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    Leseprobe "Manchmal ist das Leben echt zum Kotzen -

Wie ich meine Essstörung besiegte"

von Nina Federlein

Taschenbuch, 260 Seiten, ISBN: 978-3-945509-10-4

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: „Ach ja, ich hab Magersucht“
Teil 2: Klinikaufenthalt
Teil 3: Zu Hause und gesund?
Teil 4: Wieder in der Klinik
Teil 5: Das Leben geht weiter
Teil 6: Mein neues Leben beginnt

Vorwort

Wenn mir nur damals jemand gesagt hätte, alles wird gut, du wirst deinen Platz in dieser Welt finden! Ich glaube, vieles wäre einfacher gewesen. Aber da war niemand, der mir das mit Gewissheit hätte sagen können, wie denn auch!

Heute bin ich glücklich verheiratet und mein Mann sagt und zeigt mir allein mit seiner Gegenwart jeden Tag wieder: Alles ist gut, alles bleibt gut! Dafür liebe ich ihn!

Meine zwei wunderbaren Jungs sind für mich mein lebender Beweis, dass sich der Kampf gelohnt hat, dass mein Leben einen Sinn hat, und dass jeder Tag für sich lebenswert ist.

Mit diesem Buch möchte ich Betroffenen und Angehörigen von Betroffenen Mut machen und zeigen: Es lohnt sich, es gibt ein Leben danach und es ist wunderschön!

Jeder Essgestörte hat seine eigene Geschichte.

Dies hier ist meine:

Teil 1: „Ach ja, ich hab Magersucht“

Wie viele andere war auch ich lange Zeit auf der Suche nach dem Grund oder dem Auslöser für meine Erkrankung. Beim täglichen „Kampf ums Überleben“ war die Ursache allerdings nicht wichtig. Aber im Rückblick auf die Jahre mit der Essstörung gibt es für mich dieses eine Erlebnis, das ich als den Beginn meiner Krankheit empfinde:

Heute ist Montag, also steht kein Reiten an, weil da Ruhetag im Stall ist, aber das macht nichts. Mausi - mein Pony - muss eh noch stehenbleiben, sie hatte vor drei Tagen eine ganz schlimme Kolik und heute kommt der Tierarzt, um sie sich noch einmal anzuschauen.

Hoffentlich kann ich dann bald wieder auf ihr reiten!

Im Stall ist es ruhig, wie immer montags, keine Reitschüler und um die Zeit am Nachmittag arbeiten die meisten Erwachsenen noch, also bin ich, außer dem Pferdepfleger, allein.

Der Tierarzt ist noch nicht da, ich geh mit Mausi erst mal raus zum Putzen und Striegeln - ich genieße das! Da erzähl ich ihr, was in der Schule so war, wie ich mich mit den anderen gerade so verstehe oder welchen Jungen ich toll finde...

Sie ist einfach meine engste Vertraute in dem ganzen Freundschaftsdschungel.

Luisa ist jetzt auch gekommen, sie will ihren Cellini heute nur longieren und geht schon mal in die Halle, als der Tierarzt endlich kommt.

Ich gehe mit Mausi in die Stallgasse, der Tierarzt hört sie ab, nickt recht zufrieden und meint: „Naja, noch ein paar Aufbauspritzen, dann kann sie wieder langsam bewegt werden und fressen darf sie dann ab heute Abend auch wieder. Ab morgen kannst du dann langsam wieder mit der Reiterei anfangen.“

Ich halte Mausi gut fest, damit sie bei den Spritzen  ruhig bleibt und nach der fünften Spritze ist der Arzt dann endlich fertig.

Und dann geht alles so schnell und doch auch so unendlich langsam, so irreal wie in einem Film:

Der Arzt will gerade gehen, da fängt Mausi an, mit den Vorderbeinen einzuknicken, rappelt sich wieder auf, stakst ein, zwei Schritte weiter, knickt wieder ein. Dieses Geräusch vom Klappern ihrer Hufeisen auf dem Stallboden, wie Mausi immer wieder wegrutscht, weiterkämpft, wieder wegknickt, das werde ich nie mehr vergessen! Dieser Todeskampf scheint ewig zu dauern, irgendwann ist es aber dann doch vorbei - Mausi fällt endgültig in sich zusammen und bleibt liegen.

