. Zu neugierig, was wohl beim Aufschlagen der Lasche zutage käme, hob ich sie hoch und schüttelte dabei den Staub ab. In der Dunkelheit konnte ich nicht genau erkennen, welcher Art die flache, taschenartige Mappe war, doch sie schien völlig unversehrt. Von der Straße her kam nur wenig Licht bis zu diesem hinteren Teil des Friedhofs. Ich steckte die Tasche vorsichtig in die Umhängetasche von Roger. Dann gab ich Roger einen weiteren Stoß. Ich machte ihn darauf aufmerksam, was ich getan hatte. Doch Roger starrte weiterhin auf den Mann hinunter, der nicht nur ein Loch im Kopf, sondern auch einen Dolch im Herzen stecken hatte. Weitere Zeichen einer Hinrichtung blendete ich bewusst aus und schüttelte Roger energisch an der Schulter. Bestimmt und eindringlich sagte ich: „Wir müssen hier sofort weg.“ In mich kam jetzt Bewegung. Der Schrecken ging in kontrollierte Eile über. Meine Angst war blitzartig verschwunden und mein Blickfeld erweiterte sich.

Ich gab dem Stein an der Kopfseite des Grabes intuitiv einen kräftigen Fußtritt. Er fiel um, als hätte er nur darauf gewartet. ‚Nimm es‘, flüsterte ein Gedanke. ‚Hatte ich dir doch gleich gesagt‘, belehrend ein anderer. Ich nahm die Stahlkassette, die unter dem Grabstein lag, an mich und ging damit schnell und bestimmt zum Auto. Dort legte ich sie in eine leere Plastiktüte und diese in meine Umhängetasche. Dann lief ich zurück. Roger stand immer noch untätig da. „Los!“ Ich griff mit beiden Händen nach dem Stein und richtete ihn wieder auf. Dann nahm ich den Spaten und sagte: „Mach mit!“ Roger glotzte mich begriffsstutzig an. „Mach den Sarg zu und schaufele die Erde wieder drauf“, raunte ich eindringlich und befehlsgewohnt. Roger bewegte sich wie ein Automat in den jemand eine Münze gesteckt hatte. Wir schütteten das Grab wieder zu. Ich versuchte, es so gut wie möglich in den Originalzustand zu bringen. Es lag so weit hinten auf diesem einsamen Friedhof, mitten im nirgendwo von Tezia, dass unser ‚Besuch‘, wenn überhaupt, dann erst Tage später entdeckt werden konnte. Es war trocken genug, dass keine Reifenspuren bleiben würden. Die Luft roch nach nahendem Regen. Ich vergewisserte mich, dass auch keine sonstigen Spuren auf unsere Anwesenheit hinwiesen.

Es dauerte nach meinem Geschmack viel zu lange, da Roger sich bei der Arbeit die Hände aufgeschnitten hatte und blutete. Roger stand völlig neben sich und war nur noch durch klare Befehle zu einer Handlung zu bewegen. Also übernahm ich die Regie und bat ihn um die Autoschlüssel. Dann wies ich ihn an, auf der Beifahrerseite einzusteigen und die Wagentür zu schließen. Noch einmal schaute ich mich prüfend um. Ich stieg ebenfalls in das Auto und holte das Navi aus dem Handschuhfach. Ich gab die Adresse von Madame Lavie in das Gerät ein. Diese hatte uns eingeladen. Dorthin waren wir unterwegs gewesen, bevor wir auf den Friedhof stießen. Ich fuhr los. Schnell weg von hier.

***

Agnesse schlug vor Schreck die Augen auf. Sie hatte geträumt, gestorben zu sein. In diesem merkwürdigen Traum war sie in gutem Glauben eine Medizin bei einer Heilerin abzuholen, von Ihrem Ehemann selber in die Hütte einer Hexe geschickt worden. Diese hatte ihr etwas zu trinken gegeben, wovon sie grausame Magenkrämpfe bekommen hatte. Sie hatte kaum mehr stehen können und sich mit letzter Kraft am Stuhl festgehalten. Sie glaubte zu ersticken und hatte das panische Gefühl gehabt, dringend an die frische Luft gehen zu müssen. Die Hände der angeblichen Heilerin wegschiebend und ihr Rufen überhörend, war sie herausgelaufen, nur raus aus diesem Haus und möglichst weit weg von der Bedrohung, die sie fühlte. Doch ihr Blick war verschwommen gewesen und alles hatte sich zu drehen begonnen. Ohne Orientierung war sie nicht in Richtung Straße, sondern in den Wald gelaufen, der hinter der Hütte begann. Irgendwann war sie einfach umgefallen. Und dann hatte sie nicht mehr atmen können und alles war schwarz geworden. Einige krampfhafte Zuckungen und danach nichts mehr. Doch dann hatte sie den Engel gesehen! Ein großes, weiß leuchtendes Wesen, ohne Flügel.

Agnesse versuchte, sich aufzurichten. Wieder überkam sie Schwindel und sie hatte einen üblen Geschmack im Mund. Sie atmete tief durch – die schöne, frische Waldluft tat gut. Waldluft? Jetzt wurde sie wacher und riss die Augen ganz auf. Oh nein, sie befand sich wirklich in einem Wald, ringsum nur Bäume, Moos und Gräser. Was war das für ein Traum gewesen? Wo war sie? Agnesse rappelte sich mühsam hoch.

„Willkommen zurück im Leben“, sagte die Stimme. Agnesse setzte sich erschrocken wieder hin und blickte sich entsetzt um: „Wer da?“, rief sie. „Zeig‘ dich.“ Die Stimme lachte hell und klar: „Du würdest mich nicht einmal erkennen, wenn du in den Spiegel blicktest. Ich bin ich und ebenso Teil deines Selbst. Denn wir sind eins, sowohl vom Seelenaspekt her als auch verwandt auf weltlicher Ebene. Die Quelle der universellen Liebe hat dich nicht aus dem Leben gehen und uns einander finden lassen“, erklang die faszinierend schöne Stimme. ‚Oh nein!‘, dachte Agnesse und duckte sich. ‚Die Hexe hat mir einen Dämon geschickt.‘ Agnesse sprach auffordernd: „Hinfort mit dir. Weiche!“ Deutlich energischer aber immer noch mit sehr wackeligen Beinen stand sie auf, klopfte sich die Kleider ab und blickte sich um. Irgendwie musste sie doch wieder nach Hause finden und Hilfe bekommen. Wartete nicht ihr Ehemann auf sie? Irgendwo musste doch die Straße sein. „Nun, das wird nichts, liebe Agnesse.“ Die Stimme lachte schon eine ganze Weile vergnügt und liebevoll. „Die Dämonen mögen dich nicht, sonst wärest du schon lange tot. Uns verbindet die Quelle. Und da die Urquelle allen Seins, das Leben selber und reine All-Liebe ist, ist diese Verbindung für die Ewigkeit. Du hast es hier mit etwas zu tun, was du dir heimlich schon immer gewünscht hast und weit schöner ausfällt, als du es dir zu erträumen vermagst; wenn du es denn willst, dieses Geschenk.“

„Was redest du da. Ich sagte hinfort und still jetzt! Ich muss die Straße finden“, sagte Agnesse. „Die liegt zu deiner Rechten“, sagte die Stimme. Agnesse ging nach links. Wenig später erreichte sie die Straße. „Wusste ich es doch“, ärgerte sie sich laut. „Da will mich jemand in die Irre führen.“ Liebevoll flüsterte es durch ihr linkes Ohr: „Oder die Quelle möchte, dass du einen anderen Weg einschlägst.“ Agnesse wollte gerade etwas erwidern, als sie die Kutsche am Wegesrand erblickte. Die kannte sie. Das war die Kutsche ihres Gemahls.