Ich sitze neben ihr, ihren Kopf auf meine Beine gebettet und streichle sie - ich habe keine Ahnung, was da gerade passiert ist, aber als ein grauer Schleier über ihre Augen zieht und sie aufhört zu blinzeln und zu schnaufen, da weiß ich instinktiv: Es ist vorbei und keiner kann sie mehr retten.

Mausi ist tot, gestorben in meinen Armen. Meine beste Freundin, meine Vertraute, mein Ein und Alles... tot.

Was danach passiert, krieg ich kaum noch mit - ich weiß noch, wie ich meinen Papa angerufen habe und alles, was ich rausbrachte, war: Sie ist tot!

Irgendjemand hat mich dann abgeholt, irgendwer hat alles aufgeräumt, irgendwer hat Mausi abgeholt...

Ich bin allein und keiner versteht mich…

Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben zwar nicht immer super und einfach verlaufen, aber ich hatte eine echt schöne Kindheit.

Wir wohnten in einer Siedlung, wo ich eigentlich den ganzen Tag über draußen gespielt habe, mit meinem vier Jahre älteren Bruder habe ich mich super verstanden. Ich war nie das typische Mädchen, das mit Barbie und Puppen gespielt hat - im Gegenteil: Ich war wild, habe fast immer nur mit Jungs draußen herumgetobt, das war mehr mein Ding. Da ich bis zur achten Klasse auf die Waldorfschule ging, gab es bei uns zu Hause auch kaum Fernsehen, also habe ich mich anderweitig beschäftigt. Ich war eine sehr gute Schülerin, hatte auch später nie wirklich Probleme mit dem Lernen, das fiel mir immer leicht. Mit den Lehrern kam ich super klar, war halt immer ein braves, strebsames Mädchen, fröhlich und selbstbewusst, habe meine Meinung gesagt und bin für Schwächere eingetreten.

Ich war also weder so zurückhaltend und unsicher, wie es dann später war, noch unglücklich und emotional gebeutelt wie heute. Das kam mit der Krankheit und begleitet mich bis heute.

Mit zehn Jahren habe ich dann das Reiten für mich entdeckt und da meine Eltern beide gearbeitet haben, war es meine Oma, die mich täglich betreut, zum Geigenunterricht, zu Freunden und auch in den Stall gefahren hat. Das war meine Leidenschaft, dort war ich gut aufgehoben und auch wenn dort nicht immer alles „Grün“ war, weil dort mit vielen Mädels auf einem Haufen des Öfteren kleine Streitereien liefen, war das Reiten, Pflegen und sich Kümmern um Pferde einfach das Schönste für mich!

Als ich Mausi mit 13 Jahren bekam, ging ein Traum in Erfüllung. Bis dahin war ich eh schon jeden Tag im Stall, aber mit Mausi war ich einfach was Besonderes.

Keine zwei Jahre später war sie tot.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass damit alles angefangen hat.

Ich war entwurzelt, mit einem Ereignis konfrontiert, mit dem ich absolut nicht klar kam und das zu einer Zeit, als ich dank Pubertät ja sowieso schon in einem emotionalen Chaos steckte. Vielleicht hat dieses Ereignis aber auch die frühe Trennung meiner Eltern - ich war damals zwei Jahre alt, meine Mutter hat aber recht schnell wieder geheiratet, meinen für mich richtigen Dad, der uns auch sofort adoptiert hat - wieder hochgeholt. Wie auch immer, seit diesem Tag im Oktober war meine Welt nicht mehr dieselbe:

11.12.1993

Liebes Tagebuch,

Also, jetzt schreib ich mal wieder. Mir geht `s ziemlich beschissen. Seit Mausis Tod hab ich zu nix mehr Lust.

Und wenn ich mal was anfange, geht ’s garantiert daneben.