„Geh nicht dorthin“, bat die Stimme, „auf der anderen Seite steht der Dreispänner deiner Freundin, die dir helfen möchte.“ Unwirsch schüttelte Agnesse ihren Kopf: „Rede keinen Unsinn. Das ist mein Mann. Willst du etwas gegen meinen Ehemann vorbringen? Er hat mich hierhergebracht und will mich nun abholen“, meinte sie. „Er will wohl eher die zweite Zahlung leisten“, merkte die Stimme ruhig an. „Welche zweite Zahlung?“, fragte Agnesse. „Die Heilerin wurde nur einmal konsultiert und wurde dafür auch nur einmal entlohnt. Wofür eine zweite Zahlung?“ Die Stimme sagte: „Für deinen Tod wahrscheinlich.“ Agnesse erwiderte heftig: „Also jetzt ist es genug. Was soll der Unfug – lass mich in Frieden – ich lebe schließlich.“ Sie sah an sich hinunter. „Ja“, flüsterte die Stimme, „aber nur, weil die Quelle unsere Wege verband. Geh den anderen Weg, Liebes.“

Doch Agnesse war schon zu der Kutsche ihres Ehemannes geeilt. „Wie geht es Dir“, fragte Tomasino von Gant, der sich soeben herausbeugte und besorgt aussah. „Nun, ich… .äh, ich weiß nicht so recht.“ Agnesse fühlte sich verwirrt. Tomasino öffnete den Schlag und half Agnesse in den Wagen. Er sah sehr nachdenklich drein. Auf der Fahrt nach Hause redete er ohne Unterlass von seinem gelungenen Verkauf eines giftigen Gases. Und wie er dahinter gekommen war, was die Käufer damit gemacht hatten. Sie hatten drei Völker vergast. Böse Geister nannte er sie. Agnesse aber wusste, dass es liebevolle Licht-, Luft- und Ätherwesen gewesen waren. Agnesse hatte sie gesehen und lange beobachtet. Seit Tagen schon redete Tomasino stolz von der gelungenen Vernichtung. Agnesse wurde wieder übel. Sie presste beide Augen zusammen und machte sich innerlich kleiner, um nicht zuhören zu müssen. Zu Hause angekommen, brachte Tomasino Agnesse sofort zu Bett und Agnesse war erleichtert. Er verschwand mit dem Hinweis, ihre Medizin zu holen aus dem Raum.

Kurz darauf betrat die Dienerin, ohne anzuklopfen, das Zimmer und stellte Agnesse grußlos das Glas mit ihrer Medizin neben das Bett. Danach ging sie ebenso schnell hinaus. „Nimm sie nicht!“ Der Impuls war so stark, dass Agnesse fast der Atem stockte. Das Gefühl kam von innen, durch sie hindurch und hatte eine Dringlichkeit, die direkt an das Herz ging. Der Druck presste sie förmlich in die Kissen. „Was?“, stotterte sie und setzte sich wieder aufrechter hin. „Die Medizin, nimm sie nicht. Sie ist nicht gut für dich“, sagte die Stimme sachlich. „Ach du schon wieder“, seufzte Agnesse. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen.“ Doch Agnesse war zu müde, um ernsthaft wütend zu sein. „Geht nicht“, lachte die Stimme, „ich bin jetzt deine Freundin. Erinnere dich: Ich bin jetzt mit dir durch die Quelle verbunden.“ Beiläufig fügte die sanfte Stimme hinzu: „Also wirklich, das solltest du nicht trinken. Das ist giftig für Menschen. Wie lange trinkst du das schon?“ Agnesse erwiderte müde: „Das ist meine Medizin. Die ist für mich zur Beruhigung, ich bin immer so nervös“, ergänzte sie. „Sicher“, meinte die Stimme trocken. „Einer der Inhaltsstoffe ist ein Pilz. Er führt zu Erkrankungen und oft zum Tod. Und zu Wahnvorstellungen. Es ist auch ein Stoff enthalten, welcher süchtig macht. Tu mir diesen Gefallen, bitte, trinke es einmal nicht!“

Agnesse hörte nicht mehr zu. Sie war schon eingeschlafen. „Du musst noch die Medizin wegschütten“, erklang es an ihrem Ohr. Agnesses Arm langte zum Glas. Sie schüttete den Inhalt in den Nachttopf, der neben dem Bett stand. Danach schlief sie tief und fest.

***

Es wurde schon langsam hell, als wir das Haus von Madame Lavie erreichten. Sie empfing uns herzlich. Meine Hochachtung für diese Frau stieg. Sie fragte Roger und mich weder, woher wir zu dieser Stunde kamen, noch warum unsere Kleidung so dreckig war. Sie zeigte uns völlig ohne Sorge um ihre gepflegten Fliesen, wo wir die Schuhe abstreifen konnten. Danach wies sie auf das Gästebad, wo ich Hände und Gesicht notdürftig säuberte. Roger kam allem nach. „Ich werde uns Frühstück machen“, sagte sie und fügte an: „Im Obergeschoss sind eure Zimmer. Ich helfe euch, das Gepäck hochzubringen. Wenn ihr euch ausschlafen wollt, tut das. Wer mit mir frühstücken möchte, komme wieder hinunter. Immer dem Geruch nach frischen Croissants und starkem Café hinterher.“ Sie lachte. Ich bemerkte einmal wieder, dass diese Frau immerzu fröhlich war.

Als ich mein Zimmer betrat, welches sich am Ende des Flurs befand, war ich beeindruckt. Auf den ersten Blick fühlte ich mich wohl. Alles war so ordentlich und dabei so heimelig angeordnet, sichtbar in aufmerksamer Liebe dekoriert. Die Sonne schickte ihre frühen Strahlen durch ein sauberes Fenster. Das Zimmer hatte sogar ein eigenes Bad, es duftete nach Rosen. „Ich komme gleich hinunter“, sagte ich und freute mich bereits auf die Dusche und danach auf einen schönen, heißen Petit Café und Buttercroissants.

Als ich fertig war, ging ich an der Tür von Rogers Zimmer vorbei und überlegte, ob ich anklopfen sollte. Ich hörte Geräusche. Er war also im Zimmer. Da ich Roger weder stören noch weiter drängeln oder seine Gouvernante spielen wollte, ging ich an seinem Zimmer vorüber und die Treppe hinunter. Es war ein Leichtes, die Küche zu finden. Geräumig und in warmen Farben ging sie direkt in ein gemütliches Wohnzimmer über. Kuschelige Sofas waren dort um einen Kamin gruppiert. Auf dem großen Couchtisch dazwischen, stapelten sich Dokumente. Wie magisch zogen diese Dokumente meinen Blick immer wieder auf sich.

Meine Aufmerksamkeit hatte Francoise Lavie direkt aufgefangen und ihr Lächeln verstärkte sich wieder. „Ich habe dort vieles, was du sehen willst“, sagte sie. „Doch hier ist erst einmal dein Café.“ Dankend nahm ich die große Tasse lecker duftenden Gebräus entgegen und schnupperte genießerisch daran. Meine Beine wollten nicht stehenbleiben, alles drängte zu dem Tisch im Wohnzimmer hinüber. Francoise Lavie kam mir nach. Ebenfalls mit einer Tasse Café in beiden Händen.

„Das sind alles weitere Dokumente von Alyssia Lavie“, bestätigte sie meine Neugier und fragte dann: „Hat dir das Tagebuch gefallen?“ Ich überlegte. Letztes Jahr hatte Madame Lavie mir das Tagebuch von Alyssia von Berberach zu Hohentor überlassen, die später ihren Namen in Alyssia Lavie wechselte und auf die Insel Issy auswanderte. Ich hatte es mehr als nur gelesen. Ich hatte es nachgefühlt. Daher antwortete ich wahrheitsgemäß: „Gefallen ist nicht der richtige Ausdruck. Ich hatte stellenweise den Eindruck, die Texte seien für mich geschrieben. So vieles konnte ich nachempfinden. Oft fühlte ich sie. In der Zeit, als ich sie las, war ich tageweise fast so hellsichtig wie Alyssia. Das erschreckte mich doch ziemlich. Denn es ist doch eher hinderlich, wenn man sich permanent nach etwas umdreht, was nicht da zu sein scheint. Oder sich fürchtet, weil etwas irgendwo plötzlich auftaucht, was dann gar nicht zu sehen ist. Wenn man sich in der City so unwohl fühlt, dass man flüchten möchte. Wenn man sich nach dem Einkaufen völlig ausgelaugt fühlt oder schier krank. Oder wenn einem Informationen ungewollt und scheinbar ungefragt zufließen. Es war eine sehr anstrengende Zeit. Und es war gut, dass ich in dieser Zeit so viel schlafen konnte, wie ich wollte. Die Texte haben mich im Innersten aufgerüttelt, kann man sagen. Danach fühlte ich mich jedoch deutlich mittiger. Später bemerkte ich sogar, nicht nur ausgeglichener, sondern irgendwie gewachsen zu sein.“ Nachdenklich blickte ich nach links unten.