Ich rauche und sauf wie blöd, nur um mal nicht ständig nachdenken zu müssen. Im Stall ist es auch total blöd, irgendwie haben alle miteinander Streit und ich keine Aufgabe mehr oder einen Grund, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Bei der Weihnachtsfeier im Stall haben Luisa und ich uns so richtig zulaufen lassen, aber ich hab voll den Depri bekommen und geheult wie bescheuert, wegen Mausi.

Dann haben uns zwei Typen angemacht und der eine hängt der Luisa jetzt am Arsch...  Mich will ja eh keiner.

Caro in der Schule ist total lieb. Ich glaub sie hat auch schon so einiges erlebt und mit ihr kann ich über alles reden und jetzt geht sie von der Schule ab!!! Und wieder einmal bin ich allein... Das scheint im Moment so mein Motto zu sein. Bald ist Weihnachten, aber ich habe null Bock - auf was soll ich mich denn bitte freuen? Ich könnt´ nur noch heulen oder mich vor Ärger auf Alles und Jeden selber schlagen - am liebsten würd´ ich gar nicht mehr aufstehen. Sobald ich aus dem Haus gehe, muss ich die Starke spielen, muss so tun, als wär´ ich gut drauf. Dabei könnt´ ich nur heulen. Meine Mutter sagt dann immer, das sei die Pubertät.

Ha, ha! Die kriegt sowieso nix mit, was so abgeht, wenn man nie da ist, kann man ja auch nix checken. Die Einzige, die mich verstanden hat, ist tot, die andere geht von der Schule!

Meine Noten sind auch nicht mehr so gut - ist zwar noch keine Fünf dabei, aber eben auch immer weniger Einser und Zweier. Aber mich haben im Moment eh alle auf dem „Kieker“...

Egal, ich bin `s ja gewöhnt zu lächeln, auch wenn `s net stimmt - spiel ich halt weiter das liebe Mädchen, ist einfacher...

Ciao, bis bald!

Ich bin zwar weiterhin oft in den Stall gegangen - was hätte ich auch groß anderes tun sollen - durfte dann auch ab und zu von anderen Leuten die Pferde reiten, aber es war eben nicht dasselbe.

Zu der Zeit fing ich dann an, mit Luisa viel um die Häuser zu ziehen. Luisa war so alt wie ich, aber schon voll entwickelt und echt `ne Schönheit.

In meinen Augen hatte sie alles, was ich gern gehabt hätte: Ein eigenes Pferd, Eltern, die sich fürs Reiten und sie interessierten (wobei, zugegeben, der Vater echt genervt hat), die mit auf Turniere waren und die Geld hatten und ihr alles gekauft haben, was sie wollte.

Also hatte Luisa alles, was man brauchte, um bei Jungs gut anzukommen und ich war ihre Begleitung. Auch damals war das schon so, dass immer eine Hübsche mit einem Mauerblümchen um die Häuser zog. Die Stille, Unsichere (oder auch das hässliche Entlein) brauchte die Schöne, um auch etwas zu erleben, die Schöne brauchte das Mauerblümchen, damit sie selber mehr zur Geltung kam.

Ich war zu der Zeit unsicher, ungestylt, hatte keine coolen Schuhe oder Hosen, ich war auch nicht besonders hübsch - bis dahin hatte das ja auch keine Rolle gespielt - und Jungs waren für mich noch Aliens.

Aber Luisa brachte mir alles bei - ich weiß noch wie sie an einem Nachmittag versucht hat, mich mit einem Jungen zu verkuppeln -, da ging es nicht darum, ob ich nett oder schlau oder lieb war, nein, er wollte nur wissen, wie viele Burlington-Socken und wie viele Levis Jeans ich wohl hätte!

Ja, die Pubertät war echt hart.

Ich hatte meinen Halt im Stall verloren und stürzte mich nun voller Elan auf dieses Unbekannte, aber doch Reizvolle: Partys, Jungs, Rauchen, Alkohol, Liebe,... alles musste jetzt mit fast 16 echt dringend nachgeholt werden.

Wenn ich jetzt so meine Eintragungen von früher nachlese, merke ich, wie wunderbar naiv und kindlich ich doch war!

+++ +++ +++

Textprobe: Nina Federlein

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