Francoise Lavie schaute mich durchdringend an, so als würde sie etwas sehen, was ich nicht sah und sagte dann: „Ich habe hier die weiteren Schriften von ihr. Alyssia suchte zeitlebens nach einer Stahlkassette, weißt du, wo die ist?“ Mir fiel fast die Tasse aus der Hand. Heftig verschluckte ich mich, hustete und meine Augen fingen zu tränen an. Dann rollten sie, die Tränen. Es war keine Trauer, ich fühlte Liebe. Irritiert und hastig wandte ich mich ab, murmelte ein: „Bin gleich wieder da“ und ging, obwohl ich rennen wollte, aus dem Raum, hoch in mein Zimmer. Dort stand ich erst einmal und wusste nicht, ob ich mich ausschimpfen sollte, weil solche Reaktionen, wie ich sie zeigte, ja wohl nicht normal waren. Oder ob ich lieber der Energie folgen sollte, die in meinem Innern bemerkte: ‚Du bist in diesem Moment genau in deiner Entsprechung. Folge diesem Glücksgefühl.‘ Nun gut. Schimpf und Schande oder Glück? Ich entschied mich für Letzteres. Schnell ging ich zu meiner Tasche und holte die Stahlkassette heraus, die ich unter Nainas Grabstein entdeckt hatte. Als ich schon wieder an der Tür war, ging ich aus einem Impuls heraus wieder zurück und suchte in meinen Taschen den Schlüssel, den mir der Friedhofswärter gegeben hatte. Beides trug ich vorsichtig wieder hinunter. So zufrieden, als ob ich ein Rätsel gelöst und einen Schatz geborgen hätte.

„Am Ende ihres Tagebuches“, sagte ich unten angekommen zu Francoise Lavie „schrieb Naina, dass nicht sie, sondern weitere Dokumente in ihrem Grab seien. Das machte mich unendlich neugierig und ich beschloss, auf der Reise hierher einmal zu schauen, ob ich das Grab finden könnte. Es befand sich dann mitten im nirgendwo in der Nähe von Codiesse de Fenuje auf einem einsamen Friedhof. Als ich den Friedhof betrat, begegnet uns ein sehr merkwürdiger Friedhofswächter oder -gärtner, der mich schier zu verfolgen schien oder so, als habe er auf mich gewartet, um mir etwas mitzuteilen. Er zwang mir förmlich diesen Schlüssel hier auf und sagte immer wieder ‚Agnes‘ oder so etwas. Richtig verstand ich ihn nicht.“ Ich räusperte mich, als ich jetzt latent beschämt weitererzählte, das Grab später zusammen mit Roger geöffnet zu haben. Darin hatten wir zu unserem Entsetzen jedoch nicht den erwarteten Schatz, sondern die Leiche von Lukas L. Ardegno entdeckt. Der war den Dokumenten von Diamarys Aliseii zufolge ihr Ehemann gewesen. Doch wie kam dieser Mann, der sie wahrscheinlich sogar umgebracht hatte, in Nainas Grab? Und wenn Diamarys ungefähr 1920 gelebt hatte, wie wir vermuteten, dann war da auch noch das Rätsel um die Zeitspanne. Wie lange hielt sich ein Leichnam oder Kleidung? Ich wusste es nicht.

Da ich das Gesuchte nicht gefunden hatte, dachte ich, es könne nur an einer anderen Stelle sein und kippte den Stein am Kopfende des Grabes um. Dort fand ich die Stahlkassette. Schlagartig hatte ich das Gefühl gehabt, sofort dort wegzumüssen. Ich versuchte, alles ungeschehen zu machen, und wir flüchteten förmlich vom Tatort. „Im Nachhinein habe ich überhaupt keine Erklärung dafür, was uns da geritten hat“, schloss ich. „Wie fühlt es sich denn an?“, fragte Francoise. „So als habe uns die Vergangenheit eingeholt, auf dass wir sie erlösen und ein altes Rätsel lösen, welches sich offenbaren will.“ Ich lächelte gequält und ergänzte: „Etwas fremdbestimmt. Wie die ausführenden Spieler, die keine Ahnung davon haben, was das für ein Spiel ist.“

So, als wolle sie mich aufmuntern, schob Francoise mir ein duftendes Croissant unter die Nase. Ich musste unwillkürlich lächeln und wurde mir wieder bewusst, in Francoise Lavies schönem Wohnzimmer zu sitzen. Von Roger keine Spur. Vermutlich war der eingeschlafen. Ich atmete tief durch und tunkte ein Stück des Croissants in den Café, bevor ich es mir in den Mund schob. Die Lebensart der Tezianer gefiel mir sehr.

„Dann wollen wir mal schauen, ob wir mit dem Rätsel einen Schritt weiter kommen“, sagte Francoise und nahm den Schlüssel. „Darf ich?“, fragte sie und wies auf die Stahlkassette. „Sicher“, sagte ich und lehnte mich gespannt vor.

„Nicht Agnes“, sagte Francoise, als sie die Kassette geöffnet hatte und vorsichtig die alten Schriften herausnahm, „Agnesse de Fenouilla.“ Francoises‘ Hand deutete auf das Fenster. „Die Urahnin einer Adelsfamilie eines nahegelegenen Landstriches“, ergänzte sie. „Na und“, sagte ich und zog die Augenbrauen zusammen „was hat das mit Naina zu tun? Warum lagen diese Schriften unter dem Grabstein von Naina?“ Francoise zuckte mit den Schultern: „Weil es nicht das Grab von Naina war, vermute ich, sondern das von Agnesse.“ Eine heftige Enttäuschung überkam mich. Doch gleichzeitig fragte ich mich, warum ich dann dieses Grab so unbedingt finden sollte. So zielstrebig, wie ich es gefunden hatte, konnte das einfach kein Zufall gewesen sein. Francoise las das erste Kapitel. Derweil vertilgte ich ein zweites Croissant. Als Francoise das Dokument wieder auf den Tisch legte, sagte sie langsam: „Wenn ich die Handschriften vergleiche, ist diese hier der von Naina extrem ähnlich.“ Ich runzelte die Stirn. Francoise blätterte vorsichtig weiter und sagte dann: „Ich finde keinen Namen aber der Stil ist unverwechselbar. Es mutet fast wie ein Dialog zwischen Agnesse und Naina an. Es sind noch weitere Dialoge darin, doch es wird etwas dauern, bis ich die entziffert habe…“.

So langsam bekam ich Kopfschmerzen, so als weigerte sich mein Verstand etwas wichtiges zu begreifen. „Wie bitte?“, fragte ich. „Diese Frau ist Naina persönlich begegnet? Was für ein Glückskind“, ergänzte ich. Francoise schüttelte den Kopf und wies auf das Ende des Dialoges. „Diese Glückskind ist nur leider mitten im tiefsten Mittelalter auf grausame Weise umgekommen“, sagte sie. „Puh“, machte ich angewidert und sagte dann: „Also wenn du magst, kannst du gerne vorlesen. Ich bin nur zu gespannt, ob es wirklich Naina ist, die sich neben Agnesse befand.“ Jetzt endlich erlaubte ich dem Gedanken, der die ganze Zeit gebohrt hatte, sich zu offenbaren: Wenn diese Geschichte im Mittelalter spielte… wie alt war Naina eigentlich geworden?

+++ +++ +++

Textprobe: Marie L. Vitágua

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